09.02.1976

FERNSEHENWahres Gesicht?

„Helmut Schmidt“. TV-Porträt des Bundeskanzlers von Thilo Koch und Peter Otto. ARD, 11. Februar, 20.15 Uhr.
Am Anfang war wieder mal die Ausgewogenheit was in diesem Fall heißt, daß die politischen Programmgestalter im Hamburger NDR ihr TV-Porträt des Helmut Schmidt überwiegend deshalb ins planerische ARD-Gespräch gebracht haben, weil sie damit ein vom Bayerischen Rundfunk bereits angekündigtes TV-Porträt des Franz Josef Strauß konterkarieren, am liebsten sogar verhindern wollten. Dies aber mißlang.
Schade. Es wäre den Zuschauern einiges erspart geblieben, vor allem eben Henne L. Wuermelings (im Oktober 1975 ausgestrahlte) Bildschirm-Eloge auf ein "durch und durch ehrliches, wenn auch nicht immer gradliniges Mannsbild" -- womit ein Strauß gemeint war, der nach eigener Bekundung zwar recht hat, aber nicht recht bekommt.
"Ein Porträt mit dem Selbstauslöser" nannte Herbert Riehl-Heyse diese Fernseh-Veranstaltung in der "Süddeutschen Zeitung" und fügte die berechtigte Bemerkung an, wenn die deutschen Rundfunkanstalten zufolge ihrer Beschaffenheit bei solchen brisanten Themen eine andere Art Filmporträt gar nicht mehr durchsetzen könnten, dann sollten sie doch lieber ganz die Finger davon lassen.
Nun tun sie das aber nicht (dies ist schließlich ein Wahljahr). Sondern nun kriegen wir eben die Spitzenmänner aller vier Bundestagsparteien zu sehen. Nun bemühen sich Autoren, die ihrem jeweiligen Hauptdarsteller politisch mehr oder weniger "nahestehen", um das Kunststück, optische Enthüllung, objektive Darstellung. etwas kritische Distanz und auch noch ein Stück eigene Meinung fein säuberlich auszuwiegen.
Wirklich Erhellendes kommt unter diesen Bedingungen am ehesten noch dann zustande, wenn die Optik sich sozusagen selbständig macht, sich löst auch von den Planungen des Autors.
Im TV-Porträt des CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl, vom "Report"-Redakteur Ebbo Demant mit Anstand angefertigt und vom Südwestfunk Ende Januar ausgestrahlt, war so eine Stelle: Kohl am Rande einer kritisch zugespitzten Situation in Moskau. Da hat die Kamera einen Mann ins Bild gebracht, "der gerade überanstrengt nachdenkt" (Herbert Kremp, allzu freundlich, in der "Welt"): einen Flattermann, der plötzlich nicht mehr weiß, wohin mit den Händen und mit sich selbst.
So was kann Helmut Schmidt nicht passieren. Thilo Koch, Autor des Bildschirm-Porträts, das der NDR am Mittwochabend sendet, hat bald begriffen, daß es ihm nicht gelingen werde, Schmidt optisch zu entlarven. "Wann zeigt er sein wahres Gesicht?" fragt Koch gleich zu Anfang im Text und antwortet selber: "Sicherlich nicht vor der Kamera."
Da kann er (das haben Koch und sein Team immer wieder erfahren) noch so maulfaul und raunzig und verbiestert sein wenn dann die Scheinwerfer angehen, der Ton läuft, die Kamera läuft, ist Helmut Schmidt "voll da", ganz Darsteller, "Performer", Profi.
Sofern der (schreibende, nicht filmende) Schmidt-Porträtist Ulrich Blank damit recht hat, daß "noch keine der politischen Gruppierungen ... das Phänomen Schmidt bisher in den Griff bekommen" habe, dann gilt dies fürs Fernsehen erst recht. Je drastischer Helmut Schmidt sich dort darstellt, desto weniger weiß man, wie der Mann wirklich ist. Der Auftritt wird autonom, das Erscheinungsbild überstrahlt den Typ.
Auch der hinlänglich sensible Thilo Koch kann in seinem Schmidt-Porträt den Mann und die Rolle nicht separieren. Statt dessen präsentiert er seinen Hauptdarsteller als "die beste Besetzung für die Rolle Helmut Schmidt, die cm Regisseur finden könnte, und dieser Regisseur ist ja wiederum er selbst". Aber: "Spielt er nun Helmut Schmidt, oder ist er Helmut Schmidt? Genießt er seine Hauptrolle, oder ärgert es ihn im Grunde, daß er immerfort auf einer Bühne steht?" Die Antwort darauf bleibt, was Wunder, schön ausgewogen: "Wahrscheinlich beides."
Kontroverses ist nicht Kochs Thema, auch nicht in diesem Film. Die Bezie-
* Im Arbeitszimmer des Bundeskanzlers.
hungen zwischen Regierung und Partei, die Differenzen zwischen Schmidt, Brandt und Wehner behandelt er liebenswürdig ("Nicht nur eitel Zuneigung verbindet die Männer"), und nach Schmidts weltökonomischen Fehlprognosen fragt er genausowenig wie nach des Kanzlers ehedem (und vielleicht noch immer) störungsanfälliger Schilddrüse. Über die, in Frageform gekleidete, Apostrophierung als "Oberlehrer der Nation" mag Schmidt "nur schmunzeln".
Und eine gewisse Skepsis in der Selbstdarstellung seiner Amtsperson gehört ohnehin zu des Kanzlers Repertoire. "Ich bin gar nicht sicher, ob ich Fortüne habe", sagt er zum Beispiel; oder: "Ob das ein Glück ist, der Bundeskanzler zu sein -- da kann man lange zweifeln."
Einmal nur verspricht er sich, an einer ganz harmlosen Stelle, sagt "Wehner" statt "Weser". Und einmal nur sagt er einen der ständigen Selbstkontrolle sanft entglittenen Satz -- auf Thilo Kochs Bemerkung nämlich, Konrad Adenauer habe weiland wohl nicht geahnt, in Schmidt einen seiner Nachfolger vor sich zu haben. "Ach Gott", murmelt der Kanzler da, "er war kein schlechter Menschenkenner, glaube ich."
Ob mit Helgoländer Lotsenmütze auf der Akropolis oder mit locker fallender Haartolle daheim im Langenhorner Haus -- "er beherrscht seine Rolle" (Thilo Koch) wie einer, dem gar nichts passieren kann. Oder?
"Was könnte ihm passieren?" fragt Autor Koch den Kanzler-Kritiker Conny Ahlers. Aber auch der sagt: "Eigentlich nur das Natürliche." Was immer das sein mag.
Hermann Schreiber

DER SPIEGEL 7/1976
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