05.04.1976

GELDANLAGEKalter Konkurs

Ein Kieler Jurist ist beim Zusammenbruch des Ferienzentrums Weissenhäuser Strand auf merkwürdige Abwicklungspraktiken gestoßen.
Die Manager des Ostseebades Weissenhäuser Strand hatten das Firmenbegräbnis sorgfältig vorbereitet. Zunächst überzeugten sie ihre Kommanditisten, "zur Erhaltung der steuerlichen Vorteile nach dem Zonengrenzland-Förderungsprogramm" seien Konkursabwicklung und Zwangsversteigerung "nicht vor Ende 1977" erforderlich.
Die Rechnung schien aufzugehen. Die Wortführer der "Weissenhäuser Strand Betriebs AG Erste KG" ließen sich von der Gesellschafterversammlung eine Konkurskosten-Kollekte bewilligen, die jedem Kommanditisten "einen Betrag von ein Prozent seiner Kommanditeinlage" abknöpfen sollte. Und Anfang März dann eröffnete das Amtsgericht Oldenburg das Konkursverfahren.
Die gut 100 Millionen Mark teure Abschreibungs-Burg schien in einer ganz gewöhnlichen Pleite unterzugehen -bis Kommanditist Werner Peters aus Kiel aufmuckte. In einer "sofortigen Beschwerde" an das Lübecker Landgericht hielt es der Jurist, im Hauptberuf Einpauker für Hamburger und Kieler Studenten ("Juristisches Repetitorium für die 1. und 2. Staatsprüfung"), "zur Vermeidung schwerster Nachteile für die von der Konkursanordnung Betroffenen rätlich, dem Konkursverwalter die Masseverwertung zu untersagen.
Der Jura-Pauker meint zu wissen, daß es bei der Pleite der Abschreibegesellschaft, an der er mit 75 000 Mark Kommanditkapital und einer Rückbürgschaft von 61 000 Mark beteiligt ist, nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Unter anderem sei den Kommanditisten vor der Gerichtsentscheidung "kein rechtliches Gehör" gewährt worden, obwohl "erhebliche Zweifel an der Begründetheit des Konkursantrages bestanden". Peters' Verdacht: Die Weissenhäuser-Manager könnten der "Vorstellung" anhängen, "daß mit einem Konkurs über das Vermögen der bisherigen Trägergesellschaften ein Schlußstrich unter die Verbindlichkeiten der Vergangenheit gezogen sei
Tatsächlich ist das 1973 eröffnete Ostseebad Weissenhäuser Strand keineswegs eine Investitionsruine. Das mit Kureinrichtungen und 3568 Hotel- und Apartmentbetten bestückte Unternehmen rechnet nach einer mäßigen Anlaufphase mit immer fetteren Einnahmen. Erst in den letzten Tagen meldete Bürgermeister Gustav Burghard von der für das Ferienzentrum zuständigen Gemeinde Wangels: "Für die nächsten Monate haben wir bereits 150 Prozent mehr Buchungen als im vergangenen Jahr."
Bei den Recherchen über die Konkursumstände fand Peters denn auch rasch "Beweise" dafür, daß die Gesellschaft keineswegs überschuldet war. Laut Gerichtsprotokoll hatte die Geschäftsführung der Weissenhäuser Strand KG nur wenige Tage vor Konkurseröffnung erklärt: "Die Frage, ob die Kommanditgesellschaft überschuldet ist, kann von uns zur Zeit nicht abschließend beantwortet werden."
Die Deutsche Genossenschafts-Hypothekenbank AG in Hamburg freilich fürchtete im Dezember letzten Jahres, ihre 63 Millionen Mark in den Ostseesand gesetzt zu haben. Auf ihren Antrag stellte das Amtsgericht Oldenburg das Objekt unter Zwangsverwaltung, weil das Management den Schuldendienst nicht mehr aufbrachte.
