09.02.1976

Oh Henry?

Vielleicht sind sieben Jahre an der Spitze der amerikanischen Weltmachtpolitik einfach zuviel. Jedenfalls waren sie zuviel für Henry Kissinger.
Der Mißerfolg sitzt ihm beharrlich wie ein Spürhund auf den Hacken. Nichts will mehr gelingen, er klotzt und schlingert. Der immer noch glänzende Mann macht die Erfahrung, daß es nichts Glückloseres gibt als die Glücklosigkeit.
Die ihn kritisieren, sind zumeist dieselben, die ihn früher priesen, und daran ist nichts Ungewöhnliches. Denn wie bei kaum einer anderen historischen Figur sind die Vorzüge und Mängel gleich ursächlich für den Erfolg wie für den Mißerfolg: Konjunktur und Depression schlagen voll durch.
Der Kissinger, der minder machtgierig, skrupellos und doppelzüngig gewesen wäre, hätte Richard Nixons erster Minister nicht werden und bleiben können. Ein Chefdiplomat von minderer Selbstbesessenheit und milderem Größenwahn hätte angesichts einer zirkuswütigen Welt nicht das Prestige errungen, das nötig war, um den Waffenstillstand in Nahost zustande zu bringen - ein Verdienst, das ihm sogar ein neuer Krieg nicht nehmen würde.
Dies ist nun freilich alles, was er unterm Strich für sich buchen kann; dies und die gloriosen Stunden des Übergangs der Macht von Nixon auf Ford, als er, der Zuwanderer, die amerikanische Nation repräsentierte. Der Krieg in Vietnam - schaurig und so elend wie möglich beendet - war vielleicht überhaupt, und gewiß unter einem Nixon, nicht anders zu beenden.
Dann die Normalisierung mit China: ein längst überfälliger Akt, von den Chinesen gewollt, von Kissinger nicht erfunden. Dann die Détente mit den Sowjets, Herzstück Kissingerscher Philosophie: richtige Politik, durchweg zu verantworten und immer noch ohne Alternative. Nur, die Zeichen stehen nicht günstig. Er hat sich überschätzt und das Phlegma der Dinge unterschätzt. Mit Russen und Chinesen zu essen, braucht es nicht Stäbchen, sondern zwei lange Löffel.
Kissinger nun behauptet, durch Watergate seien ihm seine Löffel halbiert. Was China angeht, stimmt das nicht, und kaum hinsichtlich der Niederlage in Vietnam. Was Rußland betrifft, so ist etwas dran. Nur zeigt sich hier wie in einer antiken Tragödie die Hybris der Mächtigen, die Nemesis der Macht. Menschlicher Über-Mut hat sich wie nach Newtonschen Gesetzen gerächt.
Kissinger konnte nicht Nixons Gefolgsmann werden, ohne von dessen krankem Hirn zu essen. In seinem Kampf gegen Außenminister Rogers hat er sich üble Schurkereien geleistet, die niemand von "Honest Kiss" erwartet hätte. Auch in der Weltpolitik schien er den kruden Machiavellismus, dessen er sich bediente, noch zu genießen. Rücktritt aus sittlichen oder ethischen Gründen schien bei diesem Harvard-Professor unmöglich, allenfalls Rücktritt aus Gründen politischer Moral. Er war, in den Worten seines Gegners Rogers, "power crazy".
Aber das Wesen seiner Macht, demokratischer Macht wie sich zeigte, hat er nicht erkannt. Den Kongreß, den zu täuschen eine liebe Pflicht geworden war, hat er links liegen lassen. "Ich brauche nur eines Menschen Vertrauen", pflegte Kiss zu sagen, "und das ist der Präsident": so als wäre er der Bismarck von 1862. Heute ist er schon so außer Façon, daß er den Metternich einen "äußerst begabten Diplomaten" nennt, der aber "nicht sehr kreativ" gewesen sei. Und dann kommt's: "Ich hoffe, daß ich mehr geschaffen habe als er."
Als hätte Kissinger je andere als konservative Politik betrieben! Als hätte er Bahnen durchmessen, die ihm von der Weltenuhr nicht vorgeschrieben waren! Als hätte er ein "Kissingersches System" erfunden, und als funktionierte dieses System!
Abgesehen von Rußland und China: Gebietet er etwa einer Behörde, die im Mittelmeer irgendwo funktioniert hat? Funktioniert sein Außenamt überhaupt? Warum irritiert er die Verbündeten durch die Reflexionen eines verhinderten Historikers?
Wie konnte er den verrückten Iren Moynihan zur Uno nach New York schicken? Und konnte er nach aller Demütigung, die dem Kongreß von Nixon und auch von ihm zugefügt worden war, ernsthaft erwarten, in Angola werde er freie Hand bekommen, um die USA in einen neuen Urwaldkrieg zu steuern, unübersichtlich wie der alte?
Andrej Gromyko, übrigens, ist seit bald zwanzig Jahren Außenminister der Sowjet-Union.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 7/1976
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