09.02.1976

GERLINGScharf geschossen

Erst jetzt bekommt Hans Gerling die Spätfolgen der Herstatt-Pleite voll zu spüren: Vermutlich muß er weitere Teile seines Versicherungskonzerns verkaufen.
An diesem Mittwoch beginnt für Hans Gerling, Versicherungsunternehmer zu Köln, die vorerst letzte Etappe seines Abstiegs.
Drei Gutachter werden dem einst allmächtigen Alleinherrscher über Westdeutschlands drittgrößten Versicherungskonzern Expertisen überbringen, die ihn um etliche Millionen ärmer machen werden: Sein Assekuranz-Reich ist statt wie bislang geschätzt 380 Millionen Mark nur 330 Millionen wert.
Schlecht für Hans Gerling: Seine Verpflichtung, 200 Millionen Mark in die Vergleichsmasse seiner Pleitebank Herstatt zu zahlen, könnte ihn weitere Anteile seines Versicherungskonzerns kosten. Und um diesen Batzen zusammenzubringen, hatte er 51 Prozent seines Konzerns an die Schweizer Zürich-Versicherungsgruppe und an ein aus über 40 Industrie-Kunden gegründetes Konsortium abgetreten. 100 Millionen Mark kassierte er vorab, die genaue Schlußabrechnung vertagten die neuen Machthaber bis zur Übergabe der Bewertungs-Gutachten.
Um Zwist zu vermeiden, hatten sich Gerling und seine beiden neuen Groß-Gesellschafter auf ein kompliziertes Berechnungsverfahren verständigt. Danach gaben die drei Teilhaber jeweils bei Treuhandfirmen ihrer Wahl Expertisen in Auftrag. Aus dem Mittelwert der von den beiden Käufern ermittelten
* SPIEGEL-TiteI 32/1974.
Schätzwerte einerseits und Gerlings Taxe andererseits sollte dann der endgültige Durchschnittswert der Versicherungsgruppe abgeleitet werden.
Wie erwartet werden Käufer und Verkäufer am Mittwoch mit weit auseinandergehenden Preisvorstellungen ins letzte Gefecht gehen. Hans Gerling ließ seinen Konzern auf 360 Millionen taxieren, die Industrie-Gutachter brachten es auf 320, die Zürich gar nur auf 280 Millionen. Endgültiger Konzernwert laut Formel: 330 Millionen Mark.
Der für Gerling unerwartet niedrige Preis treibt den früheren Alleinbesitzer abermals in die Enge: Für seine Schlußzahlungen an die Herstatt-Gläubiger fehlen ihm 35 Millionen. Neue Forderungen drohen auch aus dem Versicherungskonzern: Zur finanziellen Ausstattung der als Oberholding eingerichteten Gerling Versicherungs-Beteiligungs-Gruppe (GVB) muß er demnächst 30 Millionen Mark einzahlen.
Die ärgste Not bereiten dem verschwiegenen Kölner jedoch private Verpflichtungen, die von den neuen Herren bei der Durchleuchtung des verschachtelten Firmen-Konglomerats aufgedeckt wurden. Nicht weniger als 81 Millionen Mark schuldet der Finanzmann, der Privat- und Firmengeschäfte trickreich miteinander vermischte, bis heute seinem Konzern.
Um diese Schulden abzuzahlen, will Gerling den ihm verbliebenen 45-Prozent-Anteil an der Gerling Global Bank für gut 16 Millionen Mark der Versicherungs-Holding überlassen. Weitere 35 Millionen will der Groß-Schuldner durch den Verkauf von Grundstücken und anderen Vermögenswerten lockermachen, die in seiner privaten Vermögensbilanz zu Buche stehen.
Selbst das wird kaum weiterhelfen. Denn auch wenn diese Verkäufe nach Wunsch gelingen, bleibt er in einer Finanzlücke von 95 Millionen Mark hängen, die er nur noch durch eine weitere Teilveräußerung der ihm verbliebenen Konzern-Minorität abtragen kann.
Die Industriekonsorten freilich verrieten bereits ihr Desinteresse. Und auch die Zürich-Manager ließen Gerling im ungewissen. Zürich-Chef Fritz Gerber etwa entschuldigte sich für das vorentscheidende Aktionärstreffen Ende vorletzter Woche mit einer unaufschiebbaren Wehrübung.
Dabei wäre Beistand aus der Schweiz nötiger denn je. Erstmals seit Jahren ging 1975 laut Vorstandssprecher Rolf Gamper das Prämienaufkommen im wichtigen Feuerversicherungsbereich um "mehr als 15 Prozent" zurück. Für den "besorgniserregenden Trend" macht der Konzern vor allem die Konkurrenz verantwortlich. Ein Gerling-Insider: "Die haben scharf auf uns geschossen."

DER SPIEGEL 7/1976
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