09.02.1976

AFFÄRENEin Mann in der Lobby

Geschäftliche und private Affären haben den britischen Liberalen-Chef Thorpe ins Gerede gebracht. Muß er gehen?
So jedes halbe Jahrtausend, so scheint's, kriegen die Thorpes Ärger mit dem britischen Volk. 1461 verlor Baron Thomas Thorpe den Kopf -- eine aufgebrachte Menschenmenge trennte per Schwerthieb das Haupt vom Leibe des Adeligen, damals Präsident im Parlament Heinrichs IV.
So schnell wie beim Baron geht es mit seinem Nachfahren Jeremy Thorpe nicht ab: Dem Vorsitzenden der Liberalen Partei im Unterhaus wird von einer erbarmungslosen Öffentlichkeit, vor allem von den Londoner Boulevardzeitungen, seit fast zwei Wochen der Schauprozeß gemacht. Die öffentliche Moral fordert seinen Kopf.
Begonnen hatte die Affäre mit dem Bericht einer Regierungskommission, die den Konkurs der Privatbank "Lon(Ion and County Securities" von 1973 untersucht hatte. Sie kam dabei zu dem Schluß, daß alle Aufsichtsratsmitglieder der Bank ihre Sorgfaltspflichten fahrlässig verletzt hätten -- mithin auch Jeremy Thorpe, der für ein Jahressalär von 30 000 Mark seinen guten alten Namen für den Briefkopf der Firma hergegeben hatte.
Allerdings: Der Bericht hob ausdrücklich hervor, daß diese Fahrlassigkeit ohne Folgen für die Sparer und ihre Einlagen geblieben war. Dennoch streute selbst Thorpe öffentlich Asche auf sein Haupt und gestand ein, daß ihn sein Urteilsvermögen im Stich gelassen habe, als er sich von der windigen Firma einspannen ließ.
Das war eine herbe Selbstbezichtigung für einen Politiker auf der Insel, deren Bewohner von ihren Führern gerade dies erwarten: "common sense" und kühlen Kopf.
Mit ersterem, so schien die Bankaffäre zu beweisen, war es bei Jeremy Thorpe anscheinend nicht weit her
und mit dem kühlen Kopf, so legte eine zweite Nachricht dar, eben auch nicht: Vor dem Gericht von Barnstaple in Devon behauptete der des Betruges angeklagte Norman Scott, 35, Herrenmodell und selbsternannter Schriftsteller, "ein sexuelles Verhältnis mit Jeremy Thorpe" gehabt zu haben.
Sofort dementierte Thorpe diese "wilde Behauptung": Es sei bereits zwölf Jahre her, daß er diesen Scott das letzte Mal gesehen habe.
Immerhin hatte er Angriffsfläche genug für Boulevardblätter. Tatsächlich berichteten die Reporter von Tag zu Tag Erstaunlicheres -- Widersprüche, Ungereimtheiten, Verflechtungen und Verfilzungen, wie sie kein Krimiautor besser erfinden könnte: geheimnisvolle Briefe, Schweigegelder, ein veritabler Lord, ein hypnotisierender Pfarrer, ein Konto in Kanada, ein angeblicher Mordplan, ein mysteriöser Arzt und eine erschossene Riesendogge kommen dabei vor -- und immer wieder der Thorpe-Bekannte Norman Scott.
Er hatte schon früher von sich reden gemacht. Homosexuelle Andeutungen gegen den flamboyanten Führer der Liberalen führten bereits im Sommer 1971 zu einem Gespräch im Oberhaus: Lord Beyers, Liberalen-Chef im House of Lords, und die liberalen Unterhaus-Abgeordneten David Steel und Emlyn Hooson empfingen Scott. Der behauptete bei dieser Gelegenheit, daß er Thorpe einmal sogar habe ermorden wollen. Nach 40 Minuten, während der er mehrmals in Tränen ausgebrochen war, stürzte er plötzlich davon. "Nicht einmal ein Sprinter hätte ihn einholen können", erinnert sich der Lord.
Doch wenn die Politiker dachten, sie seien den Störenfried damit los, irrten sie sich. Scott machte die Bekanntschaft des damaligen liberalen Unterhaus-Abgeordneten Peter Bessell, der aus Angst vor einem spektakulären Bankrott nach Amerika floh. Bessell selbst will sich daran erinnern, daß sein Parteiführer Thorpe ihn eines Tages im Unterhaus gebeten habe, sich um "einen Mann in der Haupt-Lobby zu kümmern, der zum Ärgernis geworden" sei -- eben Norman Scott.
Im Wahlkampf 1974 meldete sich Jeremy Thorpes Rechtsanwalt Michael Barnes bei dessen konservativem Gegenkandidaten Timothy Keigwin in Barnstaple und drohte eine einstweilige Verfügung für den Fall an, daß der Konservative über Scotts Thorpe-Tratschereien im Wahlkampf auch nur ein Wort verlieren würde.
Keigwin, der sich mit Scott getroffen und von diesem ein umfängliches Dossier entgegengenommen hatte, sprach nicht, aber er übersandte das Material in Kopie an die Zentrale der Konservativen Partei in London -- die es heute noch hat.
Genau am Wahltag aber wurden angeblich 2500 Pfund (damals 15 450 Mark) auf zwei Konten des mysteriösen Scott gezahlt. Nach Angaben des glücklichen Empfängers von einem gewissen Dr. Ronald Gleadle, in dessen Behandlung er sich damals befand.
Pfarrer John Pennington, 64, aus einem Dorf bei Barnstaple und mit hypnotischen Fähigkeiten ausgestattet, der damals von Dr. Gleadle in die psychiatrische Behandlung Scotts eingeschaltet war, weiß von wem: "Aber Gleadle und ich haben damals einen heiligen Eid geschworen, es niemals zu verraten." Soviel immerhin ließ der Pfarrer aus dem Sack: Aus Kanada sei das Geld überwiesen worden.
Trotz der milden Gabe ging es langsam, aber stetig bergab mit Scott. Er machte Schulden, drehte immer wieder durch, weil er sich verfolgt fühlte.
Vor vier Monaten stieß ein Streifenfahrer der britischen Straßenwacht am Rand der A 39 bei Exmoor auf ein seltsames Bild. Da saß der weinende Scott am Straßenrand und streichelte den durchschossenen Kopf seiner dänischen Dogge. Zufall oder Bestätigung von Scotts Ängsten? Gegen den Hundemörder wird ermittelt.
Wieviel das alles, wenn überhaupt, mit Jeremy Thorpe zu tun hat, ist noch ungeklärt. Dennoch könnte die Affäre Thorpes politisches Ende beschleunigen -- und damit Englands Liberale, für die er seit Jahren eine Ein-Mann-Show spielt, völlig ins politische Abseits drängen.

DER SPIEGEL 7/1976
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