09.02.1976

Marchais: „Ich habe Schwein gehabt“

Kommunisten wollen das noch sein In freundlichen Regenbogenfarben tanzen die Lettern ihrer neuen Erkenntnis über dem Parteitag: "Ein demokratischer Weg zum Sozialismus, ein Sozialismus für Frankreich."
In sattes Gelb ist der moderne graue Sportpalast des Pariser Arbeitervororts Saint-Quen gekleidet, rot blieb vor allem noch der Teppich. Und über den 1700 Delegierten wachen nicht etwa die Häupter der Religionsstifter Marx und Lenin; über ihnen reckt sich, 19 Meter hoch, zwei Tonnen schwer, eine Plastik von Fernand Léger, die man als Blume, Hahn oder Sonne identifizieren kann, nur als eines nicht: als Hammer und Sichel.
Für das alte Symbol von Sowjetmacht und Klassenkampf fand sich zwar noch ein Plätzchen seitlich an der Tribüne, einzige sichtbare Konzession an eine Vergangenheit, die Frankreichs KP vergessen machen möchte. Muffig blickt das Moskauer Politbüro-Mitglied Kirilenko auf das absurde Theater zu seinen Füßen -- reden darf diesmal keiner der Gastdelegierten.
So muß denn der Sowjet-Mensch mit anhören, wie der Generalsekretär Georges Marchais und die Seinen sich herausnehmen zu sagen, sie könnten "nicht zulassen, daß das kommunistische Ideal durch ungerechte und ungerechtfertigte Taten angetastet" wird. Er muß lernen, daß "die kommunistische Bewegung keine Kirche ist". Er ist schweigsamer Ehrengast bei der feierlichen Beerdigung der Diktatur des Proletariats durch die französischen Genossen, doch die Trauerfamilie gibt sich sogar happy und erleichtert.
Von der Tribüne herab beglückwünschen sich Arbeiter und Intellektuelle aus allen Winkeln Frankreichs zu dem Entschluß, einen der zentralen Grundsätze des Marxismus-Leninismus aus der Präambel ihrer Statuten zu streichen. Generationen von Kommunisten hatten gelernt und der gleiche Georges Marchais hatte noch 1964 auf dem XVII. Parteitag gelehrt: "Das Konzept von der Diktatur des Proletariats in Frage zu stellen, würde heißen. auf den Boden der bürgerlichen Demokratie abzugleiten." So weit ist es also mit den "Cocos" gekommen!
Wie die Verkaufsleiter-Tagung eines Waschmittelkonzerns rollt der Kongreß ab. Er tanzt zwar -- am Sonntag mit hunderttausend erwarteten Gästen -- aber er raucht nicht, so modern ist man geworden. Das Sortiment -- der netteste Kommunismus, den es je gab -- verspricht jene Umsätze, die die Firma bitter nötig hat.
Zwar war 1975 ein Rekordjahr. die KPF konnte 93 873 neue Mitglieder begrüßen, so viele wie zuvor nur unmittelbar nach Kriegsende. Doch Jahr für Jahr treten rund zehn Prozent der Belegschaft wieder aus -- unrentabler arbeitet nur noch die Sowjet-Wirtschaft.
Als Marchais recht unvermittelt seine Absicht bekanntgab, auf die Diktatur des Proletariats zu verzichten, hatte er wohl einem Bedürfnis der jungen Parteimitglieder entsprochen: 69 Prozent seiner Gefolgschaft sind heute unter 40 Jahre alt, 42 Prozent unter 30.
Dennoch brach eine innerparteiliche Diskussion auf, offenbar so heftig, daß die parteieigene "Humanité" dem prominentesten Widersacher, dem marxistischen Philosophen Etienne Balibar, ihre Spalten öffnete. Hatte Marchais aber die Preisgabe der Proletarierdiktatur noch zartfühlend mit der Unvergleichbarkeit zwischen dem Rußland von 1917 und dem Frankreich von 1976 begründet, fiel Balibars Verteidigung paradoxerweise für Moskau weit verletzender aus. "Die Geschichte der sozialistischen Länder", schrieb er, "hat die Diktatur des Proletariats entstellt und diskreditiert."
Im Saal unter Légers Wunderblume melden sich Widersacher gar nicht mehr zu Wort. Der Generalsekretär leistet sich sogar Ausführungen zu dem delikaten Thema, wie aufrichtig die demokratische Wandlung der KPF wohl sei.
Der Zweifel scheint eher rhetorisch, der Nachweis um so schlagender: "Es gibt gar keinen besseren und kürzeren Weg zum Sozialismus als den der Demokratie."
Marchais, der da gelöst unter Delegierten und Journalisten wandelt, verhehlt nicht, daß der XXII. Kongreß der KPF sein Kongreß ist. Auch nach fünfstündiger Rede -- 92 Schreibmaschinenseiten -- merkt man ihm nicht an, daß ihn vor einem Jahr ein Herzinfarkt für Wochen aus dem Verkehr zog.
Auf die Frage, wie er selbst seine gute Form erkläre, antwortet der Generalmanager der KPF so, als hätte er soeben den Autotyp des Jahres erfolgreich am Markt plaziert: "Erstens, ich habe Schwein gehabt, zweitens, ich werde medizinisch hervorragend versorgt, drittens, ich bin glücklich."
Von Dieter Wild

DER SPIEGEL 7/1976
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