01.08.2005

FILMFlaschenpost aus Bagdad

Mit deutscher Geburtshilfe ist ein erstes Spielfilmprojekt aus dem Nachkriegs- Irak zu Kinoreife gediehen.
Die Filmkamera, auch wenn sie ziellos umherzuirren scheint, sammelt Zeugnisse, Bild um Bild: Schutthalden, ausgebrannte Fassaden, spielende Kinder, Obstkarren, Müllberge, brennende Autowracks, hier ein Lumpensammler, da ein klagender Greis, am Straßenrand hastig verscharrte tote Soldaten. In der Ferne gelegentlich Detonationen. Nebenschauplätze, nichts Spektakuläres: Bagdad in den Monaten nach dem offiziellen Kriegsende.
Der Iraker Oday Rasheed, Jahrgang 1973, der nie aus seinem Land herausgekommen ist, solange dort Saddam Hussein herrschte, war offenbar von früh an ein Kinobesessener, obwohl es für ihn - außer in privaten Video-Zirkeln - vom Kino der weiteren Welt herzlich wenig zu sehen gab. Er habe, so heißt es, Anläufe zu einer Art Filmstudium gemacht; habe in Zeitungen über Filmthemen geschrieben, dann ein paar Fernsehdrehbücher verfasst, habe auch experimentelle Kurzvideos gedreht (worunter man sich wenig vorstellen kann) und dem großen Durchbruch als Autor und Regisseur nach der Stunde null entgegengefiebert.
Irgendwann in den Monaten nach dem Zusammenbruch, wohl im Sommer 2003, ist Rasheed unter der Hand an ein paar tausend Meter überalterten, aber unbelichteten Kodak-Farbfilmmaterials gekommen, vermutlich aus geplündertem Staatsbesitz, und diesen Glücksfall verstand er als Ruf zur Tat: Zusammen mit seinem Bruder Majed als Produzenten, mit einem sachkundigen Kameramann und ein paar Freunden als Darstellern nahm Oday Rasheed in engen Gassen und Winkeln Bagdads einen Film in Angriff, während auf den Hauptstraßen noch geschossen und gebombt wurde.
Das Material, das zwischen Herbst 2003 und Frühjahr 2004 zusammenkam - teils dokumentarische Streifzüge durch die verwüstete Stadt, teils Interviews mit Überlebenden, teils Spielszenen mit einem Filmregisseur als Zentralfigur -, bildet nun den Grundstock des irakisch-deutschen Kinofilms "Underexposure": Er heißt so, weil man während des Drehens über die elementaren Überlebensängste hinaus in Angst war, später beim Entwickeln (in einem Kodak-Labor in Beirut) könnte sich all das alte Zelluloid als "unterbelichtet" und also alle Mühe, alles Risiko, alle Leidenschaft als vergeblich erweisen. Man hatte Glück: Die Authentizität des Blicks in die Hinterhöfe und Hinterzimmer einer unendlichen Leidensgeschichte gibt dem Film die Dringlichkeit eines Dokuments.
"Underexposure" kommt nun in deutsche Kinos, weil sich als helfende Finanziers und künstlerische Berater in Berlin die Produzentin Maria Köpf und der Regisseur Tom Tykwer von der Firma X Filme für Oday Rasheed stark gemacht haben. Offenbar tief beeindruckt von der Substanz seines Rohmaterials, offenbar aber auch überzeugt, dass zu dessen kinomäßiger Rundung und Aufwertung ins Exemplarische noch einiges an Zutaten nötig sei (auch ein bisschen Musik von Oscar-Preisträger Gabriel Yared), mögen diese Geburtshelfer darauf hingewirkt haben, dass die Figur und Problematik des Künstlers ins Zentrum rückt. Der Filmregisseur als Film-Hauptfigur trägt nun in metaphernschweren Monologen seine Selbstzweifel vor sich her und muss in ein paar Eheszenen, die nachträglich in Berlin gedreht wurden, auch seiner Frau bedeuten, dass die private Zweisamkeit zurückstehen muss, wenn die Kunst ruft.
Diese Berliner Penetranz, den Film bedeutsam erscheinen zu lassen, macht ihn künstlicher, ohne ihm damit zu helfen. Man nimmt ihn besser als das, was er so bescheiden wie eindringlich ist: Zeugnis, Selbstvergewisserung, filmische Flaschenpost, Lebenszeichen. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 31/2005
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