09.02.1976

Scheck ohne Unterschrift

119 Picasso-Bilder in Avignon gestohlen: Nie holten Kunstdiebe soviel auf einmal ab. Aber Unterversicherung könnte den Schaden in Grenzen halten.
In einem italienischen Kastell bewachen ratlose Gangster eine Gemäldesammlung.
Oder: Auf einem Mittelmeer-Frachter schwimmt der Kunsttransport zu einem reichen Auftraggeber in Nahost.
Oder: Bei einer Pariser Versicherungsgesellschaft geht eine Lösegeldforderung ein -- weit über den Einsatz des Unternehmes hinaus.
Das sind Szenario-Varianten zu einem Kriminalstück, von dem vorerst nur die Anfangssequenz bekannt ist. Die aber nimmt sich schon so abenteuerlich aus, daß eine glaubwürdige Fortsetzung schwer zu finden ist.
Abgespielt hat sie sich, tatsächlich und bezeugtermaßen, vorletzten Samstagabend im mittelalterlichen Papstpalast zu Avignon: Um 20.45 Uhr drangen da drei maskierte und mit Pistolen ausgerüstete Männer, die tagsüber vermutlich an einer Touristen-Führung durch das Gebäude teilgenommen und sich bei der Gelegenheit versteckt hatten, in das Aufseher-Zimmer ein. Sie schlugen den anwesenden Nachtwächter nieder, fesselten und knebelten ihn. Seine kurz darauf turnusgemäß eintreffenden Kollegen wurden auf die gleiche Weise ausgeschaltet.
Danach gingen die Unbekannten daran, in der gotischen Kapelle des Palastes die Bilder von den Wänden abzunehmen -- Bilder, die niemand anders als Pablo Picasso in seinen letzten Lebensjahren gemalt hatte und die, noch vom Meister selber ausgesucht, seit dem Mai 1973 als Leihgabe aus dem Nachlaß in Avignon ausgestellt waren.
Gegen 22 Uhr hatten die Eindringlinge 119 von 201 Gemälde an sich gerafft und brausten in einem Lkw davon -- lange bevor der erste Aufseher sich befreien und Alarm geben konnte.
Was nun? Selbst in einer Blütezeit der Kunstmarktkriminalität (französische Steigerungsrate: rund 600 Prozent in fünf Jahren) ist das Gaunerstück von Avignon ohne Beispiel, nicht nur im Hinblick auf die ruppige Strategie, sondern auch auf den Umfang der Beute. Ende letzter Woche schien die Polizei, mangels hilfreicher Hinweise, vor schwierigen Problemen zu stehen -- möglicherweise auch das Gangster-Team.
Für die Kunstgeschichte mag der Raub freilich leichter wiegen als der eines einzigen Vermeer- oder Piero-della-Francesca-Bildes; die Spätlese des überproduktiven Picasso hatte 1973 manchen Kritiker betreten gemacht, auch wenn nicht jeder die fahrig gemalten Toreros und Harlekine gleich als "Picassos schlechteste" ("Time") abtat.
Ihr Marktwert stände, kämen sie legal und einzeln auf den Markt, trotzdem kaum in Frage. Der Bremer Picasso-Händler Michael Hertz etwa taxiert das Raubgut auf einen "hypothetischen" Durchschnitts-Stückpreis von 350 000 Mark, die ganze Beute demnach auf reichlich 40 Millionen. Andere Schätzungen gehen immerhin bis zur Hälfte dieses Betrags.
Die Chancen der Bande aber, auch nur annähernd soviel Geld zu bekommen, stehen schlecht. Absurd ist die Vorstellung, das Diebesgut wäre stückweise an Sammler abzusetzen, die ihre Erwerbung geheimzuhalten hätten.
Bei seriösen, arglosen Interessenten andererseits muß der Coup von Avignon zuviel Aufsehen erregt haben. Zu bekannt ist auch der Umstand, daß infolge Erbstreits zwischen der Witwe, den Kindern und Kindeskindern Picassos dessen Spätestwerke praktisch noch nicht im Handel sind.
Auffälligerweise sind die gestohlenen Bilder zudem allesamt unsigniert. "Eine Signatur", sagt der Pariser Galerist Heinz Berggruen, der dem Verstorbenen "ein ausgeprägtes Gefühl fürs Geschäft" attestiert, "war für ihn wie die Unterschrift unter einen Scheck" -- eben zum Schutz vor Atelierdiebstahl fügte Picasso sie immer erst bei Verkauf hinzu.
Als "Spinnerei" stuft Berggruen allerlei letzte Woche aufgekommene Spekulationen ein: von iberischen Freiheitskämpfern (ein Gangster soll mit spanischem Akzent gesprochen haben), die eine politische Demonstration beabsichtigten, bis zu geheimnisvollen Abnehmern in den Ölländern. Nein: "Da geht es nur um Versicherungen."
Lösegeld-Handel mit der betroffenen Versicherung ist bestimmt die gängigste Methode, einen Kunstdiebstahl großen Stils auszumünzen: Unter der Hand einigen sich die Partner auf einen mittleren Preis, der für beide Profit bedeutet. Die Polizei wird erst nachträglich informiert.
Im Fall Avignon könnten sich die Räuber allerdings verrechnet haben. Die sparsame Kommune hatte die gesamte Ausstellung bei der "Compagnie Seine-Rhöne" für nur 6,5 Millionen (pro Bild rund 33 000) Mark "unterunterunterversichert" (Hertz). Und die Erben, die eher einen Überfluß an Kunst als an Bargeld haben, werden wohl auch keine ergiebigen Handelspartner sein.
Ein Stück Geld kann immerhin auch so herausspringen, wenn nämlich die Gewalttäter ihre Ansprüche nicht an Marktpreisen orientieren, sondern mit lumpigen zwei bis drei Millionen Mark zufrieden sind. Schon hat "Seine-Rhône"-Direktor Chauchat höflich bekanntgegeben: "Wir sind bereit, mit den derzeitigen Besitzern der Bilder Kontakt aufzunehmen." Moral: Unterversicherung hält den Schaden in Grenzen.
Nicht völlig auszuschließen bleibt, daß Monsieur Chauchats Verlautbarung für die vermummten Herren ein erlösender Hinweis war. Händler Hertz denkt sich das so: Geblendet durch die "Überpublizität" von Picasso-Rekordpreisen, gingen sie als Raub-Profis ans Werk und saßen dann, als Kunstmarkt-Laien, mit der Frage da, was mit den Bildern wohl anzufangen wäre.

DER SPIEGEL 7/1976
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