05.04.1976

GENERALEInteressanter Job

In der Bundeswehr nickt eine neue Generalsgeneration nach, die den letzten Krieg nicht mehr als Soldat erlebt hat. Ihr jüngster Vertreter: Eberhard Eimler, Jahrgang 1930.
Seine militärische Karriere begann er mit einer Meuterei. Als sich Eberhard Eimler 1956 freiwillig zur Fliegerei meldete, steckten ihn die Bonner Wehrbürokraten erst einmal in die nachwuchsschwache Marine.
Doch der 26jährige Ulmer bockte: Entweder komme er zur Luftwaffe, oder er ziehe seine Bewerbung für den Militärdienst wieder zurück. Eimler: "Ich wollte unbedingt fliegen." Er flog.
Seit Donnerstag letzter Woche ist Eimler, Jahrgang 1930, der jüngste General der Bundeswehr -- und ihr erster, der außer der westdeutschen noch keine andere Uniform getragen hat. Zwar schafften schon vor ihm zwei Offiziere aus der Riege der "Selbstgestrickten" (Bundeswehrjargon), die ihre militärische Laufbahn nicht mehr Diktatur und Krieg verdanken, den Sprung in das 217 Mann starke Generals-Korps. Doch sowohl der Raketen-Fachmann Günter Raulf (siehe Seite 83) als auch der Panzer-Experte Hans-Joachim Mack, beide Jahrgang 1928, haben den Zweiten Weltkrieg noch als Flakhelfer oder im Volkssturm mitgemacht.
Eimler ist ein typischer Nachkriegsfall. 1945 karrte er von der Schule in Ostpreußen aus als Beifahrer Verpflegung an die Baustellen von Hitlers Ostwall, mit 17 bestand er das Abitur, mit 19 die Gesellenprüfung als Elektro-Installateur. Anschließend studierte er Elektrotechnik und verdingte sich nebenher als Manager im Ulmer Büro des US-Reisebüros "American Express Company".
Über die deutsche Vergangenheit reflektiert der Jung-General kaum: "Wir Jüngeren haben nicht den 45er Komplex." Für ihn wie für die meisten seiner gleichaltrigen Kameraden ist der Offizierberuf kein moralischer Auftrag, sondern lediglich ein interessanter Job. Für seine Berufswahl fällt Eimler immer nur "Fliegen" ein und allenfalls noch "ein bißchen Opposition" gegen die Ohne-mich-Stimmung der fünfziger Jahre.
Seine Arbeit begreift der passionierte Handwerker, der sein Ferienhaus im Nahetal Stück für Stück selber baut, als ideologiefreies Management hochtechnisierter Waffensysteme. Eimlers militärisches Kredo unterscheidet sich kaum von dem karrierebewußter Aufsteiger in der freien Wirtschaft: "Man muß die Leute aufgabenbewußt motivieren, dann klappt es." Und: "Zum Erfolg gehört ein präzis funktionierendes Team."
Noch heute verziehen viele traditionsbewußte Generalstäbler im Bonner Verteidigungsministerium ob solch frivoler Bekenntnisse aus dem Munde eines Offiziers mißmutig das Gesicht. Eimler selbst kennt diese Einstellung aus seiner Zeit als Adjutant des damaligen Luftwaffen-Inspekteurs Johannes Steinhoff. Im Vorzimmer seines Förderers Steinhoff lernte er jene Anpassungsfähigkeit, die auch für Bundeswehr-Karrieren unerläßlich ist. Eimler: "Das war meine prägsamste Zeit."
Die kritische Phase seiner Laufbahn erreichte Eimler, als er 1971 Steinhoffs Vorzimmer räumen und zur Truppe umziehen mußte. Nicht nur mißgünstige Kameraden prophezeiten "Steinhoffs Hätschelkind" eine rasche Bruchlandung als Kommodore des mit der Fiat G-91 ausgerüsteten leichten Kampfgeschwaders 42 in Pferdsfeld bei Bad Kreuznach.
Doch der Neue hatte Fortüne, ihm gelang, was vor ihm kein Fiat-Kommodore geschafft hatte: Bei der jährlichen Nato-Überprüfung erreichte sein Geschwader 1972 die Traumnote "sehr gut". Bei den Personalplanern auf der Bonner Hardthöhe rückte Eimler damit schon in die erste Reihe der Generalsanwärter. Ministerialdirektor Heinz Schaefgen, Leiter der Personalabteilung im Verteidigungsministerium: "Oberst kann man noch mit Fleiß, General dann nur noch mit Glück werden."
Die ehedem skeptischen Offizier-Kollegen sehen heute in Eimler bereits den Luftwaffen-Inspekteur der achtziger Jahre. Sollten sie recht behalten, dann wird der General freilich Glück bitter nötig haben: Er wird mit dem Waffensystem MRCA fertig werden müssen, dem aufwendigsten und kompliziertesten Flugzeug, das deutschen Piloten je zugemutet wurde.

DER SPIEGEL 15/1976
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DER SPIEGEL 15/1976
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