05.04.1976

OSTHANDELAlles sehr geheim

Obgleich die Sowjet-Union mit vielen Milliarden Dollar im Westen verschuldet ist, versprach sie deutschen Industriellen neue Großprojekte.
Privatbankier Alwin Münchmeyer aus Hamburg war ratlos: "Wie sollen wir die großen Geschäfte mit der UdSSR nur finanzieren?" fragte er vergangene Woche nach einer Sitzung der deutsch-sowjetischen Wirtschaftskommission. "Wir sind doch nicht die USA."
Verblüfft registrierte die Creme der deutschen Industrie, die sich im Moskauer Spiridonowka-Palais zum Handels-Plausch versammelt hatte, daß die Sowjets noch immer einen schier unbegrenzten Bedarf nach Maschinen und ganzen Fabriken haben.
Noch während der von Minister Hans Friderichs und Moskaus stellvertretendem Ministerpräsidenten Nikolai Tichonow geleiteten Tagung der gemischten deutsch-sowjetischen Wirtschaftskommission versuchten die Sowjets, den Deutschen weitere Großprojekte und Kooperationsvorhaben schmackhaft zu machen. Kommissionsmitglied Otto Wolff von Amerongen: "Die haben uns mit Zahlen, Daten und Plänen so vollgepumpt, daß wir erst eine gewisse Zeit brauchen, um Informationsgleichheit zu erreichen."
Noch in diesem Jahr wollen die Sowjets für drei bis vier Milliarden Mark Chemieanlagen in der Bundesrepublik kaufen, unter anderem bei dem Frankfurter Chemie-Multi Hoechst. Der Moskauer Vertreter des deutschen Konzerns, Kurt Preckel, ist seiner Sache sicher: "Schon im nächsten halben Jahr werden wir Verträge unterzeichnen. Jetzt ist noch alles sehr geheim."
Vertraulichkeit vereinbarten die Unterhändler auch für ein ehrgeiziges Projekt des sowjetischen Chemieministers Kostandow: Er möchte mit Hilfe der Deutschen einen petrochemischen Mammutbetrieb bauen, der jährlich zwölf Millionen Tonnen Rohöl verarbeiten und insgesamt sieben Milliarden Mark kosten soll. "Das Projekt", lockte der Sowjet-Minister seine Gäste, "ist noch nicht vergeben."
Kostandows Kollege Dojenin, zuständig für Haushaltsgeräte sowie den Maschinenbau in der Leicht- und Nahrungsmittelindustrie, überraschte die Deutschen mit anspruchsvollen Vorlesungen über technische Details. Er möchte gemeinsam mit westlichen Firmen Textilmaschinen bauen und hochkomplizierte Spinnmaschinen kaufen. Staatssekretär Detlev Karsten Rohwedder: "Ich habe oft nur Bahnhof verstanden."
Ebenso undurchschaubar blieb den Emissären, wie die hochverschuldete Sowjet-Union, die sich allein 1975 auf dem Eurodollarmarkt Kredite in Milliardenhöhe zusammenpumpte, ihre Großprojekte finanzieren will.
"Die Zusammenarbeit könnte schneller und effektiver vorangetrieben werden, wenn die Sowjets nicht nur immer Gigantisches verfolgten", meinte Hans Georg Stäcker vom Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten, der Ende März im Moskauer Sokolniki-Park eine
Werkzeugmaschinen-Ausstellung arrangierte. Und Rohwedder assistierte: "Die brauchten nur mehr Gold zu verkaufen, und die Finanzierungsschwierigkeiten wären behoben."
Genau das freilich wollen die Sowjets derzeit am wenigsten -- obgleich ihre Schulden allein aus dem deutschrussischen Handel inzwischen auf etwa zehn Milliarden Mark aufliefen. Unverdrossen dienten sie neue Offerten an: Erstmals wollen sie deutsche Spezialisten, um sich von Organisations- und Rationalisierungsexperten ihre Betriebe "rekonstruieren" zu lassen.
So wird die Meßgerätefirma Hommel-Werke aus Schwenningen auf Wunsch der Sowjets den Moskauer Meßgerätebetrieb "Kalibr" umorganisieren und modernisieren helfen. Die Schwaben sollen den Sowjet-Managern die optimalen Transportwege innerhalb des Betriebes weisen und Tips für genaue Terminüberwachung geben. Und sogar die Lohnabrechnungen für die 2000 Kalibr-Werktätigen sollen künftig von den Ausbeutern aus dem Westen geschrieben werden.

DER SPIEGEL 15/1976
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