09.02.1976

USA: Rücktritt eines „Volkshelden“

Er nannte Ugandas Idi Amin vor der Uno einen „rassistischen Mörder“ und qualifizierte die Vollversammlung als „absurdes Theater“ ab, jetzt ließen ihn seine ehemaligen Gönner Ford und Kissinger fallen: Daniel Patrick Moynihan, Amerikas wortgewaltigster Diplomat, trat von seinem Amt als US-Chefdelegierter bei den Vereinten Nationen zurück. Die State-Department-Bürokraten hatten über den politischen Exzentriker, der Kissinger die Schau stahl, gesiegt. Doch Moynihan will in der Politik bleiben -- möglicherweise als Senator des Staates New York.
Am Telephon in New York: Amerikas Uno-Botschafter Daniel Patrick Moynihan. Am Telephon in Washington: Amerikas Außenminister Henry Kissinger.
Der Minister: "Hallo, Pat, was gibt"s?"
Moynihan: "Lieben Sie mich?" "Natürlich liebe ich Sie, Pat."
"Warum sagen Sie"s denn nicht? Warum muß ich immer erst fragen, ob Sie mich lieben?"
"Ich habe Ihnen gestern erklärt, daß ich Sie liebe, genügt das nicht?"
"Das war gestern. Heute ist ein anderer Tag ... Henry, sagen Sie"s doch noch einmal." "Was?"
"Daß Sie ohne mich nicht leben können."
"Soweit kann ich nicht gehen." "Das reicht. Ich trete zurück."
Das Telephongespräch ist Fiktion, ersonnen von Amerikas satirischem Starkolumnisten Art Buchwald. Aber Daniel Moynihans plötzlicher Rücktritt am vorigen Montag könnte sich durchaus etwa so abgespielt haben.
Denn der wortgewaltigste, umstrittenste Diplomat, den Washington je in die Uno entsandte, brauchte möglichst täglich einen Treueschwur seiner Regierung.
Den letzten, vom Präsidenten und vom Außenminister, hatte er zwar erst ein paar Tage zuvor bekommen, aber da waren seine Chefs. zumindest Kissinger, tatsächlich schon längst zu der Erkenntnis gelangt, ihr Mann bei der Uno stelle zunehmend eine Belastung für Amerikas Außenpolitik dar -- und ließen das, durch diskrete Hinweise an die Presse, auch Moynihan wissen.
So schrieb der gelernte Professor, vier Tage nach einem Besuch im Weißen Haus, bei dem er keinerlei Andeutung gemacht hatte, sein Rücktrittsgesuch an Gerald Ford: Die Harvard-Universität könne ihn nicht länger freistellen, er wolle sich ab sofort wieder ins Universitätsleben zurückziehen. Ford in seiner Antwort an den "lieben Pat": "Für Ihre Dienste ... schulden Ihnen Ihre Landsleute so viel Dank, daß er niemals angemessen wird abgestattet werden können."
Der Rücktritt, kommentierte die konservative "Daily News" in New York, "ist ein Schlag für die vielen Amerikaner, für die Moynihan ein richtiger Volksheld geworden ist".
Ein "Schlag" war die Demission des Uno-Botschafters aber vor allem für die Regierung Ford. Denn der schillernde Diplomat, der in nur sieben Monaten Amtszeit mehr Trubel, Ärger und Erregung ausgelöst hatte als alle seine Vorgänger in drei Jahrzehnten, war zumindest für eines gut gewesen: Er lenkte durch seine Eskapaden ab vom desolaten Zustand der amerikanischen Außenpolitik.
Gerald Ford, der Amateur, und Henry Kissinger, sein Prophet, sind überall in Sackgassen geraten: > Die Salt-II-Gespräche mit den Sowjets, die im vorigen Jahr bereits abgeschlossen sein sollten, ziehen sich zäh in die Länge.
* Die Détente mit Moskau ist bis an die Grenze des Möglichen belastet, insbesondere durch die Konfrontation über Angola, wo Ford und Kissinger nicht so können, wie sie möchten, weil sich der Kongreß gegen ein neues US-Engagement à la Vietnam sperrt.
* Über Angola endete auch eine Wiederannäherung an Kuba.
* Im Nahen Osten ist der Frieden wieder brüchig.
Das alles ein drei viertel Jahr vor dem 2. November, an dem Gerald Ford gern zum erstenmal ins Weiße Haus gewählt werden möchte.
