29.03.1976

VERBÄNDEStein auf den Kopf

Wochenlang feilschten die Topstars der westdeutschen Unternehmer-Lobby um die Spitzenpositionen der beiden mächtigsten Verbände. Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer gewann den Poker.
Zehn Wochen lang zierte sich der frühere Bayer-Generaldirektor Kurt Hansen. Dann, am Dienstag letzter Woche, wurde er schwach. In einem Gespräch mit Hans-Günther Sohl, dem amtierenden Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), verkündete der pensionierte Chemie-Boß, er verzichte auf den ihm zum 1. Januar 1977 zugesagten Präsidentenposten beim BDI.
Einen Tag später erfuhr ein gutes Dutzend hochkarätiger Topmanager von Hansens Resignation. Gemeinsam mit Sohl überraschte er die zu einem Arbeitsessen in die Düsseldorfer Thyssen-Zentrale gereisten Industriellen, er werde Sohls Nachfolge nicht antreten -obgleich ihn die Mitgliederversammlung des BDI schon Mitte 1974 zum Chef der mächtigsten Unternehmerlobby der Republik gewählt hatte.
An diesem Montag soll Hansens Verzicht amtlich werden: Im Saal I des Kölner BDI-Hauses wird eine Hundertschaft von Spitzenmanagern die Neuigkeit zur Kenntnis nehmen und kurz darauf vermutlich den seit Monaten schwelenden Zwist um die Führung des Industriellenlagers beenden.
Sohl selber hatte den Streit angezettelt, als er Ende Dezember 1975 mit dem Daimler-Benz-Vorstand und Vorsitzenden der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Hanns Martin Schleyer verabredete, Arbeitgeber- und Industrieverbandsspitze künftig zu fusionieren. Schleyer sollte Anfang 1979, wenn Hansens BDI-Amtszeit abgelaufen sei, auch den Industriellenklub übernehmen.
Schon bald freilich war Sohl mit dem eigenen Zeitplan unzufrieden. In Einzelgesprächen mit seinen BDI-Präsidien verabredete er, nach Möglichkeit Hansens Abgang und Schleyers Aufstieg im BDI zu beschleunigen: Der sensible Hansen, rechnete sich Sohl aus, werde Spekulationen um seinen Amtsantritt und die Dauer seiner Präsidentschaft kaum durchstehen, sondern sich vermutlich freiwillig zum Amtsverzicht, zumindest aber zu vorzeitiger Aufgabe entschließen.
Genau das lag im Interesse sowohl Sohls als auch Schleyers. Der bullige Daimler-Vorstand hatte schon zuvor Freunden anvertraut, der vorgesehene Amtsantritt beim BDI im Januar 1979 käme für ihn reichlich spät. Denn immerhin werde er dann bereits das pensionsreife Alter von 64 Jahren erreicht haben. Ein Amtsantritt zum 1. Januar nächsten Jahres sei deshalb die beste Lösung.
Diese Eile allerdings paßte nicht so recht in Sohls Pläne. Der frühere Stahlmanager, der nach der Bundestagswahl Ende 1976 zurücktreten wollte, hatte nämlich mittlerweile neuen Gefallen an seinem Amt, insbesondere an repräsentativen Auslandsreisen gefunden.
Sohl hätte es deshalb gern gesehen, wenn ihn die Kollegen aus den Vorstandsetagen gebeten hätten, noch ein Jahr im Amt zu bleiben, um dann Anfang 1978 Schleyer auf den Doppelthron zu hieven.
Hansen wurde von derlei Plänen und Absprachen ebensowenig informiert wie von den ersten Kontakten zwischen Sohl und Schleyer im Dezember 1975. Auch von allen späteren Kalküls erfuhr der Pensionär offiziell wenig.
In der zweiten März-Woche reichte es dem früheren Bayer-Chef. In einem mehrseitigen Brief, den er per Einschreiben und "persönlich" an den "Lieben Herrn Sohl" schickte, beklagte er sich vorsichtig über die Art, wie die beiden Präsidenten ihn, den designierten BDI-Chef, auszutricksen versucht hatten.
Weil aber Schleyer der westdeutschen Öffentlichkeit bereits als künftiger Doppelpräsident vorgestellt worden sei, bot Hansen verschiedene Denkmodelle an, die den Zwist beenden helfen sollten.
* "Denkbar" sei, daß schon vor dem geplanten Datum, dem 1. Januar 1979, BDI und BDA einem Präsidenten unterstellt würden. Für die ersten zwei Jahre sollte dann allerdings nicht der BDA-Chef, sondern der BDI-Führer das Sagen haben. > Die beiden Ämter bleiben getrennt, so daß Schleyer" wenn er Anfang 79 den Industriellenklub übernehmen wolle, sein Arbeitgeberamt abzutreten hätte.
* Schleyer tritt schon zum nächsten Jahresbeginn als "Doppelpräsident" an, müsse aber neben sich einen ebenfalls für beide Verbände zuständigen Stellvertreter hinnehmen.
Über die Vorliebe Hansens brauchte Sohl nicht lange zu rätseln. Den "Vorschlag A" schloß Hansen "für meine Person" aus: Die Doppelfunktion belaste ihn zu sehr und sei überdies für Schleyer nicht zumutbar.
Auch die zweite Version schien Hansen unzweckmäßig, überdies war sie für Sohl und Schleyer unannehmbar. Seine Vorliebe galt dem dritten Weg: Er würde auf den Präsidentensessel beim BDI verzichten und sich weiterhin mit dem Amt des Stellvertreters begnügen, wenn ihm dafür als Entschädigung zusätzlich die Vizepräsidenten-Würde der Arbeitgeberverbände zufiele. "Dem Schleyer", räsonierte er, "kann ja auch mal ein Ziegelstein auf den Kopf fallen."

DER SPIEGEL 14/1976
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