09.02.1976

STALINGRADFremde Heers

Trägt Hitler nicht die Alleinschuld an der Katastrophe von Stalingrad? Bislang unerschlossene Quellen enthüllen, daß er seinen Generalstab vergeblich vor der Einkreisung durch die Rote Armee gewarnt hat.
Die Katastrophe war da, Deutschlands 6. Armee verblutete auf den schneebedeckten Trümmern Stalingrads. Adolf Hitlers Reich hatte den Nimbus militärischer Unbesiegbarkeit endgültig verloren. Da sprach der Diktator das befreiende Wort: "Für Stalingrad trage ich allein die Verantwortung."
Das fanden die gedemütigten Militärs mit dem Generalfeldmarschall Erich von Manstein "soldatisch anständig", doch dann machten sie von dem Führerwort recht eigenwilligen Gebrauch: Die formale Geste des Obersten Kriegsherrn, der sich vor seine Militärs stellte, frisierten sie zu einem Bekenntnis der Alleinschuld um.
Nach dem Krieg wurden sie nicht müde, in ihren Memoiren darzulegen, wie Hitler durch dilettantische Eingriffe in ihre Kriegführung den möglichen Sieg von Stalingrad verspielt habe. Hitler sei rechtzeitig -- so ihre These -- vor dem sowjetischen Gegenschlag am Don gewarnt worden, habe jedoch alle Mahnungen ignoriert.
Vor allem ein General, dem der Übergang von der Hitler-Ära in die demokratische Nachkriegszeit elegant gelungen war, wußte über Hitlers Sturheit besonders viel zu berichten: Reinhard Gehlen, im Zweiten Weltkrieg Chef der Feindaufklärungs-Abteilung "Fremde Heere Ost" (FHO) und später Präsident des Bundesnachrichtendienstes.
Seine Abteilung, die "immer richtig die Absichten des Feindes im voraus erkannte", habe zehn Tage vor der sowjetischen Gegenoffensive im Raum Stalingrad "genau vorausgesagt, wo der Schlag fallen und welche unserer Armeen davon betroffen sein würden". Doch Hitler habe auf ihn nicht gehört. Memoirenschreiber Gehlen zürnte: "Was nutzen da die besten Geheimdienstberichte, wenn man ihre Warnungen nicht befolgt?"
Jetzt freilich hat eine Gruppe jüngerer Historiker die Stalingrad-Thesen der deutschen Militärs drastisch revidiert. Mit bislang unerschlossenen Quellen wie den Nachlässen verstorbener Generalfeldmarschälle und den Aussagen neubefragter Zeugen enttarnten sie die alte Version als ein Gespinst aus Legende und Apologie.
Den Anfang machte der Bundeswehr-Oberleutnant Hans-Heinrich Wilhelm, der die Prognosen von Gehlens FHO untersuchte und dabei entdeckte, daß die legendenumwobene Abteilung wiederholt, so auch bei Stalingrad, die sowjetischen Gegenoffensiven nicht rechtzeitig erkannt hatte (SPIEGEL 53/ 1974).
Ihm folgte der britische Historiker David Irving mit einer militärischen Hitler-Biographie, die neue Einsichten in das komplizierte Verhältnis zwischen dem Diktator und seinen Militärs vermittelte (SPIEGEL 15/1975).
Die gründlichste Korrektur alter Stalingrad-Vorstellungen aber gelang dem Bundeswehr-Oberstleutnant Manfred Kehrig, der in der ersten und sicherlich auf lange Zeit maßgeblichen Dokumentationsarbeit über die Schlacht von Stalingrad die Entscheidungsprozesse auf deutscher Seite minuziös rekonstruiert*.
Was die drei Historiker eint, ist eine sensationelle Umkehr bisheriger Thesen: Nicht die deutsche Generalität, sondern Hitler hat vor den in Stalingrad lauernden Gefahren gewarnt. "Einer der wenigen", so faßt der Zeitgeschichtler Philipp W. Fabry zusammen, "die eine große russische Offensive im Donbogen mit dem Ziel der Einschließung der 6. Armee voraussahen, war Adolf Hitler."
