09.02.1976

FORSCHUNGUrbild des Pascha

Die Säugetiere, und mithin auch die Menschen, verdanken ihren hohen Entwicklungsstand wohl einem weithin als schädlich erachteten Sozialverhalten -- der Inzucht.
Inzest, witzelt ein aufklärendes Wort, ist ein Spiel für die ganze Familie. Was dabei herauskommt, meinen nun US-Forscher durchaus ernsthaft, habe der Schöpfung die Krone aufgesetzt.
Denn unter allen Lebewesen haben sich die Säugetiere zugleich am höchsten und schnellsten entwickelt. Ihre außergewöhnliche Evolution bis hin zum Menschen aber ist nicht mit dem normalen Zusammenwirken von Erbänderungen und natürlicher Auslese zu erklären.
Erst ein klassenspezifisches Sozialverhalten, erläutert Professor Allen C. Wilson von der University of California in Berkeley, habe den Säugern zu komplexem Körperbau, mannigfaltigen Lebenstypen und überlegenen Anpassungsstrukturen verholfen: der Herdentrieb und die dadurch begünstigte oder gar erzwungene Inzucht.
Nur weil schon Ursäugetiere in Sippen- und Familienverbänden zusammenlebten, in denen eher regelmäßig als zufällig der Vater seine Töchter und der Bruder die Schwestern befruchtete, kamen überdurchschnittlich viele Mutationen zustande, lautet die These; und durch eben diesen Umstand wurden dann die für den Kampf ums Dasein günstigen Mutationen auch weitervererbt -- Träger der gleichen neuen Erbanlagen fanden und paarten sich häufig.
Die Evolution der Säugetiere, fand Biochemiker Wilson zusammen mit Genetikern und Zoologen, vollzog sich so zehnmal so rasch wie etwa die von Fischen, Fröschen oder Schnecken. Ohne den Inzucht-Vorteil wäre die heutige Spitzenklasse der Lebewesen bislang kaum über das Stadium ihrer dem Opossum ähnlichen Vorfahren hinausgekommen.
Damit wird eine Spielart der Fortpflanzung aufgewertet, von der bisher vor allem schlimme Folgen bekannt waren: Monstrositäten etwa wie die sechs Finger an jeder Hand von Hinterwäldlern oder der Ausbruch von Schwachsinn in Herrscherdynastien wurden auf Inzucht zurückgeführt, aber auch die Häufigkeit von Kropf in abgeschiedenen Alpentälern und die hohe Schizophrenie-Rate unter den Bewohnern Nordschwedens.
Auf gleiche Weise, erklärt das Wilson-Team in den jüngsten "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften, hätten sich innerhalb des Stamms der Wirbeltiere die Säuger als die tüchtigeren Arten ausgebildet: Ihre jeweils neuen Merkmale konnten sich besonders gut durchsetzen, weil die Erbträger sie innerhalb einer Gruppe und in wenigen Generationen weit verteilten -- niederen Wirbeltieren, Lurchen und Kriechtieren beispielsweise war das bei wahlloser Paarungspartnerschaft nicht möglich.
Bei ihrer Studie hatten Wilson und seine Mitarbeiter 1230 verschiedene Spezies verglichen, deren Entwicklungsgeschichte mit Fossilienfunden belegt ist. Sie sahen dabei nicht nur die seit längerem anerkannte Generalthese bestätigt, daß die Evolution von Urformen zu heute lebenden Arten bei Säugetieren schneller ablief als bei deren Ahnen, den Fischen, Amphibien und Reptilien. Sie fanden auch aufschlußreiche Unterschiede innerhalb der Säugetier-Klasse.
In Horden und Rudeln lebende Tierarten wie Affen und Nager haben die meisten Mutationen hinter sich, von denen die vorteilhaften nun die Art prägen. Körpergröße, die zum Wandern durch große Nahrungsreviere zwingt, wie Mobilität überhaupt scheinen jedoch die Evolutionsschritte zu hemmen -- Beispiele sind Wale und die weit umherflatternden Fledermäuse.
Dagegen können starke Gemeinschaftsbande selbst die Nachteile eines starken Wandertriebs wettmachen. So grasen die eurasischen Wildpferde zwar Areale bis zu 200 Quadratkilometern ab; aber da ein Hengst lebenslang mit mehreren Stuten zusammenbleibt, sind sie -- gemessen am Chromosomen-Bild -- schon weit höher entwickelt als die Zebras, die auf den südwestafrikanischen Steppen in größeren Herden weiden.
Als Ursache des Sozialgefüges von Säugetieren sehen Wilson und seine Kollegen die enge Bindung zwischen Muttertier und Jungen eben beim Säugen an. Niedere Wirbeltiere, Schildkröten etwa oder Schlangen, kümmern sich nicht um ihren Nachwuchs.
Der Inzucht förderlich freilich waren dann die vorherrschende Polygamie und die Hierarchie der Männchen, die das Leittier zum beherrschenden Verteiler seiner Erbmasse macht.
Am günstigsten für Fortbestand und Entwicklung einer Art durch Inzucht, meinen die amerikanischen Wissenschaftler, sind Gruppen mit nur zehn oder noch weniger reproduktionsfähigen Tieren. Deshalb vermuten Wilson und sein Team auch, daß die am höchsten entwickelte Säugetier-Spezies, der Mensch, ursprünglich nicht anders lebte -- in kleinen, versippten Horden, polygam: Urbild des Pascha mit Harem.

DER SPIEGEL 7/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FORSCHUNG:
Urbild des Pascha

Video 01:22

Protest gegen Bienensterben Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock

  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Senioren auf Partnersuche: Ich bin nicht zu alt für Sex" Video 29:50
    Senioren auf Partnersuche: "Ich bin nicht zu alt für Sex"
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Iran-USA: Ein Krieg, den eigentlich keiner will" Video 05:29
    Iran-USA: "Ein Krieg, den eigentlich keiner will"
  • Video "Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?" Video 00:43
    Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?
  • Video "Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach" Video 01:08
    Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach
  • Video "Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske" Video 48:32
    Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen" Video 00:35
    Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt" Video 01:32
    Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt
  • Video "Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle" Video 00:55
    Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock