05.04.1976

Alles irgendwie positiv

So ähnlich muß es sein, wenn die Gold-Rosi kommt. Die Leute starren und staunen, als hieße Ernst Albrecht mit Nachnamen Mittermaier; als hätten ihn zwei Goldmedaillen und nicht zwei Dunkelstimmen aufs Podest gebracht. Sein Erscheinen löst Aha-Erlebnisse aus, die sogleich in Autogramm-Wünsche umschlagen: Das ist er also, der neue Mann persönlich. Ein Star auf Tournee.
"Und wie das so ist mit neuen Sternen, die am Himmel aufgehen: Jeder will sie sehen", eröffnet der Vorredner einer CDU-Kundgebung mit Ernst Albrecht im badischen Teningen den Versammelten, die artig und gebannt dasitzen wie das Studio-Publikum bei "Dalli dalli" und die wohl wirklich "sehr glücklich" sind, "daß wir Sie mit dem bloßen Auge erkennen können".
Eine Attraktion also. Aber ist der Wundermann auch wirklich ein Wählermagnet? Kann er auch, was er können muß, wenn seine Karriere über den Kavalierstart hinaus halten, wenn sein hoher Nennwert in der (mehr oder weniger neuen) CDU nicht nur eine kurzfristige Notierung bleiben soll -- nämlich Wahlen gewinnen?
Die Wahlen in Baden-Württemberg waren so gut wie gewonnen, als Ernst Albrecht dort letzte Woche einen Tag lang für seinen Kollegen Filbinger und dessen CDU aufgetreten ist. Aber einen Eindruck von Albrecht als Wahlkämpfer hat dieser Auftritt doch hinterlassen.
Das heißt -- wie ein Wahlkämpfer wirkt er eben nicht; bestimmt dann nicht, wenn man darunter einen Polemiker mit scharf umrissenem Feindbild versteht, der seinen Zuhörern demagogisch Dampf macht. Die Duftmarke. die Albrecht allenthalben hinterläßt, riecht auch im Wahlkampf eher nach "Auflockerung der Fronten" denn nach der Parteien Gunst und Haß.
Man merkt dem Überraschungssieger aus Hannover an, daß er wenig Sinn darin sieht (abgesehen von der unvermeidlichen "Mobilisierung der Basis") und gar keinen Spaß daran hat, mit reißerischen Reden über die Dörfer zu ziehen. Sein Rollenverständnis als Partei-Promoter ist ebenso unterentwickelt wie sein forensischer Impetus.
In Vorstandssitzungen, auch noch im Parlament mag er mitreißend argumentieren; ein Redner für Marktplätze und Turnhallen ist er nicht. Mehr als markige Monotonie kommt da rhetorisch nicht zustande, und selbst die wird noch gedämpft durch wägende Gesten mit geöffneten Händen und durch die halbhohe, beinah priesterliche Gebärde, mit der er am Ende den aufbrandenden Applaus abfängt.
Im übrigen hat er sich ausgerechnet, daß er sein Leben lang Wahlkampf machen müßte, wenn er jene Millionen Menschen erreichen wollte, die er binnen der letzten vier Wochen mit drei Fernsehauftritten erreicht hat. Er ist ein Mann fürs Fernsehen, und er weiß das; weiß auch, daß es vor der Kamera nicht so sehr darauf ankommt, was er sagt, sondern wie er es sagt.
Der geneigte Zuschauer darf davon ausgehen, daß Ernst Albrecht sein publikumswirksames Lachen viel bewußter einsetzt als Rosi Mittermaier das ihre. Und auch wenn er persönlich erscheint, transportiert er zunächst mal ein Image, das er dem Fernsehen verdankt.
Besonders die Darstellungsform der Talkshow hat es ihm angetan, obwohl ihn sein TV-Geplauder mit Reinhard Münchenhagen neulich unbefriedigt gelassen hat. Nun will er sich nächstens selber als Talkmaster versuchen -- allerdings daheim, en famille, im Rahmen einer Veranstaltung, die bei den Albrechts unter der Bezeichnung "Geschwister-Wanderung" läuft und dem internen Problemaustausch dient.
Moderation ist Albrechts Gewerbe, auch seine Message. Überzeugt, wie er nun mal ist, daß "unsere Bevölkerung des Übermaßes an Konfrontation milde" sei, präsentiert er sich als Mann der befreienden Tat, der aus der Not der Minderheit die Tugend des Parteigrenzen überschreitenden Verkehrs von Menschen und Meinungen macht.
In Niedersachsen jedenfalls, so glaubt er, "fühlen sich die Abgeordneten in allen Lagern heute wie befreit: sie können plötzlich wieder ihre eigene Position vertreten". Und er selber könnte dort, wenn die Freien Demokraten partout nicht den Dampfer wechseln wollen, eines Tages sogar mit den Sozialdemokraten koalieren.
