09.02.1976

HANDELJosef und seine Gelder

Josef Neckermanns Handelshäuser verdienen kaum noch Geld. Kann die Familie des Reiterhelden das Unternehmen halten?
Der Mann, den die meisten Deutschen für steinreich halten, führt seit Jahren ein Doppelleben zwischen Gewinn und Verlust.
Wenn Dressurreiter Josef Neckermann morgens um sieben zu seinen Stallungen in Götzenhain bei Offenbach schreitet, dann weiß er, daß olympischer Platzgewinn für ihn immer noch drin ist. Aber wenn Versandhändler Josef Neckermann, 63, zwei Stunden später seine Chef-Suite in Frankfurts Hanauer Landstraße ansteuert, dann ist von Gewinn nicht die Rede: Das Handeishaus des Patriarchen wirft seit 1965 kaum noch etwas ab.
Steigende Umsätze, so wird der einstige Preisbrecher der Nation diese Woche verkünden, haben dem Versandhaus weiter sinkende Rendite gebracht: Zwar kletterte der Neckermann-Umsatz 1975 um rund 16 Prozent, weit steiler als die Umsätze der Konkurrenz. Aber die Erträge blieben auf der dürftigen Hohe von 1974 hängen.
"Wir investieren in die Dynamik des Hauses", verklärt Reiterssohn Peter Neckermann, 40, wie sein Vater persönlich haftender Gesellschafter des Unternehmens, die Tristesse der Neckermann Versand KG aA. Mit dem Verzicht auf zusätzliche Erträge, so der Versandhaus-Junior, habe das Handelshaus fast 400 Millionen Mark Umsatzzuwachs herausgeholt.
Vergleichsweise bescheidene Investitionen wie vier Millionen Mark für neue Computer und zehn Millionen für den Ausbau des Sammelbesteller-Systems brachten das Drei-Milliarden-Unternehmen an den Rand der roten Zahlen. Was an ihnen noch schwarz ist, stammt vorzugsweise aus den Gewinnabführungen gutgehender Töchter, vor allem der Reisefirma NUR.
Neckermanns Touristiktochter ist der einzige Ableger des Konzerns, der auch heute noch der Konkurrenz voraus ist. Für 1975 dürfte die Firma über neun Millionen Mark Gewinn vorzeigen und an die große, aber schwache Mutter abführen. Kenner glauben, daß die NUR einen doppelt so hohen Betriebsgewinn erwirtschaftet hat.
Zusätzliches Geld zieht der Versandhändler aus den hoch angesetzten Mieten, die seine Tochterunternehmen für die Benutzung des Neckermann-Zentralcomputers zahlen müssen.
Sonder-Inkasso für die ertragsschwache Saison 1975 sicherten sich "Necko" Neckermann und Sohn Peter durch den Verkauf ihres letzten (39,35 Prozent) Anteils an der einst mit Preisbrecher-Sprüchen hochgelobten Neckura-Versicherung. Das Neckura-Geld soll, so Peter Neckermann, "voll im Warenbereich investiert werden".
Dort, im Ursprungsgeschäft des Hauses, ist Investition auch vonnöten. 1957 noch lag Neckermann an der Spitze des deutschen Versandhandels. Erste Adressen, wie etwa Großkapitalist Friedrich Flick, halfen bei der Finanzierung. Aber schon Ende der fünfziger Jahre wurde der Frankfurter vom Fürther Konkurrenten Gustav Schickedanz, der die riesige Quelle-Gruppe befehligt, abgefangen. Und 1963 stieg Flick aus und nahm rund 70 Millionen Mark Bares mit.
"Für Flick war die Investition hochrentierlich", beklagt Patriarch Neckermann noch heute den Verlust der Millionen. Von Stund an nämlich war nie mehr genügend Geld in der Kasse. Josef Neckermann aber setzte den Ausbau jenes Geschäftszweiges fort, den Flick für unrentabel hielt: die Kaufhäuser, in denen mittlerweile 60 Prozent sämtlicher Neckermann-Waren umgesetzt werden.
