05.04.1976

CDU/HAMBURGHäschen in der Grube

Zum zweitenmal ist ein Hamburger CDU-Bundestagsabgeordneter über eine unklare Geldaffäre gestolpert: Dietrich Rollmann kehrt nicht nach Bonn zurück.
Es sah aus wie bestellt: Gerade hatten Hamburgs christdemokratische Führer beschlossen, über CDU-MdB Dietrich-Wilhelm ("Didi") Rollmann nicht mehr zu sprechen, da machte der quirlige Hanseat wieder von sich reden.
Die CDU-Vertreterversammlung hatte sich, Freitag vorletzter Woche, zur Kandidatenkür für die Bundestagswahl in Hamburgs Curio-Haus versammelt. Rollmann war anwesend, stand aber nicht mehr zur Disposition, als sein Name dennoch in aller Munde geriet: Von der Polizei kam Nachricht, im unbesetzten Büro des CDU-Kreisverbands Hamburg-Mitte (Vorsitzender: Rollmann) sei eben, am hellichten Tag, eingebrochen worden.
Der oder die Täter hatten eine Nebentür geknackt, den Schreibtisch der Sekretärin erbrochen und durchwühlt. Es fehlte aber, so schien und so bestätigte es sich, nichts. Geld war offenbar nicht das Tatmotiv. Auf dem Schreibtisch lagen, so Rollmann, "in einem Umschlag genau 392 Mark". Der Umschlag blieb liegen.
Hinter dem Bruch vermutet Rollmann "eindeutig politische Motive". Springer-Blätter verspürten gar einen "Hauch von Watergate" ("Welt am Sonntag"), während jüngere Christdemokraten, Rollmann nicht so zugeneigt, eher "ein bißchen Wind" bemerkten.
Das Interesse der Einbrecher galt, das wenigstens glaubt Rollmann, politischen Papieren, insbesondere einer Liste von Spendern, die in den Jahren 1973/74 der hanseatischen Christen-Union rund 280 000 Mark für den Bürgerschaftswahlkampf zugesteckt hatten,
Rollmann selbst ("Ich war einer der wesentlichsten Geldbeschaffer der CDU") hatte die Spenden eingeheimst, doch wohlweislich "darüber keine schriftlichen Aufzeichnungen" gemacht -- was sich nun als glücklicher Umstand erwies und was dennoch dem Vorsichtigen zum Schaden gereichen sollte.
Von den 280 000 Mark hatte der Kreisverbandsvorsitzende nur 220 000 an den Landesverband weitergereicht. 60 000 behielt er ein und gab sie, so sagt er, im Wahlkampf aus -- unrechtmäßig, wie der Landesvorstand nachträglich befand, und möglicherweise nicht ganz korrekt.
Zwar kann Rollmann auf zwei Prüfungsberichte übergeordneter Parteiinstanzen verweisen, die an der Führung der Wahlkampfkasse nichts zu beanstanden hatten. Andererseits läßt ein Mitglied der Hamburger CDU-Führung jeden, der danach fragt, wissen, Rollmann sei im Umgang mit den Spenden "recht sorglos" gewesen und habe sie "wohl als eine Art Repräsentationsfonds" betrachtet. Der Kreisverband wurde zu Teilrückzahlung verdonnert -- und Rollmann legte, seltsam genug, 11 000 Mark aus eigener Tasche dazu.
Als dies alles bekannt wurde, mußte Rollmann aus dem heiß gewordenen Rennen um gute Plätze für die nächste Bundestagswahl ausscheiden. Der Politiker, der 1960 als jüngster Parlamentarier nach Bonn gezogen war und sich dort immerhin zum jugendpolitischen Sprecher der Unions-Fraktion hochgedient hatte, wurde nicht wieder nominiert. Er ist schon der zweite altgediente Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete, der über unklare Geldaffären stolperte.
Der erste, Mittelstandspolitiker Heinrich Gewandt, hatte bereits vergangenes Jahr aufgegeben. Der Abgeordnete war im Zusammenhang mit dem Bau des Kampfflugzeuges Alpha Jet in Bestechungsverdacht geraten und hatte trotz Rehabilitierung auf eine erneute Kandidatur verzichtet.
Nachdem auch Rollmann endgültig abserviert worden war, mußte noch der Sozialausschußmann Gerhard Orgaß, seit 1965 für Hamburgs CDU beim Bund, über die Klinge springen -- was Unions-Christen vom linken. Flügel ("Ein Dolchstoß") um so ärgerlicher war, als der gelernte Maurer und "Renommierproletarier", wie Hamburger Sozialdemokraten ihn nennen, von Birgit Breuel, Tochter des hanseatischen Bankiers Alwin Münchmeyer, auf den wenig aussichtsvollen Landes-Listenplatz 7 abgedrängt worden ist.
Orgaß konnte mit wenigen taktischen Zügen ausmanövriert werden, Rollmann erwies sich als härterer Brocken. Es dauerte fast zwei Jahre, ehe er endgültig fertiggemacht werden konnte: Sein Sturz kündigte sich im Mai 1974 an.
Damals hatte CDU-Fraktionschef Jürgen Echternach Rollmann den Posten des Hamburger Parteivorsitzenden abgejagt. Der glatte Aufsteiger, der selten Freunde, aber immer Gefolgsleute zu finden versteht, fühlte sich stark genug für eine Machtprobe mit Rollmann und bot ihm, als der Schwächezeichen erkennen ließ, einen Handel an: Rollmann verzichtet zugunsten Echternachs auf Wiederwahl zum Landeschef, Echternach sorgt dafür, daß Rollmann 1976 abermals in den Bundestag kommt.
Die Abmachung, von Echternach "eindeutig bestritten", von Rollmann bestätigt, hielt nur ein Jahr. Dann wurde sie, wie Rollmann sich vor Freunden beschwerte, von Echternach widerrufen.
Danach mehrten sich die Zeichen: Im Dezember vorigen Jahres gelangten Papiere über parteiinterne Geldgeschäfte (Rollmann: "Aus der
Landesgeschäftsstelle gestohlen") an die Öffentlichkeit, die geeignet waren, Rollmann ins Zwielicht zu rücken. Und Ende Februar wurde er aus dem Landesvorstand, wo er noch als Beisitzer fungierte, abgewählt.
Der Angeknockte wurde schließlich auf christdemokratisch verabschiedet: mit einem letzten Tritt. Die Spendenaffäre, in der Partei schon beigelegt, sickerte durch, und auch dem letzten CDU-Wahlmann wurde klar, daß es bei Didi Rollmann nichts mehr zu wählen gab. Rollmann, der zunächst noch "kämpfen" wollte, verzichtete ("Die Chance der Niederlage war größer als die Chance des Sieges") auf die Bundestags-Kandidatur.
Und dann kam Didi doch noch zu einem letzten Auftritt. Als die Nachricht vom Einbruch eintraf, eilte er in sein Büro und ließ sich, vielleicht zum letztenmal, für die Presse photographieren -- "genau", mokierte sich ein junger CDU-Mann, "wie Häschen in der Grube".

DER SPIEGEL 15/1976
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