23.02.1976

DDR-SEXÄußerst vergnüglich

Mehr sexuelle Freizügigkeit, aber ohne Sex-Rummel -- so lautet das Fazit einer Studie über das Verhalten von DDR-Bürgern.
Wenn Dagmar S., 39, geschieden, Leiterin für Öffentlichkeitsarbeit in einem Betrieb in der DDR, einen Mann kennenlernt, der ihr gefällt, dann fragt sie ihn freundlich, ob sie ihm mal die Haare schneiden soll.
"Das Interesse kann man schon zeigen", erklärt sie ihre verbrämte Offensive, "aber in verschlüsselter Form." So direkt sei das nicht üblich. Sie würde nicht hingehen und sagen: "Ich finde Sie Schau, gehen wir zu mir." Denn: "Es ist einfach Tradition, daß die Frau das nicht tut."
Mehr sexuelle Freiheiten, aber kaschiert durch überkommene Benimm-Regeln -- so etwa lautet das Fazit einer Bestandsaufnahme über "Liebe, Ehe, Sexualität in der DDR"**.
Die Tonband-Interviews, die das Autoren-Team nach Gesprächen mit 70 DDR-Bürgern zusammenstellte, erlauben den Schluß: Neben vielen Bekenntnissen zur Treue als "Grundstein der Beziehung" und zur Ehe, die "hier das Eigentliche ist", macht sich im DDR-Staat ein beachtlicher Drang zu weiblicher Autonomie bemerkbar.
"Ich kann mich nicht mit einem Mann belasten, der meine Kräfte braucht", erklärte zum Beispiel Elli B. 36, einmal verwitwet, einmal geschieden, Mutter zweier Kinder. Geschieden wurde sie, weil sie versuchte, "andere Männer zu haben". Die Tochter hat sie sich "besorgt" vom Mann einer Freundin.
Mit 40 000 Scheidungen pro Jahr -- zwei Drittel auf Antrag von Frauen -- hält die DDR den Weltrekord. Da 82 Prozent der DDR-Frauen einem Beruf nachgehen, ist die Bedeutung der Ehe als Versorgungseinrichtung gleich Null. Geheiratet wird dennoch zum Teil aus ganz profanen Gründen: "Gar nicht heiraten", so Veronika V., 25, "kann man hier so gut wie nicht, man kriegt dann keine Wohnung."
Staatliche Versuche, die Scheidungsziffer wieder zu senken, schlugen bislang fehl. Es gibt mehr als 250 Eheberatungsstellen in der DDR und 45 regelrechte Eheschulen als vorbeugende Einrichtungen für das dauerhafte Leben zu zweit. Als eher unerwartetes Ergebnis der Kampagne war ein allgemein wachsendes Interesse am Thema Sex zu verzeichnen.
Die Hoffnung der DDR-Familienplaner, daß die Beziehungen auch sonst stabiler würden, wenn es im Bett besser klappt, machte das Intimleben in der DDR erstmals zum öffentlichen Diskussionsstoff. Friedrich Engels wurde herausgekramt, der Sex zu den "natürlichen, unentbehrlichen und äußerst vergnüglichen Dingen" gezählt hatte. DDR-Mediziner Dr. Siegfried Schnabl, Verfasser des Aufklärungswerks "Mann und Frau intim", durfte die bis dahin eher puritanisch eingefärbte Geschlechtsmoral der DDR-Bürger einen "neurotischen Abwehrmechanismus" nennen.
Noch 1973 hatten sich Besucherinnen der Kunstausstellung in Dresden durch Aktbilder "in ihrer Würde" als "sozialistische Bürgerinnen" verletzt gefühlt. Inzwischen werden Stimmen laut, die das Pornographie-Verbot als "Quatsch" bezeichnen -- so einer der Interviewten in dem Buch über DDR-Liebe. Eine andere Befragte: "Gruppensex kann ich mir unter bestimmten Bedingungen ja ganz lustig vorstellen."
Sachlichkeit ohne frivolen Zungenschlag bestimmt jedoch nach wie vor die Debatte über sexuelle Fragen. Bei dem Wort "bumsen", so die Journalistin und DDR-Kennerin Marlies Menge, "würden die drüben vor Schreck vom Stuhl fallen". Die Veränderungen seien viel eher in der Beziehung der Geschlechter untereinander zu finden als in der Art, wie über die Dinge gesprochen werde. Marlies Menge: "Die Frauen sind -- im Vergleich zur Bundesrepublik -- aggressiver und selbstbewußter bei der Wahl ihres Partners." Und: "Ein Kind ohne Mann zu haben ist drüben kein Problem."
* "Für Dich" (oben), "Die Legende von Paul und Paula" (unten).
** Barbara Bronnen und Franz Henny: "Liebe, Ehe, Sexualität in der DDR, Interviews und Dokumente". Piper Verlag, München; 128 Seiten; 10 Mark.
Erstaunt mußten die DDR-Eheberater feststellen, daß die Zahl der Klientinnen, die "bedingungslos ihre Ehe erhalten wollen", sehr geschrumpft sei. Die Frauen suchten vielmehr "eine Klärung der Situation vom Standpunkt der Gleichberechtigung aus".
Unterdes entdeckte DDR-Aufklärer Schnabl das Frauenfeindliche an Freud: Das psychoanalytische Konzept der weiblichen Sexualentwicklung sei "doch sehr stark von Zweckdenken durchsetzt", bei dem "die Wünsche des Mannes Pate standen". Er finde es "erschütternd", wie viele Frauen wegen ihrer "vermeintlich minderwertigen klitoridalen Reaktion" unbefriedigt blieben, von ihren Männern dann auch noch "als kalt und unnormal bezeichnet".
Ein "Herrschaftszepter" sei der Penis, meint auch DDR-Autorin Irmtraud Morgner in ihrem Emanzipationsroman über "Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz", und sie empfiehlt ihren Leserinnen, die "Produktivkraft Sexualität souverän zu nutzen". Freimütig betonte sie in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" das Recht der Frau auf "Paarung als physisches Erfolgserlebnis". Frauen, so führte sie aus, "denen die Sitten jahrhundertelang abverlangt haben, ihre Sexualität zu unterdrücken, mußten verkrüppeln, und von Krüppeln sind keine originären Leistungen zu erwarten".
Nach marxistischer Ethik ist jedoch die "Bejahung der Sinnlichkeit" stets verbunden mit der Forderung nach "moralischer Sauberkeit". Homosexualität zum Beispiel, die in der DDR bereits seit 1968 unter Erwachsenen straf frei ist, erfüllt diese Bedingung nicht.
Zwar dürfe man, heißt es in einem Standardwerk zur "Geschlechtserziehung in der sozialistischen Oberschule", Homosexuelle "nicht verunglimpfen". Aber: "Man sollte sich nicht mit Homosexuellen befreunden oder ihre Gesellschaft aufsuchen."

DER SPIEGEL 9/1976
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