09.02.1976

ARCHITEKTURRostender Solitär

Mit dem Preis der „Europäischen Stahlbau-Konvention“ wurde ein reizvolles Institutsgebäude in Österreich ausgezeichnet.
Stahl macht Bauwerke schlank und transparent. Stählerne Konstruktionen sind optisch interessanter als vergleichbare Gebäude aus massigem Beton. Dieser Devise folgten die Grazer Architekten Günther Domenig und Eilfried Huth beim Entwurf für den Neubau eines Forschungs- und Rechenzentrums des österreichischen Industriekonzerns Vöest-Alpine im obersteinschen Leoben. Erfolg: Die "Europäische Stahlbau-Konvention" ehrte den rostenden Solitär mit einem Preis.
Die eigenwillige Form des Leobener Bauwerks ergibt sich aus der deutlichen Trennung der Räume für Forschung und Computer in den Basisgeschossen von den Büros, die oben im Turm sind. Die Büro-Etagen hängen allesamt an einem Stahlwerk, das sich reizvoll durch das gläserne Dach abzeichnet.
Um innen lange Wege zu sparen und damit möglichst viele Leute in Fensternähe sitzen, wurde ein kreuzförmiger Grundriß gewählt. Die zweireihigen Fenster sind schräg nach außen gestellt, das verbessert die Akustik und gibt der Fassade etwas von der Gebrochenheit eines Kristalls.
Die Anmut solcher diagonalen Architekturelemente zeigt sich auch in den abgewinkelten Dachflächen, die den Turm nach oben schließen.
Der -- hier gelungene -- Versuch, das Bauwerk entsprechend den verschiedenen Funktionen von unten bis oben kraftvoll zu gliedern, ist ja beileibe nicht üblich in der heutigen Dutzend-Architektur. Fast stets werden Räume von unterschiedlicher Qualität und Quantität in das Gefängnis des gleichen Rasters gesperrt. Ergebnis: immer wieder Kiste, abgeschnitten in beliebiger Länge, Höhe und Breite.
Demgegenüber haben die Grazer Avantgardisten mit ihrem taillierten Stahlprunkstück, bei dem gleichsam auch der Luftraum, das Nichtgebaute, mitgestaltet wurde, bewiesen, daß Klarheit, Logik der Form sowie der Einsatz industrieller Techniken und Materialien keineswegs in Langeweile und Monotonie erstarren müssen.
Beispiel: Ordinäre Bügel aus Stahlrohr, bestückt mit gleichfalls banalen Plexiglasscheiben, werden zu einem Sonnenschutz-Netz montiert, das zugleich filigran und aufplusternd die Fassade des Forschungszentrums wie eine zweite Haut überspannt.
Nach Antlitz, Charakter und Gestalt ein gutes Stück neuer Architektur, das neben der alten bestehen kann. In Österreich gibt es dafür schon einige Beispiele. Der "Tower" von Leoben ist kein Einzelfall.
Peter M. Bode
Von Peter M. Bode

DER SPIEGEL 7/1976
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