Sie hat durchaus Methode: die ungenierte Manier, mit der Ernst Albrecht mal rechts, mal links Profil zeigt. Er will so sein, so synthetisch: "ln der Vermögensbildung gibt es keinen, der progressiver ist als ich. Oder in der Neuen Sozialen Frage gibt es keinen, der leidenschaftlicher engagiert ist als ich. Aber wenn es um die Entscheidungsfreiheit des Unternehmers über die Investitionen geht oder um die Reform des § 218, dann bin ich so konservativ, wie Sie es kaum finden können."
In seinen Wahlreden variiert er Ludwig Erhards "über den Parteiungen" schwebenden Neoliberalismus ebenso wie Willy Brandts "Compassion". Da die Gesellschaft für ihn gesichtslos ist, kann er soziales Engagement, aber auch das allgemeine Bedürfnis nach mehr Freiheit nur individuell artikulieren. Und dieser krude, im Kern konservative Individualismus deckt dann auch noch ein bißchen Industrie-Lobbyismus ab und den obligaten Appell zur Härte in allen Verhandlungen mit den Kommunisten.
Aber was er auch sagt -- es klingt alles irgendwie positiv, optimistisch, wie frisch von der Reinigung und garantiert jugendfrei. Anstoß soll nicht genommen werden, wird auch nicht genommen. Immer volle Säle, nie Störer im Publikum. Die Wahlreise letzte Woche in Baden-Württemberg war eine Goodwill-Tournee wie aus dem Bilderbuch: Strahlemax Blankauge im Musterländle.
Sogar einen privaten, gemieteten Hubschrauber hat er hier gehabt, zum ersten Mal in einem Wahlkampf. "Da muß man", sagt er mit einem schwachen Anflug von Sarkasmus, "wohl erst Ministerpräsident werden." Während des Fluges hat er fleißig in seinen Redenotizen gelesen: handschriftlich mit den Kürzeln einer Art Privatstenographie bedeckte Zettel. Einen Ghostwriter nämlich hat er nicht.
Politisch macht es dem neuen Mann aus dem liberalen Norden keinerlei erkennbare Mühe, auch mal ein Stück auf der "Südschiene" seiner Partei zu fahren, rechtsherum also.
Zwar läßt er sich, von kritischen Fragen bedrängt, nicht auf die happige Alternativ-Formulierung der badenwürttembergischen CDU-Wahlplattform "Demokratischer Staat oder sozialistische Gesellschaft" ein, sondern reicht die Interpellanten an Filbinger weiter: "Die Frage geht dann wohl an Sie." Aber in Sachen Polen-Vereinbarungen stellt er dem rechten Badenser, dessen landesväterliche Statur er denn doch imponierend findet, ohne Not einen Persilschein aus: Filbinger habe am Ende zu denen gehört, die in der CDU "den Durchbruch zum Ja" herbeigeführt hätten.
Und auch ein staatsphilosophisches Buch, das Dr. Ernst Albrecht während seiner Zeit als Europa-Beamter in Brüssel geschrieben hat, um sich "zu zwingen, geistig präzise zu arbeiten läßt er demnächst ausgerechnet im Stuttgarter Seewald-Verlag erscheinen, also in einer Art Hausgemeinschaft mit Autoren wie Alfred Dregger und Franz Josef Strauß. Sicher könnte er das Buch jetzt auch anderswo vermarkten. Aber Seewald hat ihm die Veröffentlichung schon zugesagt, als er noch nicht der Held von Hannover war.
Ernst Albrecht honoriert das -- einmal wohl aus Anstand, zum anderen vielleicht aus Skepsis. Denn so sicher kann er nun auch wieder nicht sein, daß sein telegener Frischwärts-Appeal dem Verschleiß des landespolitischen Alltags einer Minderheitsregierung unbegrenzt standhält, die nun anfangen muß, ohne die gesicherte Unterstützung der FDP, aber mit sozialdemokratisch durchsetzten Ministerien ihr glanzloses Geschäft zu betreiben.
Wenn der Wahlkämpfer Albrecht Autogramme gibt, dann schreibt er seinen Namen (wennschon ohne Vornamen) noch jedesmal sauber und leserlich -- wobei ihm zuweilen, nicht gänzlich neidlos, sein Parteivorsitzender Helmut Kohl einfällt, der sich nicht mehr so viel Mühe, sondern bloß Kringel und Striche macht.
Aber soweit ist Albrecht eben noch lange nicht.

DER SPIEGEL 15/1976
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