09.02.1976

WERNER HEISENBERG †

Wundere dich also nicht, o Sokrates, wenn wir in vielen Dingen über vieles, wie die Götter und die Entstehung des Weltalls, nicht imstande sind, durchaus und durchgängig mit sich selbst übereinstimmende und genau bestimmte Aussagen aufzustellen. Platon, „Timaios“.
In einer Dachrinne des Münchner
Priesterseminars fand er, während der Revolutionswirren 1919, sein Lebensthema. Auf Ausguck als Hilfswilliger eines bürgerlichen Freikorps studierte der Pennäler den naturphilosophischen Dialog "Timaios" von Platon.
In seinem Nobel-Vortrag, im Wirrnisjahr 1933, erklärte er dann mit einer wie dem Timaios entlehnten Sentenz, welche Revolution er inzwischen mitbewirkt hatte: "Der bisherige Weg der Quantentheorie deutet darauf hin, daß das Verständnis jener noch ungeklärten Züge der Atomphysik nur durch einen über das bisher übliche Maß hinausgehenden Verzicht auf Anschaulichkeit und Objektivierung wird erreicht werden können."
Werner Heisenberg löste mit seinen durch den Nobelpreis anerkannten Beiträgen zur Quantenmechanik, zumal mit der "Unbestimmtheitsrelation", fundamentale Schwierigkeiten der modernen Physik. Er sprengte damit die Grenzen des klassischen Weltbildes und eröffnete bis heute nicht ausgemessene Bereiche theoretischer und experimenteller Forschung.
Doch so elitär sein Fachgebiet auch war -- er wurde ein Prototyp des populären Gelehrten, Garant für die Öffentlichkeit, daß es mit dem Bemühen um die Rätsel von Materie und Energie schon seine Richtigkeit habe.
Bescheiden und geduldig hat er den schier unbegreiflichen Umbruch des naturwissenschaftlichen Denkens zu vermitteln gesucht. Die Autobiographie in Gesprächsform ("Der Teil und das Ganze"), urteilte Carl Friedrich von Weizsäcker im Nachruf auf den am vorletzten Sonntag gestorbenen Freund, "enthält die vielleicht einzigen platonischen Dialoge, die in unserem Land und in unserer Zeit geschrieben worden sind".
Gemüt und Ehrgeiz: Heisenberg, 1901 geboren, war aktiv in der Jugendbewegung, zeitlebens schwärmend von Sonnenaufgängen, Bergtouren und der "Chaconne von Bach am Lagerfeuer".
Gleichwohl begann er seine Studien bei Arnold Sommerfeld, einem der ersten Theoretiker des anbrechenden Atomzeitalters, so vehement, daß er bereits als 19jähriger in den Spitzenkreis seiner Wissenschaft stieß. Bei Gastvorlesungen von Niels Bohr in der Physik-Hochburg Göttingen schlug der Student sogleich Verbesserungen an Bohrs Atommodell vor. Nach der Promotion arbeitete er dann abwechselnd im Göttinger "Kinder-Seminar" des jugendliche Genies versammelnden Max Born und in Bohrs Kopenhagener Institut, Zentrum eines kosmopolitischen Forscherzirkels.
Mit "einzigartiger Spannung" reagierte Albert Einstein auf die alsbald einsetzende Ideenflut. "Nie zuvor", notierte US-Physiker Victor F. Weisskopf, "haben so wenige soviel in so kurzer Zeit geleistet."
"Die Wissenschaft durch die Katastrophe zu retten" war Heisenbergs Motiv, das NS-Regime nicht zu fliehen. Sein Kompromiß: Obgleich vom SS-Blatt "Schwarzes Korps" als "weißer Jude" verschrien, erkundete er nach Kriegsausbruch die Chancen für den Bau deutscher Atombomben.
Er wurde, von 1946 an Leiter des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik, ein Fürsprecher der friedlichen Nutzung von Kernenergie (und unterzeichnete das "Göttinger Manifest" gegen nukleare Bewaffnung der Bundeswehr). Aber als Schatten empfand er vor allem, daß sein wissenschaftliches Alterswerk die neue Forschergeneration nicht mehr erreichte.
Dieser Versuch, alle subatomaren Erscheinungen in einer "einheitlichen Feldtheorie" zu verklammern, könnte tatsächlich Irrtümer enthalten; grandios bliebe er dennoch: "Die Vorstellung von der objektiven Realität der Elementarteilchen hat sich", so beschrieb er das Ziel, "in einer merkwürdigen Weise verflüchtigt" -- in die "durchsichtige Klarheit" der Mathematik.

DER SPIEGEL 7/1976
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