Ein Zufall hatte den Diktator auf die Gefahren aufmerksam gemacht: eine erbeutete Karte aus den historischen Archiven der Roten Armee. Es war ein vergilbtes Papier aus dem Jahr 1919, auf dem eingezeichnet war,
*Manfred Kehrig: Stalingradl Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 680 Seiten: 86 Mark,
wie die Rote Armee unter Führung Stalins über den Don zwischen Stalingrad (damals noch Zarizyn) und Rostow hervorgebrochen war und die "Weißen Garden" des Zarengenerals Denikin vernichtet hatte.
Hitler holte -- die Szene spielte am 16. August 1942 in seinem Hauptquartier im ukrainischen Winniza -- eine große Lupe hervor und studierte jede Einzelheit. Ihm mußte dämmern, daß er in ähnlicher Lage war wie Denikin.
Seine 6. Armee, der stärkste Verband der Heeresgruppe B, stand vor Stalingrad. Ihre linke Flanke lehnte sich an den Don, an dessen Westufer, rund 500 Kilometer stromauf, die Front verlief. Sie wurde ausschließlich von schlecht ausgerüsteten, mangelhaft verpflegten und keineswegs kampfeslustigen Verbündeten gehalten: Ungarn, Italienern und Rumänen.
Die rechte Flanke der Heeresgruppe B bestand nur aus einer knapp 100 Kilometer langen Frontlinie, die von Stalingrad südwärts in die Kalmückensteppe führte und bruchstückhaft von schwachen rumänischen Verbänden besetzt war. Dann klaffte bis hin zur Heeresgruppe A im Kaukasus eine Lücke von 400 Kilometern, nur von einer einzigen deutschen Infanteriedivision gesichert.
Hitler ahnte instinktiv, wo und wie die deutschen Verbände gefährdet waren. Falls die Rote Armee die Operation von 1919 wiederholte und über den Don auf Rostow durchstieß, würde die gesamte Südfront abgeschnitten und mit ihr vier deutsche Armeen.
Fortan witterte Hitler die tödliche Gefahr zuallererst am Don. Kehrig bestätigt: "Die Gefährdung der Don-Flanke beschäftigte ihn unablässig." Doch er stand mit dieser Lagebeurteilung so ziemlich allein in seinem Hauptquartier.
Der Generalstab des Heeres und vor allem sein oberster Feindlagebeobachter Gehlen konnten sich nicht entschließen, die Hauptgefahr im Raum Stalingrad zu sehen. Zwar rechnete die FHO nach langer Unsicherheit Ende August mit einer russischen Offensive am Don. Doch die Brauchbarkeit dieser Prognose litt darunter, daß die FHO noch sieben andere Frontabschnitte zwischen Leningrad und Stalingrad nannte, an denen russisches Losschlagen für ebenso wahrscheinlich gehalten wurde.
Dann aber legten sich Gehlens Analytiker fest -- mit einer falschen Prognose: Nicht im Süden am Don, sondern bei Smolensk, 1300 Kilometer von Stalingrad entfernt, würden die Sowjets ihren Hauptschlag führen. Gehlens Abteilung observierte den Mittelabschnitt fortan so angestrengt, daß sie viel zu spät erkannte, was sich bei Stalingrad zusammenbraute.
"Die Masse der sowjetischen Panzerbrigaden (im Raum Stalingrad) wurde nicht aufgeklärt", urteilt Kehrig. Die Fehlanalysen der FHO beeinflußten auch den Generalstabschef Franz Halder, der klare Weisungen seines Führers dilatorisch behandelte, weil er sie offenbar für falsch oder voreilig hielt.
Schon Mitte August befahl Hitler dem Generalstabschef des Heeres: "Lassen Sie sofort deutsche schwere Artillerie und Pak hinter dem ungarischen Sicherungsabschnitt auffahren." Doch Halder führte diesen Befehl erst Wochen später aus, zu spät und mit zu schwachen Kräften.
Fast zur gleichen Zeit hatte Hitler die Verlegung der 22. Panzerdivision hinter den italienischen Don-Abschnitt "gewünscht" (Kehrig). Aber offensichtlich überhörte Haider auch diesen Wunsch. Daher befahl Hitler später die sofortige Verschiebung der 22. Panzerdivision und zweier anderer Divisionen hinter die italienischen Linien.