Theoretisch hätte das Unternehmen so lange unter der Aufsicht des Zwangsverwalters weiterarbeiten können, bis der letzte Gläubiger befriedigt worden wäre. Wiederholt hatte Peters deshalb alle Beteiligten gewarnt: "Solange die Zwangsverwaltung nicht als gescheitert angesehen werden kann, kann von einer Zahlungsunfähigkeit der unter Vormundschaft gestellten Gesellschaften keine Rede sein."
Doch derlei Rechtsbelehrungen des Repetitors verfingen nicht -- zumal die Manager des Projektes längst eine andere Lösung anpeilten. Am 7. November 1975 hatten sie im Handelsregister des Kieler Amtsgerichts mit 20 000 Mark Stammkapital nämlich eine "Nord Consulting Agentur für Hotel-, Betriebs- und Unternehmensberatung GmbH" eintragen lassen. Und just diese Firma wurde vom Zwangsverwalter mit der Geschäftsführung in Weissenhäuser Strand beauftragt. Folge: Das gesamte Management und Personal der Kommanditgesellschaft trat in die Dienste der Neugründung.
Wie Peters später herausfand, kamen auch die beiden Gesellschafter der Nord Consulting aus der alten Firma: Bürgermeister Gustav Burghard machte sich um die "Weissenhäuser Strand Betriebs AG Erste KG" als Aufsichtsratsvorsitzender verdient, der Kieler Finanzmakler Hans-Joachim Herbst gilt als einer der Gründer des Ferienzentrums.
Wer die Gesellschafter-Verhältnisse bei der Nord Consulting in Burghards Gemeindebüro erfragen will, erhält vom Bürgermeister am Telephon freilich nur die Auskunft: "Es handelt sich um einige Privatleute, über deren Namen ich nicht reden möchte."
Publizitätsfreudiger gab sich Burghard 1969 bei der Gründung des Abschreibeunternehmens, an dem sich seine Gemeinde mit einer Kommanditeinlage von 50 000 Mark beteiligte. In einem Werbekatalog, der Geldanleger mit bis zu "171 Prozent" Steuervorteilen oder 300 Prozent "jährliche Rendite auf den tatsächlichen Kapitaleinsatz" köderte, tönte der Bürgermeister: "Der Kapitalanleger findet hier Gelegenheit, gemeinsam mit der Gebietskörperschaft Mitinhaber zukunftsweisender Bau- und Betriebseinrichtungen des Ostsee-Kurbades Weissenhäuser Strand zu werden."
Garniert mit den Namen Hans-Joachim Herbst, Minister a. D. Wilhelm Käber und Seiner Hoheit Friedrich Ferdinand Prinz zu Schleswig-Holstein, verstiegen sich Burghards Freunde in Zeitungsanzeigen sogar zu dem Slogan: "Sicherheit für Sie durch teilkommunalen Status unter Behördenaufsicht".
Daraus wurde wenig: Der rührige Bürgermeister hat in seiner 3000-Seelen-Gemeinde zwar eine uneinnehmbare Steuer- und Kurtaxenfestung. Doch die Kommanditisten müssen die Fehler des Managements und ihrer zahlreichen Berater mit dem Verlust ihrer Kommanditeinlage bezahlen.
Eine Aktionsgemeinschaft der Kommanditisten will durch ein Strecken der Zwangsversteigerung bis 1978 jetzt wenigstens erreichen, daß die Kommanditisten nicht 30 Millionen Mark Steuern nachzahlen müssen.
Der Kieler Repetitor besteht dagegen darauf, daß der Konkurs rasch aufgehoben wird. Nachdem das Landgericht seine erste Beschwerde als "unzulässig" verwarf und in der vergangenen Woche auch das Oberlandesgericht in Schleswig paßte, will der paragraphenfeste Amateur-Anleger bis zum letzten gehen. Peters: "Jetzt ziehe ich vor das Bundesverfassungsgericht."

DER SPIEGEL 15/1976
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