Die Kaufhäuser gerieten kostspielig. Während nämlich große Einzelhandels-Konzerne wie Karstadt und Kaufhof ihre Häuser auf längst erworbenem City-Grund selber hinstellten, mußte Neckermann für City-Lagen hohe Mieten zahlen. Die einzige Chance, aus dieser Klemme zu kommen, hatte der sendungsbewußte "Necko" schon bald ausgeschlagen: eine von Flick vermittelte Zusammenarbeit mit dem Kaufhaus-König Helmut Horten.
Um trotz Flick und Horten neues Geld ins Unternehmen zu pumpen, wandelte Neckermann seine Firma 1963 zur Kommanditgesellschaft auf Aktien um. Dann schickte er seinen ältesten Sohn Peter in die Wallstreet-Bank Morgan Guaranty Trust ("Peterchens Mondfahrt"), die 48 Prozent des Neckermann-Kapitals an die Börse bringen sollte. "Damals", so Peter Neckermann heute, "entschloß sich mein Vater, die Unternehmensinteressen über die Kapitalinteressen der Familie zu stellen."
So ganz freilich doch nicht: Josef und Peter wurden mit 52 Prozent nicht nur größte Aktionäre. "sondern sicherten sich laut Satzung auch das Recht, gegen sämtliche Entscheidungen des Aufsichtsrats ihr Veto einzulegen. Zudem kann der Senior darauf bestehen, auch noch seinen zweiten Sohn Johannes, der Management-Leistungen bisher schuldig blieb, in die Unternehmensspitze zu heben.
Mehr als 50 Millionen Mark Investitionen im Jahr konnte der Frankfurter Handelsherr sich nie mehr leisten. Konkurrent Quelle brachte es zeitweise auf das Doppelte -- und wuchs auf doppelte Neckermann-Größe. "Die unternehmerische Potenz meines Vaters", schönt Sohn Peter auch dieses Unheil, "ist stets größer gewesen als seine finanziellen Möglichkeiten."
Betriebswirt Peter Neckermann, dem wohl die Härte seines Vaters, nicht aber bessere Einsichten fehlen, vermied es noch stets, den Zorn des Olympiers durch offene Aufmüpfigkeit zu entfachen. Die Heldenverehrung des Sohnes für den Vater aber bremst das Unternehmen nun weiter. Bislang nämlich gelang es der Partei des Jüngeren nicht, in der Zentrale bessere Personalpolitik durchzusetzen.
Josef Neckermann regiert mit ergebenen Assistenten, die später Abteilungsleiter werden, aber nicht mit einem leistungsstarken Management. Sohn Peter, verantwortlich für Tochtergesellschaften, zeigte dagegen bei der Reisegruppe NUR, wie mit wenigen Spitzenleuten Marktpositionen und Gewinne zu erstreiten sind.
Weniger Sohn Peter als der Zwang der Geschäfte haben den Senior in letzter Zeit zu der Einsicht geführt, eines Tages Ruder und Kapitalanteile am Unternehmen abzugeben. Schon in den sechziger Jahren reduzierte die Sippe ihren Kapitalanteil auf unter 40 Prozent. Banken-Insider wollen wissen, in Wahrheit könne Neckermann nur noch über ein Viertel der Versandhaus-Aktien kommandieren.
Auch bei diesem Viertel bleibt es nicht unbedingt. "Wir verhalten uns immer mehr wie eine reine Aktiengesellschaft", verrät Vater Josef, der sich neuerdings "sehr wohl vorstellen" kann, den Aufsichtsrat der Firma zu zieren.
Bevor Josef und seine Banken freilich das Unternehmen durch Satzungsänderung umwandeln können, müssen sie zunächst ihren einzigen Großaktionär. den Offenbacher Baulöwen Karl-Heinz Reese, loswerden. Reese aber ("Vom Werbeeffekt her ist der Name Neckermann mir eine Million wert") will erst verkaufen, wenn sich der Kurs der Neckermann-Aktie um fünfzig Prozent verbessert hat. Soviel Geld will vorerst niemand zahlen.
Wenn die Frankfurter Handelsherren den Offenbacher los sind, will Sohn Peter stärkere Geldgeber akzeptieren und vielleicht auch ohne viel Neckermann-Kapital weitermachen. Barmte der Junior: "Jeder, der das Unternehmen fördert, wäre jetzt hochwillkommen."

DER SPIEGEL 7/1976
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