Vor diesem düsteren Hintergrund nahm sich der hünenhafte Irisch-Amerikaner Moynihan, 1,95 Meter groß, 48 Jahre alt, für Millionen Amerikaner aus wie ein strahlender Held, Verkörperung jener schönen Zeit, als -- etwa in der Uno -- nur ein Wort galt, das Wort Amerikas.
Er war es, der es den Kommunisten und den frechen Emporkömmlingen der Dritten Welt mit kernigen Sprüchen besorgte, ihm schrieben sie Zehntausende von begeisterten Briefen, wenn er etwa Ugandas Idi Amin einen "rassistischen Mörder" nannte oder die Vollversammlung der Vereinten Nationen als "absurdes Theater" schmähte.
"Endlich haben wir einen Uno-Botschafter mit Mumm", jubelte ein Briefschreiber aus Philadelphia. Im Geschwindschritt avancierte Moynihan zum "populärsten Politiker der Regierung" ("The Wall Street Journal").
Dabei folgte Moynihan in der Sache den Vorstellungen seiner Chefs in Washington, die lange schon auf Distanz zur Weltorganisation gegangen waren -- einem Debattierklub, in dem sich Amerika zu oft auf der Anklagebank wiederfand und der im Land kaum noch Sympathien besitzt, seit die USA und ihre Freunde nicht mehr die Mehrheit haben. Ford und Kissinger nahmen ihren exzentrischen Lautsprecher gegen alle Angriffe in Schutz.
Henry Kissinger buhlte: "Ich lege sehr großen Wert darauf, daß er bleibt. Ich betrachte ihn als guten persönlichen Freund." Und auch Gerald Ford -- der gerade seinen bei den Rechten populären Verteidigungsminister James Schlesinger gefeuert hatte und sich den Rücktritt eines zweiten Publikumslieblings unter keinen Umständen leisten konnte -- beschwor den Botschafter, die Stellung zu halten, als der bereits im November von Rücktritt sprach.
Die Bürokraten im State Department allerdings, die ihm vorwarfen, er habe unnötigerweise andere Nationen vergrault, zählten zu seinen engagiertesten Widersachern. Nur selten ließ er eine Gelegenheit aus, ihnen seine intellektuelle Überlegenheit zu demonstrieren. Und vorigen Monat ging er sogar zum Frontalangriff über.
In einem Kabel an Henry Kissinger und die amerikanischen Missionschefs in aller Welt bilanzierte Moynihan die Erfolge seiner Tätigkeit: "Die Blöcke brechen auf", er habe bewirkt, daß die Länder der Dritten Welt nicht mehr automatisch gegen die USA stimmten.
Aber: "Es gibt jedoch klare Beweise dafür, daß das State Department unwillig oder zumindest schwer in der Lage ist, diese Zeichen zu erkennen."
Moynihans Moynihan-Laudatio, auf der niedrigsten Geheimhaltungsstufe abgesandt, fand prompt ihren Weg in die "New York Times". Wieder nahmen Ford und Kissinger den Botschafter in Schutz -- doch diesmal nur noch in der Öffentlichkeit. Privat, so steckten sie dem "New York Times"-Senior James Reston, mißbilligten sie die Art, in der Moynihan seinen Job ausübe.
Nach Lektüre der Reston-Kolumne zog der Botschafter, so berichten seine engsten Freunde, enttäuscht die Konsequenzen. Er fühlte sich von Kissinger verraten, der ihn ins Amt geholt hatte.
Daß mit Moynihans Rücktritt die harte Linie der amerikanischen Außenpolitik gescheitert sei und der angeblich auf weicher Welle laufende Kissinger einen neuen Triumph errungen habe -- diese Überlegung wurde, anders als nach der Entlassung Schlesingers, nur im Ausland angestellt. Denn Moynihans Nachfolger, so ließ Ford erklären, "wird denselben Kurs verfolgen".
Und Daniel Patrick Moynihan, der sich auch nach nahezu fünf Jahren im Dienste der Republikaner Nixon und Ford immer noch als liberaler Demokrat versteht, peilt nun -- Professur hin, Professur her -- eine neue politische Karriere an: als Senator von New York. Moynihan: "Diese Tür lasse ich mir offen."

DER SPIEGEL 7/1976
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