05.04.1976

ARBEITSLOSEBessere Tricks

Gut 44000 Arbeitslose mußten im vergangenen Jahr hinnehmen, daß ihnen das Stempelgeld gesperrt wurde: Sie waren zu anspruchsvoll.
Bis zum 31. Oktober 1974 verdiente Jens Eggersen* nicht schlecht. Woche um Woche bekam der Betonbauer 565 Mark. Dann, mitten in der Rezession, wurde er arbeitslos und mußte sich mit dem Stempelgeld, zuletzt 208,20 Mark wöchentlich, behelfen. Seit ein paar Tagen bekommt er nicht einmal mehr die beiden Blauen.
Der beschäftigungslose Betonbauer hatte eine vom Arbeitsamt angebotene Stelle ausgeschlagen, weil ihm weder die Arbeit -- er sollte wieder als Betonbauer untergebracht werden -- noch der Lohn gefiel. Sein neuer Job nämlich war um rund 200 Mark schlechter dotiert als seine frühere Stellung.
Wenige Tage nachdem er die Offerte ausgeschlagen hatte, schlug das Arbeitsamt zu. "Wegen Ablehnung einer angebotenen Arbeit" wurde ihm für vier Wochen die Arbeitslosenunterstützung gestrichen.
Ähnlich erging es in den letzten Monaten etlichen der rund 1,3 Millionen westdeutschen Arbeitslosen. Gegen
* Name von der Redaktion geändert.
44 200 Arbeitslose verhängte die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit im vergangenen Jahr eine sogenannte Sperrzeit. Ein Jahr zuvor waren nur 22 000 Bundesdeutsche vom Stempelgeld ausgeschlossen.
Und trotz anlaufender Konjunktur werden in diesem Jahr vermutlich noch mehr Sperren verhängt werden. "Je besser die Aussichten auf einen baldigen Konjunkturaufschwung", glaubt Hamburgs Arbeitsamtsdirektor Dietrich Oldenburg, "um so eher lehnt ein Arbeitsloser eine Stelle ab."
Dabei sind sich die Jobexperten und Arbeitsamtsbeamten darin einig, daß die Zahl der Drückeberger oder Arbeitsscheuen unter den Gesperrten vergleichsweise niedrig ist. Oldenburg: "Die haben bessere Tricks", etwa absichtlich unvorteilhafte Präsentation während der von den Ämtern vermittelten Vorstellungsgespräche beim neuen Arbeitgeber. Die Profis unter den Arbeitslosen stellen sich begriffsstutzig oder schwerhörig, depressiv oder aufsässig, um vom Stellenanbieter abgewiesen und so vom Arbeitsamt weiterbezahlt zu werden.
Unter den Sperrvermerk fallen dagegen vor allem jene, die eine gutbezahlte Dauerstellung suchen, die ihnen überdies ähnliche Verdienst- und Aufstiegschancen bietet wie ihr früherer Arbeitgeber.
Nur: Derlei Ansprüche, die noch Anfang der siebziger Jahre als blanke Selbstverständlichkeit galten, lassen sich heute kaum noch durchsetzen. Verschreckt durch die immer steiler kletternden Arbeitslosenzahlen und die rasch aufreißende Finanzlücke der Arbeitslosenversicherung, beschnitt die Bundesregierung rigoros die Rechte der Arbeitslosen. Nach den neuen Bestimmungen des Arbeitsförderungsgesetzes darf kein Arbeitsloser mehr einen Job ablehnen, weil
* die neue Stellung nicht dem bislang ausgeübten Beruf entspricht,
* der neue Arbeitsplatz vom Wohnort des Arbeitslosen weiter entfernt ist als der frühere,
* die Arbeitsbedingungen ungünstiger als früher sind,
* lediglich der tarifliche Arbeitslohn bezahlt wird und anders als beim letzten Job übertarifliche Zuschläge oder Vorteile entfallen.
Dank der neuen Vorschriften riskiert beispielsweise ein arbeitsloser Diplom-Ingenieur eine Sperrzeit, wenn er nicht als Techniker arbeiten will. Ein Betriebswirt muß sich mit der Stelle eines untergeordneten kaufmännischen Angestellten begnügen, ein Schlossermeister mit dem Job eines Hilfsschlossers.
"Mit Mißtrauen und immer größerer Sorge" (DGB-Arbeitsmarktexperte Edmund Duda) registrieren vor allem die Gewerkschaften den neuen Trend. Die Funktionäre nämlich wollen wissen, daß viele Unternehmer längst die neue Härte der Ämter geschickt zu ihren Gunsten nutzen. Sie entließen die in der Hochkonjunktur mit hohen Bezügen geköderten Arbeiter und Angestellten und wechselten sie gegen geringer bezahlte Nachfolger aus.
In den Bochumer Opelwerken zum Beispiel, berichten IG-Metall-Vertrauensleute, verdienen etliche neu eingestellte Bandarbeiter vorerst je Stunde bis zu zwei Mark weniger als die entlassenen Kollegen, die sie ersetzen.
Vor allem arbeitslose Angestellte trifft das kühlere Klima hart. Wegen der in den letzten Jahren rasch vorangetriebenen Rationalisierung in Kontoren und Büros können die Personalchefs immer häufiger hochdotierte und qualifizierte Angestellte durch billigere Arbeitskräfte austauschen: Computer und andere Bürohelfer haben einst komplexe Arbeitsvorgänge immer weiter zerstückelt und vereinfacht.
Am ärgsten sind ausgebildete Warenhauskaufleute dran. Kaufhauskonzerne und Handelsketten haben so kräftig rationalisiert, daß fast überall kleinere Filialen und Verkaufseinheiten organisatorisch zusammengelegt wurden. Wo etwa früher ein Abteilungsleiter residierte, werden heute allenfalls noch Assistenten eingesetzt.
Die in etlichen Branchen deutliche Tendenz, viele Arbeitsvorgänge herunterzustufen und weniger attraktive Jobs anzubieten, läßt Arbeitsmarktexperten vermuten, die Arbeitslosen seien vergleichsweise bescheiden geworden -- trotz der 44 200 Sperrvermerke. Die Frankfurter Arbeitsvermittlerin Ingrid Ludwig interpretiert die Rekordzahl denn auch als "ein Indiz dafür, daß die Ansprüche der Arbeitslosen schon gesunken sind".

DER SPIEGEL 15/1976
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