29.03.1976

PERSONALIENJochen Steffen, Egon Bahr, Gerlach Fiedler, Rolf Bossi, Hannes Androsch, Groucho Marx, Lynn Redgrave

Jochen Steffen, 53, SPD-Bundesvorstandsmitglied, glaubt die Lösung der bundesdeutschen Verteidigungs-Probleme gefunden zu haben: 300 Mann, straff organisiert und geschult in atomarer, bakteriologischer und chemischer Kriegführung, würden, so Steffen, reichen, einen möglichen Aggressor gründlich das Fürchten zu lehren. Eine solche Spezialtruppe hätte den gleichen Abschreckungseffekt wie die teure Bundeswehr, prophezeite der Kieler bei einer Podiumsdiskussion im nordfriesischen Husum, zudem könnten durch das Billig-Heer eingesparte Milliarden in soziale Reformen investiert werden. Auch Einsatzpläne für den Ernstfall hat Steffen parat. Etwa so: "Diese Leute haben eine Atombombe im Köfferchen und lassen sie beispielsweise in Moskau explodieren." Stoltenbergs Kieler Union, durch die Verteidigungs-Visionen des ehemaligen Landtags-Oppositionsführers erschreckt, warnte in einer Stellungnahme: Eine Kriegführung nach Steffen-Art widerspreche den Genfer Konventionen.
Egon Bahr, 54, Bonner Entwicklungshilfeminister und schleswig-holsteinischer SPD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, mußte bei einem Wahlkampfeinsatz in Deutschlands Norden Angst vor seemännischer Routine überwinden, als er sich bei Windstärke sechs in einem Übersetzboot zum Riesentanker "Brazilian Hope" bringen ließ. Statt, wie von Bahr gehofft, über ein Fallreep an Bord zu gelangen, hievte der Kapitän den Minister samt Boot und Besatzung per Seilwinde an Deck. Der furchtsame Bahr ("Was soll der Scheiß") wurde erst auf dem Schiff wieder mutig, streifte sich Ölzeug über (Photo) und beschied das seefahrende Wahlvolk wahlkampfbeflissen, es sei "mein größter Wunsch, einmal mit einem solchen Schiff eine Reise zu machen".
Gerlach Fiedler, 50, Hamburger Schauspieler, TV-Regisseur und HSV-Mitglied, setzte seine 130 Kilo am vergangenen Sonnabend in dem Volleyball-Bundesligaspiel zwischen dem neuen Deutschen Meister Hamburger Sport-Verein und Ex-Titelträger 1860 München ein -- als aktiver Spieler (Photo). Der Charakterdarsteller und HSV-Betreuer sprang ein, weil drei der Bundesligaspieler nicht eingesetzt werden konnten. HSV-Trainer Günter Blume nahm den Einsatz des "langmähnig-zotteligen Unikums" ("Morgenpost") als "Gag für die Zuschauer". Die Münchner aber fühlten sich "und den gesamten Spitzensport" durch Fiedlers "anti-athletischen Auftritt zutiefst erniedrigt".
Rolf Bossi, 52, Münchner Strafverteidiger, übte sich in Kollegen-Schelte: Der Rechtsanwalt bemängelte in der Bonner "Welt" das Konzept des US-Staranwalts F. Lee Bailey bei der Verteidigung von Patricia Hearst. "Bei einem ähnlichen Fall in Deutschland hätte ich die Verteidigung auf zwei Komponenten aufgebaut: sexuelle Hörigkeit, verbunden mit einer Sozial-Romantik", verriet Bossi und schilderte, wie er die Angeklagte dem Gericht präsentiert hätte: "Bei mir hätte sie ihre zerfetzten Kleider wieder angezogen" und "Ich hätte sie weinen lassen und vor allem reden, reden!" Für den Münchner ist der "für zwei Millionen Dollar engagierte Superanwalt Lee Bailey" (Bossi) durchaus kein Spitzenkönner, denn "ein guter Verteidiger darf einfach nicht zulassen, daß die Gutachter des Staatsanwalts besser sind". Die eigenen Fähigkeiten beurteilt Bossi positiver: "Ich bin todsicher, daß ich bei einem Hearst-Fall in Deutschland das Gericht von einer verminderten Schuldfähigkeit der Angeklagten überzeugt hätte." Hannes Androsch, 37, österreichischer Finanzminister, muß kurzfristig auf ein bescheidenes Auto umsteigen, weil sein erst Ende vergangenen Jahres gekaufter Dienst-Mercedes (350 SEL) samt Fahrzeugpapieren gestohlen wurde -- von einer "deutsch-österreichischen Mercedes-Bande" (Kripoverdacht). Aus Sparsamkeitsgründen hatte das Ministerium den teuren Nobelwagen nicht gegen Diebstahl versichern lassen" gleichwohl bestellte Kreiskys Finanzchef "trotz Rekorddefizit im Bundesbudget" (Abgeordnetenkritik) sofort einen neuen und drängte auf kurze Lieferfrist. Androsch könne, rechtfertigt sein Ministerium die Neuanschaffung, aus Repräsentationsgründen "besonders im Verhältnis zu den Ostblockstaaten" nicht auf ein teures Auto verzichten. Denn: Kommunistische Funktionäre fühlen sich "mißachtet, wenn sie mit einem nicht standesgemäßen Wagen vom Flugplatz oder Bahnhof abgeholt werden".
Groucho Marx, 85, letzter noch lebender Marx-Brother, steckte mit der Schauspielerin Lynn Redgrave, 33, unter einer Decke (Photo) -- zu Illustrationszwecken. Der Komiker will mit den Bildern die Neuausgabe seines Buches "Betten" anreichern, eine Sammlung von Einzeilern und Zweideutigkeiten zum Thema Bett, die 1929 erstmals erschien und -- nachdem Groucho und seine Brüder Harpo, Zeppo und Chico als "Marx Brothers" populär geworden waren, auch bald vergriffen war. Jetzt erhofft sich Groucho von den alten Bettgeschichten neuen Ruhm.

DER SPIEGEL 14/1976
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