09.02.1976

ITALIENGeld waggonweise

Der Sturzflug der Lira schockte letzte Woche Italiens Wirtschaftsstrategen. Mit einem Austerity-Programm will Rom jetzt den drohenden Staatsbankrott verhindern.
Roms amtierender Schatzminister Emilio Colombo. sonst eher ein Freund von Beschwichtigungsformeln, griff zu einem Superlativ. "Die italienische Wirtschaft", so der Christdemokrat vergangene Woche, "durchlebt den schwierigsten Augenblick seit Kriegsende." Und der designierte Ministerpräsident Aldo Moro ängstigte sich: "Eine tödliche Herausforderung".
Denn innerhalb von nur zwei Wochen verlor Italiens Lira gegenüber Dollar und Mark gut zehn Prozent ihres Wertes. Mit dem Währungsverfall steuerte das Land -- ohnehin von der politischen Dauerkrise gebeutelt -- rapide an den Rand des Ruins.
Schuld an der Lira-Talfahrt, so behaupteten sogleich Kommunisten wie Gewerkschafter, sei eine Verschwörung von in- und ausländischen Spekulanten. In Wahrheit freilich ist das Liradebakel hausgemacht. Italien lebt über seine Verhältnisse. Während die Produktivität sinkt und der aufgeblähte Verwaltungsapparat zu wenig leistet, wachsen die Ansprüche, steigt weithin der Konsum. Ob Staatsbehörden oder Kommunen -- fast überall, wetterte Senator Cesare Merzagora, "werden wahnsinnige Schulden gemacht". So wuchs die Auslandsverschuldung der Republik auf 14 Milliarden Dollar. das Haushaltsdefizit 1975 auf Ii 000 Milliarden Lire (38 Milliarden Mark).
Zwar gelang es den Italienern im vergangenen Jahr. wenigstens das Loch in ihrer Außenhandelsbilanz teilweise zu stopfen. Doch die Verbraucherpreise schnellten um rund 20 Prozent in die Höhe. Ständige Streiks und wachsende Arbeitskosten vergraulten viele Unternehmer, etliche Multis bereiteten den Abzug vor.
Der Regierungs-Rücktritt am 7. Januar und die damit ausgelöste Furcht, daß nun bald die Kommunisten an die Macht kämen, verstärkten das Klima des Mißtrauens. Die Folge: Italiens Geld, so der Abgeordnete Raffaelli, "wurde im Ausland waggonweise angeboten".
Um die angeknackste Währung zu stützen, verkaufte der römische Notenbank-Chef Paolo Baffi allein in den ersten 20 Januar-Tagen für 528 Millionen Dollar Devisen. Verzweifelt schloß Roms geschäftsführende Regierung Moro den offiziellen Devisenmarkt -- vergebens: Für die Lira begann "der freie Fall" (Baffi).
Die De-facto-Abwertung irritierte Roms Partnerstaaten in der EG. Denn durch die neuen Wechselkurse werden Italiens Ausfuhren begünstigt, Einfuhren nach Italien aber erschwert. Schon meldeten sich denn auch Bayerns Bauern. die große Mengen Fleisch und Milch über den Brenner exportieren, bei Agrarminister Josef Ertl. Sie wünschen Ausgleichsprämien.
Der Währungssturm trieb immerhin Italiens Politiker zur Eile an. Vergangenen Donnerstag legte Moro ein wirtschaftliches Notstandsprogramm vor, das als Basis für eine künftige Mitte-Links-Koalition dienen soll.
Kernpunkte: Eine Sondersteuer auf Unternehmensgewinne. scharfe Kontrollen der -- oft zur Kapitalflucht dienenden -- Im- und Exportgeschäfte, Gehälter-Stopp für Beamte der höchsten Salär-Gruppe.
Und um die fast leere Devisenkasse wieder aufzufüllen, will Roms Notenbank-Chef Baffi auch gleich von den Westdeutschen 500 Millionen Dollar wieder ausleihen, die Italien als Teilbetrag eines Bundesbankkredits von insgesamt zwei Milliarden Dollar im März letzten Jahres zurückgezahlt hatte. Der Kredit war im September 1974 gewährt worden und sollte nach spätestens zwei Jahren getilgt sein.
Auch auf Hilfe aus USA hofft der Währungshüter. Spottete das "Wall Street Journal" über Baffi: "Mit der einen Hand dreht er die Kurbel der Banknotenpresse, mit der anderen telephoniert er nach Amerika, um bei der Notenbank und beim Weltwährungsfonds Kredite zu erbitten."
Doch die Beistandserwartungen dämpfte schon der Präsident des Unternehmerverbandes und Fiat-Chef Giovanni Agnelli nach einer Reise in die Vereinigten Staaten: "Erwarten wir nicht zuviel von Amerika."
Selbst bei Amerikas Geschäftsbanken ist für Italiener nicht mehr viel zu holen. Die US-Bankenaufsicht hat die großen Geldinstitute aufgefordert, das Italien-Risiko klein zu halten.

DER SPIEGEL 7/1976
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