Das war Mitte September, als die Sowjets den Plan faßten, den auf deutscher Seite außer Hitler noch niemand befürchtete. Sie wollten das von den Deutschen schon halbwegs eroberte Stalingrad einkesseln.
Der Plan stammte von dem sowjetischen Generalstabschef, Marschall Wassilewski, und dem Oberbefehlshaber der südlichen Heeresgruppen, Marschall Schukow. Sie schlugen Stalin vor, durch eine Zangenoperation beiderseits von Stalingrad dem "Feind einen vernichtenden Schlag zu versetzen" -- so Schukow in seinen Memoiren. Stalin stimmte zu: die operativen Planungen begannen im Oktober. Stalingrad sollte sein größter Sieg werden, mithin konzentrierte er dort alle verfügbaren Kräfte.
Die FHO aber versteifte sich darauf, die gegnerische Offensive woanders zu erwarten. Kehrig: "Seit Anfang Oktober lag der Schwerpunkt der sowjetischen Herbst- und Winteroperationen aufgrund der Kräfteverteilung nach dem Urteil der Abteilung nun eindeutig vor der Heeresgruppe Mitte."
Funkhorchdienste. Aufklärungsflieger. Gefangenen-Vernehmer und die Gefechtsfeldbeobachtung der Truppe konnten noch so bedrohliche Anzeichen für eine unmittelbar bevorstehende Großoffensive melden -- die FHO blieb unerschütterlich auf den vermeintlich höchstbedrohten Mittelabschnitt fixiert.
Als Ende Oktober nahezu pausenlos sowjetische Transporte in die Brückenköpfe am Don rollten, vermochte die FHO darin keine Angriffsvorbereitung zu erkennen, sondern lediglich eine "Zunahme der feindlichen Aktivität". Auch die Meldungen. wonach die Sowjets eine Brücke nach der anderen über den Don bauten, wurde vom Generalstab des Heeres allenfalls als Vorbereitung für örtlich begrenzte Angriffe gewertet.
Doch Hitler wußte "es besser", wie Irving anerkennt, "er hatte selbst Brücken über Flüsse geschlagen und wußte, was sich damit ankündigte". Deshalb ließ Hitler hinter den gefährdeten Abschnitten Riegelstellungen bauen. Er befahl der Luftwaffe am 2. November, Brücken und Truppenkonzentrationen am Don zu bombardieren. Er ordnete schließlich an, die 6. Panzerdivision und zwei Infanteriedivisionen aus dem Westen zu holen und sie hinter die rumänische 3. und die italienische 8. Armee zu legen.
Das Abziehen dreier Divisionen aus dem Westen kostete Hitler beträchtliche Überwindung, denn er rechnete fest mit alliierten Invasionen in Frankreich und Norwegen. Daß er dennoch dort seine Kräfte schwächte, beweist, wie klar er die Gefahr am Don sah.
Gehlens Abteilung und der ganze Generalstab waren emsig bemüht, Hitler zu demonstrieren, wie unbegründet seine Befürchtungen seien. Die FHO sah -- zwei Wochen vor dem Losbrechen der sowjetischen Offensive -- noch keine Anzeichen für ein "unmittelbares Bevorstehen größerer Angriffe" am Don. Tags darauf, am 6. November. bekräftigte die Abteilung noch einmal in einer ausführlichen Lagebeurteilung, es zeichne sich "mit zunehmender Deutlichkeit" ab, daß die Schwerpunktoperationen der Sowjets allein im Bereich der Heeresgruppe Mitte zu erwarten seien.
Während die Rote Armee alles, was sie an Menschen und Material nur zusammenkratzen konnte, eilends in die Bereitstellungsräume um Stalingrad schaffte, malten Gehlen und seine Männer ein hei Smolensk drohendes Verhängnis in düsteren Farben.
Dort, so argumentierten sie, verlockten Frontverlauf" Gelände sowie Infrastruktur die Sowjets geradezu zu einem Angriff auf die von Deutschen besetzte Stadt Smolensk. Gelinge dieser Angriff, so könne die Rote Armee nach Zerschlagen der deutschen Heeresmitte einen Angriffskeil nach Westen bis in die baltischen Länder vortreiben.
