01.08.2005

Die Tränen der Generäle

Hat die Atombombe den Zweiten Weltkrieg beendet? Noch nach der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki versuchten Japans Militärs, die unvermeidbare Kapitulation zu verzögern.
Kaiser Hirohito erfuhr erst am Nachmittag des 6. August durch seinen engsten Vertrauten, den Kaiserlichen Siegelbewahrer Koichi Kido, dass der Feind die westjapanische Stadt Hiroshima durch eine "geheime Waffe" verwüstet habe.
Die Nachricht war eine weitere Schreckensmeldung in einer Kette von Katastrophen. Nippons Metropolen waren schon durch infernalische Brandbombenangriffe verwüstet. Auch Hirohitos Palast war schwer beschädigt, der Tenno lebte im Obunko, der Bibliothek. Mit seinen Generälen und Beratern tagte er in einem stickigen Luftschutzbunker.
In Hiroshima, das ahnten der Tenno und sein Kabinett, hatte der Feind seine Überlegenheit auf neuer Stufe vorgeführt. "Egal, was mit mir passiert, wir müssen diesen Krieg so schnell wie möglich beenden", forderte Hirohito seinen Außenminister Shigenori Togo auf. Der versuchte verzweifelt, in letzter Minute mit Hilfe von Moskau günstigere Kapitulationsbedingungen zu erreichen. Der Kaiser selbst hatte schon im Juni angeordnet, über die Sowjetunion Fühler für einen Verhandlungsfrieden mit den Amerikanern auszustrecken.
Keiner in Tokio kam aber auf die Idee, die bedingungslose Kapitulation zu akzeptieren. Wenn es in den letzten Kriegstagen überhaupt einen Japaner gab, der dem Unvermeidlichen ins Auge sah, dann war es Naotake Sato. Sato war bei Stalin als Botschafter des Kaisers akkreditiert. Mitte Juli hatte er bereits an seinen Dienstherrn gekabelt, was in Tokio niemand auszusprechen wagte: "Wenn unser Land wirklich den Krieg beenden will, bleibt uns keine Alternative als die bedingungslose Kapitulation oder etwas sehr Ähnliches." Von Außenminister Togo wurde der Diplomat nach Hiroshima telegrafisch gedrängt, nun erst recht Friedenssondierungen in Moskau voranzutreiben.
Am Nachmittag des 8. August begab sich Sato zur Audienz beim russischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow. Der aber empfing ihn stehend und verlas die Kriegserklärung an Tokio. Am nächsten Morgen ließ Stalin seine Truppen in die von Japan besetzte Mandschurei einmarschieren.
Als Hirohito und seine Berater vom sowjetischen Kriegseintritt erfuhren, befand sich das US-Flugzeug mit der Plutoniumbombe "Fat Man" bereits im Anflug auf Nagasaki. Mit dem Einfall der Sowjets in die Mandschurei waren alle Hoffnungen auf Verhandlungsfrieden endgültig zerstoben.
Nippons Staatsspitze war hoffnungslos gespalten - in die bedingt Kapitulationswilligen um Außenminister Togo und in die Fraktion der militärischen Haudegen wie Heeresminister Korechika Anami. Auch die Nachricht von der atomaren Vernichtung Nagasakis konnte das Patt nicht lösen. "Rein rechnerisch haben wir zwar keine Aussicht auf Sieg", tönte Anami, "aber indem wir den Kampf um die Ehre der Yamato-Rasse fortsetzen, wird sich schon irgendeine Chance eröffnen."
Über acht Stunden wälzten der Oberste Kriegsrat und das Kabinett am Tag von Nagasaki dieselben fruchtlosen Argumente hin und her. Schließlich bat Siegelbewahrer Kido den Tenno, dem sonst nur die Absegnung einstimmiger Kabinettsbeschlüsse oblag, unter Bruch der Tradition ein Machtwort zu sprechen.
So kam es.
Hirohito wirkte noch schmächtiger als sonst. Er beugte sich vor und sah auf seine Berater herab, die steif und mit ehrfurchtsvoll gesenkten Köpfen an den langen Tischen saßen. Auch jetzt erteilte der Tenno keine Befehle. Stattdessen gab Seine Majestät in gestelzter Hofsprache Gefühle kund: "Ich kann es nicht länger
ertragen, mitanzusehen, dass mein unschuldiges Volk weiter leidet."
