05.04.1976

TEMPO 30Ständige Angst

Immer mehr Bürgerinitiativen fordern Tempo 30 in Wohngebieten.
Gleichzeitig erhielten, in der vergangenen Woche, SPD-Bundesverkehrsminister Kurt Gscheidle in Bonn und FDP-Landesverkehrsminister Horst-Ludwig Riemer in Düsseldorf gleiche Post vom gleichen Absender: Katholische Pfarrgemeinde St. Pius, Köln-Zollstock. Gottesweg 14.
Inhalt der dicken Kuverts: ein Bericht über die vom Pfarrhaus gesteuerte Aktion "Menschliche Straßen in Zollstock" sowie die briefliche Bitte, sich für das Ziel der gläubigen Bürgerinitiative von Amts wegen einzusetzen, nämlich für "Tempo 30" in den Wohnstraßen der deutschen Städte und damit auch in Köln-Zollstock.
Die Botschaft vom Gottesweg ist das jüngste Produkt einer Volksbewegung, die von Nordrhein-Westfalen allmählich bundesweit ausstrahlt, nach Hamburg ebenso wie ins württembergische Rottenburg. Anstifter und Antreiber ist der Journalist Alfred Zerban in Köln, der beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) die Verkehrsredaktion leitet.
Fast jeden Samstagvormittag agitiert Zerban in seiner vielgehörten UKW-Sendung "Freie Fahrt ins Wochenend" für die Herabsetzung der örtlichen Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 auf 30 km/h überall dort, wo Straßen nicht vorwiegend dem Durchgangsverkehr dienen, ob in Altstadt-Arealen oder Neubau-Siedlungen.
Motiv der kirchlichen Kampagne, die Pius-Pastor Peter Haanen auch von der Kanzel herab als "ein Stück Verkündung im Alltag" betreibt, wie auch der Mikrophon-Mission: die hohe Zahl von Verkehrsopfern, die jünger als 15 oder älter als 65 Jahre sind -- zwei Altersgruppen, die nach Verstand oder Verhalten dem Verkehr oft noch nicht oder nicht mehr gewachsen sind.
So sind beispielsweise, laut Pfarr-Broschüre, unter tausend tödlich verunglückten Fußgängern 423 Kinder unter zehn Jahren, und auf je 100 000 Einwohner der Bundesrepublik kommen jährlich rund 340 Kinder als Verkehrsopfer. Mehr als die Hälfte dieser Kinder kommt auf den Straßen in reinen Wohngebieten ums Leben, ohne erkennbare zeitliche oder örtliche Schwerpunkte wie etwa in Schulbereichen. Kein Wunder: Für zwei Drittel der Kinder in Westdeutschland muß immer noch die Straße als Spielfläche herhalten.
Im Herbst letzten Jahres erfuhr Zerban, Autotester und Vater zweier Schulkinder, von den radikalen Prozeduren zum Schutz der Fußgänger und Wohnstraßen in Holland. Dort werden, vor allem beim Modellfall Delft, die Fahrbahnen durch Blumenkübel, Bodenwellen, Einbauten, markierte Stellplätze oder Niveauausgleich von Straße und Gehweg in Slalomstrecken für Langsamfahrt umgewandelt.
Hollands Verkehrsminister Theodoros Westerterp strebt sogar die "Umkehrung der jetzigen Vorrangregeln" an, den Motorfahrzeugen soll in den Städten die Priorität gegenüber den Fußgängern immer mehr genommen werden: "Wir werden ihre Geschwindigkeit praktisch auf Fußgängertempo runterbringen."
Zerbans erster Wochenend-Weckruf, im Oktober 1975, animierte gleich zahllose Partei-Ortsorganisationen, Bürgergremien, Straßen-Gemeinschaften, Schulpflegschaften und Elternvereine zum Begrenzungs-Begehren "30 statt 50". Allein im Ruhrgebiet bombardieren inzwischen mehr als dreißig Bürgerinitiativen die Behörden mit Anträgen und Argumenten.
Alfred Zerban, der seinerseits wieder endlos über die Reaktionen auf seine Initiative referiert, gibt samstags über Funk Schützenhilfe: "Schließen Sie sich mit anderen Eltern zusammen und fordern Sie die Stadt- und Gemeindeverwaltungen auf, ihre Straße zur Spielstraße zu erklären, die Geschwindigkeit auf mindestens 30 Kilometer pro Stunde herabzusetzen", denn "es ist nicht menschenwürdig, daß die meisten Eltern in ständiger Angst leben, wenn ihre Kinder draußen spielen".
Beide, der Rundfunk- und der Kirchenmann, versorgen ihre Gemeinde auch mit Fakten:
* Der Bremsweg verringert sich von 34,7 Meter bei Tempo 50 auf nur noch 15,2 bei Tempo 30;
* bei Tempo 50 wird ein Kind 15 bis 20 Meter weit geschleudert und meist schwer verletzt, bei Tempo 25 "fällt es um und steht wieder auf";
* 250 Meter Fahrtstrecke werden bei Tempo 30 in 30, bei Tempo SO in 18 Sekunden zurückgelegt, "und die zwölf Sekunden weniger steht man an der nächsten Ampel" (Haanen).
Den ersten Erfolg verbuchte der Rosenberg-Verein e. V., eine Bürgerinitiative in Bochum: Im Februar ordnete der Oberstadtdirektor für die ganze Rosenberg-Siedlung eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h an -- "unter Berücksichtigung der besonderen örtlichen Verhältnisse": Bei fünf Unfällen waren Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren verletzt worden.
Sonst jedoch sperren sich Stadtverwaltungen und Oberkreisdirektoren ebenso wie der ADAC und sogar die Deutsche Verkehrswacht gegen eine generelle Begrenzung auf Tempo 30 in Wohngebieten, schon "weil diese nicht klar abgegrenzt sind" (ADAC-Stellungnahme). Außerdem hat eine jüngst veröffentlichte Studie des HUK-Verbandes der Haftpflicht-, Unfall- und Kraftverkehrs-Versicherer erwiesen, daß die Verkehrsgefährdung gerade in neuen Wohngebieten geringer ist als in gewachsenen Ortsbereichen. Die Ortsbehörden müßten zudem eine unumgängliche Kettenreaktion befürchten, wenn sie erst einmal ein Wohnviertel zur Schutzzone erklärt hätten, denn passende Vergleiche und damit Ansprüche wären schnell aufgestellt.
Vor allem aber hängt die Verkehrssicherheit in Wohngebieten von Selbstdisziplin und Verantwortungsgefühl ihrer Bürger ab: Das Argument für Tempo 30 nämlich, daß die auserkorenen Straßen ohnehin nur von den Anliegern, ein paar Besuchern und Lieferanten benützt würden, verpflichtet stärker zu Wohlverhalten als Limit-Tafeln.
Pastor Haanen selbst räumt das in dem Aktionsbericht ein, der inzwischen auch an Landtags- und Bundestagsabgeordnete versandt worden ist: "In der eigenen Wohnstraße legt der Durchschnittsfahrer Wert darauf, als angenehmer Nachbar anerkannt zu werden."

DER SPIEGEL 15/1976
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