Gehlens Cauchemar schreckte, allerdings Hitler nicht. Der bestieg tags darauf seinen Sonderzug, um in München die traditionelle Bierkeller-Rede am Vorabend des 9. November zu halten. Desto besorgter aber wurden die deutschen Front-Kommandeure in und um Stalingrad.
Bis zum 11. November war es der deutschen Funkaufklärung gelungen, die sowjetische Kräftegliederung und Führungsstruktur im Raum Stalingrad weitgehend zu entschlüsseln. Besondere Aufmerksamkeit galt einem gefürchteten Rammbock sowjetischer Offensivkraft: der 5. Panzerarmee.
Der Kommandeur der deutschen Nachrichtenaufklärung 1 meldete, die Russen hätten ihre 5. Panzerarmee in den Bolschoi-Brückenkopf am Don eingeschoben. Bis dahin hatte diese Armee, die mit ihren 376 Panzern der weitaus angriffsstärkste Verband in der Schlacht von Stalingrad werden sollte, im Mittelabschnitt bei Orel gestanden.
Ende Oktober war sie -- von den Deutschen unbemerkt -- an den Don verlegt worden. Auf der Lagekarte Ost des Oberkommandos des Heeres (OKH) aber war diese sowjetische Armee noch am 18. November in der Gegend von Orel angesiedelt; der Feindteil dieser Karte beruhte allein auf Angaben der Abteilung Gehlens.
Die FHO nahm die 5. Panzerarmee bei Stalingrad einfach nicht zur Kenntnis, was auch Autor Kehrig, der sonst wohlwollend mit Gehlen verfährt, "erstaunlich" findet. Aus der Meldung des Kommandeurs der Nachrichtenaufklärung 1, die umgehend Großalarm hätte auslösen müssen, entnahmen die FHO-Strategen lediglich, daß die Gefahr eines kleineren Angriffs über den Don drohe. Die von den Funkaufklärern ebenfalls für möglich gehaltene doppelte Umfassung der zwischen Don und Wolga stehenden deutschen Kräfte wurde nicht ins Kalkül gezogen.
Am nächsten Tag, dem 19. November. walzten die bis zuletzt nicht erkannten Verbände der 5. Panzerarmee die Don-Front nieder. Irving: "Es geschah an der von Hitler vorausgesagten Stelle."
Drei Tage später war die deutsche 6. Armee in Stalingrad eingeschlossen. Drei Wochen später, die 6. Armee war praktisch schon verloren, paßte sich die FHO-Prognose allmählich den Realitäten an. Nun hielt es die Abteilung immerhin für möglich, daß die Sowjets den Schwerpunkt ihres Einsatzes "unter Umständen" von der Heeresgruppe Mitte (also Smolensk) "mehr an den südlichen Teil der Front" verlagern könnten.
Dazu der Historiker Hans-Heinrich Wilhelm: "Allerdings waren mittlerweile die weiteren sowjetischen Angriffsvorbereitungen am Don wirklich nicht länger zu übersehen."
Und selbst Marschall Schukow, der Sieger von Stalingrad, gab unumwunden zu, daß Gehlen ihm erleichtert hatte, den Triumph zu erringen: Die Lage der in und um Stalingrad kämpfenden deutschen Soldaten habe sich "durch ihre unzulängliche Aufklärung noch verschlimmert".
Die deutsche Aufklärung, so Schukow, habe nicht erkannt, "daß wir die größte Gegenoffensive im Raum Stalingrad vorbereiteten, an der dann elf Armeen ... 13 500 Geschütze und Granatwerfer, etwa 900 Panzer und 1414 Flugzeuge mitwirkten."
Für die Abteilung Fremde Heere Ost waren die Sowjet-Armeen bis zuletzt tatsächlich fremde Heere geblieben.

DER SPIEGEL 7/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

STALINGRAD:
Fremde Heers

  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld
  • Stunt-Video aus Thailand: Mit dem Wakeboard über den Wochenmarkt