09.02.1976

Wegbleiben ist wichtiger als mitsiegen

Für Versuchstiere kann der Weg zur Tränke so gelegt werden, daß sie vorher schnell noch eine Leistung bringen. Diese Erfahrung macht sich in Innsbruck das Organisationskomitee zunutze, indem es den Athleten an jedem Ziel eine Furt zum Ovomaltinestand absteckt. So sind sie, wie der zuständige Referent Bertl Neumann es rühmt, "gezwungen". erst sämtliche Sport-Reporter zu passieren.
Nach Feierabend unterliegen dann im Olympia-Pressezentrum die Sportberichter selber einem ähnlich gemeinen Verhaltenszwang. Mit Gutscheinheften drängen sie zu Hunderten an eine sogenannte "Geschenkausgabe" vor, wo sie durch tägliche Spenden der Industrie, etwa lederne Umhängetaschen, Chewin-Gum oder Schreibmappen, bei angenehmer Laune gehalten werden sollen.
So gibt bei den zweiten Winterspielen von Innsbruck mehr denn je ein jeder sein Letztes. Und das getreu dem an vielen Stellen der Olympiastadt zur Schau gestellten Leitwort: "Die Wirtschaft -- ein Partner des Sports." Will sagen: Sie hält ihn an der Leine. Er apportiert ihr neue Marktanteile, tritt für gutes Futter ihre Mühlen. Und darüber leuchtet das olympische Feuer -- von Daimler-Benz wie Blaulicht auf dem Autodach heranbefördert und synchron mit dem Start einer neuen Modellserie zur erhabenen (Werbe-)Flamme entfacht.
Das heißt: Da Innsbruck es ja nach zwölf Jahren zum zweitenmal tut, brennen dort oben über dem Berg-Isel-Stadion sogar zwei Feuer und illuminieren den Hintergedanken, daß zumindest eines von ihnen den Partner Wirtschaft symbolisiert. Den Partner nämlich, der jetzt fast immer vor den Verwaltern der gebrechlichen olympische Idee ins Ziel kommt.
Sie schicken Funktionäre, den Skiläufern nach dem Rennen sofort die Bretter wegzunehmen, mit denen sie. sonst unerlaubt Werbung vor den Kameras trieben. Aber das Loch im Abfahrtsski des einen Produzenten, der Spoiler oder das markante Fehlen der Spitzen an der Ware des anderen haben für eine Marke längst als TV-Blickfang gewirkt, bevor die olympischen Nachtwächter Hand an sie legen konnten.
Man kann vor dermaßen werbenden Löchern vorerst nur die Augen, aber nicht die Objektive schließen. Dafür zwickt anderwärts der alte Sportgeist noch einmal die ihn eigentlich fütternde Hand. Er verbannt technische Innovationen etwa aus dem· Repertoire der Ski-Springer. Gepolsterte Skier, gefederte Schuhe, Flossen an den Händen, Flügelhelme, auch der zwecks Fernsteuerung am Springer klebende Funkempfänger sind, zum speziellen Verdruß des österreichischen Sprungprofessors Baldur Preiml. vorerst in die Asservatenkammer einer sportlichen Zukunft verwiesen worden.
Einer von Baldurs Springern hat den Schnurrbart, der unter eine nun verbotene neue Gummimaske nicht gepaßt hätte, dennoch fortrasiert. So verminderte er, ausnahmsweise ohne industrielle Hilfe, seinen Luftwiderstand.
Doch sonst -- woher sollten die Zentimeter und Sekundenhundertstel kommen, wenn nicht von der Groß-Chemie? Abgesehen einmal von den zuvor schon aufbauenden Pharmaka: Teflon-Beläge, Nasa-Gewebe und glasigglatte Schlangenhäute siegen auf Pisten, Eislauf- und Rodelbahnen.
Schon Säuglingsköpfe in die beim späteren Rennrodeln wünschenswerte Ei-Form zu pressen, deutete der Wiener "Kurier" spaßeshalber als eine olympisch einwandfreie Möglichkeit an. Doch die Ei-Helme von der Wirtschaft sind eben abnehmbar.
Vor lauter Materialkontrollen, sagt ein bundesdeutscher Rodler, sei er nicht zu seinem Schlaf gekommen. Und dazu noch die Sorge vor einer möglicherweise elektronischen Geheimheizung von DDR-Kufen. Und die Angst vor einem mysteriösen Spray des Feindes, das, wenn man nicht wacht, auf den eigenen Kufen bremst.
Über ganz Innsbruck hängt ja eine olympische Atmosphäre wie aus der Sprühdose. Harmonisierend damit schlüpfte Österreichs auch psychiatrisch gut betreute Kolossalmannschaft in eine Goldhaut wie von Stanniol-Osterhasen. Er sei nicht abergläubisch, sagte der Betreuer Toni Sailer, was so einen vorweggenommenen goldenen Nimbus betreffe. Zweifel am Geschmack erlaubte er sich nicht.
Sie widersprächen dem Stil dieser zweiten Innsbrucker Spiele, die sich zu denen von anno 64 verhalten wie ein industrieller Großmarkt zu einem Schützenfest: olympisches Woolworth. Dazu paßte bereits das kunstlos zusammengeschusterte Eröffnungszeremoniell, bei dem sich oben im Stadion das Volk lazarettreif quetschte, während unten Sitze für Hunderte von Vips symbolisch leergehalten und von einer gähnenden Polizeibrigade behütet wurden.
Denn auch die Organisatoren einer olympischen Massenmesse klammern sich ans überlebte Zweiklassen-System, wonach die Großen der Welt vor Ort und nicht vor die Röhre gehören. Doch die, Schah und Queen voran, fühlten ihr Sicherheitsrisiko stärker als Ski- oder Bob-Piloten. Fast der gesamte politische Jet-set entschied, nach gebührlichem telephonischem Ringen im neuesten olympischen Geiste: Wegbleiben ist wichtiger als mitsiegen.
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 7/1976
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