Nun konnten auch die alten Haudegen nicht länger an sich halten: Sie warfen ihre Arme über die Tische und schluchzten hemmungslos. Dann vernahmen sie den entscheidenden Satz des Tenno: Er schlucke seine eigenen Tränen und stimme dem Vorschlag des Außenministers zu. Im Klartext: Japan solle die Deklaration von Potsdam annehmen, vorausgesetzt, dass der Fortbestand der Monarchie gewahrt bleibe.
Als wenige Tage später die Antwort von US-Außenminister James Byrnes in Tokio eintraf, zankte die Führung von neuem. In der Byrnes-Note stellten die Amerikaner die endgültige Entscheidung über die Regierungsform des Landes dem freien Willen des japanischen Volkes anheim. Damit bauten sie Tokio praktisch eine goldene Brücke.
Doch die Militärs stellten abermals alles in Frage, und auch der Tenno selbst äußerte trotzig im Familienkreis, "natürlich" werde Japan weiterkämpfen, wenn die Stellung des Kaisers nicht garantiert werde. Er scherte sich weniger um die Leiden der Bevölkerung durch mögliche weitere Atombomben oder die drohende Invasion der Roten Armee; ihm ging es in erster Linie um das Überleben seiner Monarchie.
Um Hirohito zu unterstützen, drängten überforsche Untergebene von Heeresminister Anami sogar auf einen Putsch: Erst wollten sie die "falschen Berater" des Tenno wie Togo verhaften, dann mit dem göttlichen Segen des Monarchen weiterkämpfen.
Tokio schwirrte vor Umsturzgerüchten. Auf der anderen Seite des Pazifiks verlor die US-Regierung langsam die Geduld. Die Zeit war knapp, Stalin plante schon die Aufteilung Japans. Zwar hatten die USA Stalin selbst zum Kriegseintritt gedrängt. Aber als jetzt Molotow eine russische Beteiligung am künftigen Besatzungsregime in Japan forderte, wiesen die Amerikaner dies empört zurück und erhöhten den Druck auf Japan.
Der Tenno ließ sich von Mitarbeitern, denen vor allem das Vordringen der Sowjets und eine mögliche Besetzung der Nordinsel Hokkaido durch die Rote Armee Sorge machte, zu einem weiteren Traditionsbruch überreden. Er berief eine Konferenz der gesamten Staatsführung ein.
Das Drama schien von vorn loszugehen. Die Gegner einer Annahme der Byrnes-Note durften das Wort ergreifen. Doch dann sprach der Tenno und forderte seine Untertanen auf, das "Unerträgliche zu ertragen". Dabei wischte er sich mit einem weißen Handschuh Tränen von den Augen; zwei Minister sackten vor Schreck auf den Fußboden. Es sei sein Wunsch, fuhr Hirohito fort, dass das Kabinett sofort ein kaiserliches Edikt zur Beendigung des Krieges entwerfe. Er sei bereit, es im Radio zu verkünden.
Nun lagen sich auch die übrigen Teilnehmer der Konferenz heulend in den Armen. Premier Suzuki verbeugte sich hilflos - Hirohito verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Eigentlich gab es jetzt nicht mehr viel zu tun. In den Höfen der Ministerien verbrannten Beamte fieberhaft Akten. Anami zog sich wie andere führende Militärs zum Harakiri, dem rituellen Selbstmord, zurück. Doch einige seiner Untergebenen wollten die Ansprache des Tenno verhindern: Der junge Offizier Kenji Hatanaka organisierte, mit dem Fahrrad durch das zerstörte Tokio radelnd, die Revolte. Am Abend des 14. August gelang es ihm, mit seiner Gefolgschaft das Palastareal zu besetzen.
Ihr eigentliches Ziel erreichten die Aufständischen indes nicht: Die Aufzeichnung von Hirohitos Ansprache, die über Radio gesendet werden sollte, suchten sie vergebens.
Am 15. August 1945 knisterte aus den Radiolautsprechern die hohe Stimme des göttlichen Monarchen, die die meisten Japaner noch nie vernommen hatten: "An unsere guten und treuen Untertanen", fistelte Hirohito in seinem Hofjapanisch, das kaum jemand verstand. "Nach reiflichem Nachdenken über den allgemeinen Lauf der Welt und die Bedingungen, die heute in Unserem Reich herrschen, haben Wir beschlossen, ein Ende der derzeitigen Situation herbeizuführen, indem Wir eine ungewöhnliche Maßnahme ergreifen ..." WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 31/2005
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