05.04.1976

PROZESSESizilianische Komponente

Weil ein Sizilianer nach heimischem Brauch seine Ehre wiederherstellen wollte, steht er im sauerländischen Arnsberg vor Gericht -- wegen vierfachen Mordes.
Mitten auf der Bahnhofstraße der westfälischen Provinzstadt Anisberg, abends um 22.50 Uhr, hatte der 21jährige Sizilianer Pietro Schembri eine Schreckensvision. Er fühlte plötzlich "einen Berg auf mich zukommen, um mich zu erdrücken". Und vier junge Leute, die um ihn herumstanden, sah er auf einmal nur noch "klein wie Ameisen".
Kurz darauf ballten mehr als zehn Schüsse durch die Nacht, abgefeuert aus einer "Beretta" vom Kaliber 7,65 Millimeter in der Hand des Sizilianers. Schwerverletzt brachen die 17jährige Karin Wälter, ihre Schwägerin Hildegard Wälter, 24, deren Bruder Walter Bahn, 20, und der Fabrikbote Uwe Mester, 17, zusammen. Alle vier starben, Karin und Uwe auf dem Straßenasphalt, Hildegard und Walter im Krankenhaus.
Von einer Kugel in die Brust getroffen, hatte sich Karin Wälter kurz vor ihrem Tode noch einmal aufgerichtet, worauf der Schütze noch ein- oder zweimal auf sie abdrückte -- "aus nächster Nähe", wie Zeugen später berichteten. Überliefert wurde auch ein letzter Satz Pietros zu Karin -- allerdings unpräzis: "Du nicht mehr leben", soll er gesagt haben, oder: "Du mich nicht mehr lieben."
Warum Karin und ihre drei Begleiter am 3. Juli 1975 wirklich sterben mußten, versucht zur Zeit das Arnsberger Schwurgericht unter Vorsitz des Richters Franz-Hermann Rudolphi zu ergründen. Die Tat selber steht völlig außer Zweifel. Pietro gestand. Unbeantwortet ist aber die für die Strafzumessung entscheidende Frage, ob der Süditaliener -- wie der Staatsanwalt meint -- vier Morde aus Rach- und Eifersucht oder -- wie seine beiden Verteidiger glauben -- Totschlag "im Zustand verminderter Schuldfähigkeit" begangen hat. Ausschlaggebend für die Beantwortung wird sein, ob es dem Verteidiger-Duo Dierk Hartmann aus Recklinghausen und Norbert Bussmann aus Münster gelingt, die "sizilianische Komponente ins Spiel" (Hartmann) zu bringen.
Als Helfer bei diesem Unterfangen benannten die Anwälte zusätzlich zu den drei bereits beteiligten Sachverständigen den italienischen Psychiater Professor Franco Ferracuti, anerkannter Kenner süditalienischer Mentalität und unlängst Gutachter im Prozeß gegen den mutmaßlichen Mörder des römischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini.
Ferracutis jüngster Problemfall nun in Arnsberg: Das ist vor allem die Vita des Knaben Pietro, der mit Eltern und fünf Geschwistern in zwei kleinen Zimmern einer Wohnung der südsizilianischen Stadt Palma di Montechiaro aufwuchs und nicht selten, so erinnert sich der Angeklagte, "morgens, mittags und abends Schläge" bekam. 1969 nahm Vater Schembri, Gastarbeiter in der Bundesrepublik, seinen gerade 15 Jahre alten, in der Schule gescheiterten Sohn von der Mittelmeerinsel mit ins Sauerland, nach Arnsberg.
Minderwertigkeitskomplexe versuchte der nur 1,60 Meter große Bauhilfsarbeiter mit Waffen und Weibergeschichten zu kompensieren: Pietro, der schon als Kind in Sizilien wohl an die 1000 Schuß scharfe Munition in die Luft geballert hatte, hantierte auch in Arnsberg gern mit Pistolen. Und wenn er sein Pulver verschossen hatte, widmete er sich den Mädchen: "Das ist doch das Haupthobby jedes Mannes", so prahlte Schembri vor dem Richter, "mit Frauen ins Bett zu gehen."
Seit dem 3. März vergangenen Jahres ging er jedoch nur noch mit einer: mit Karin Wälter. Die Tochter eines biederen Betriebsmeisters bei der Bundesbahn hatte den Italiener in den Arnsberger "Germania Stuben" beim Kickern und Flippern kennengelernt und war dann mit ihm in seinem Zimmer zusammen.
Von da an vergnügten sich die beiden so eindringlich, daß der Arnsberger Elektromonteur Franz Lappe seinen Freund Pietro vor Nachwuchs warnte. Darauf Pietro: "Und wenn schon, dann heirate ich sie eben, sie ist die Richtige.
Pietro Schembri hält den Kopf auf die Hände gestützt und die Augen geschlossen, als im Schwurgerichtssaal des Arnsberger Landgerichts ehemalige Freunde und Bekannte das Verhältnis zwischen Karin und Pietro schildern. Unbewegt hört er auch, von einem Dolmetscher übersetzt, wie eine Mitbewohnerin des Wälter-Hauses die Wende in der Liaison schildert: "Die Karin sagte im Juni: "Ich will ihn loswerden, der geht mir langsam auf den Wecker.'"
Schon nach wenigen Monaten war die Bürgerstochter des Italieners überdrüssig geworden, nachdem sie bereits vorher peinlich darauf bedacht war, die in dem prüden Städtchen ohnehin anstößige Beziehung zu dem Gastarbeiter zu verheimlichen. "Das ist ein Spinner", sagte sie zu ihrem Bruder Dieter, und bei ihrem Vater wiegelte sie ab: "Der läuft immer hinter mir her."
Unversehens entstand so eine Fronde gegen den Fremdländer, zumal auch der Vater gegen das unziemliche Verhältnis war. Nicht nur weil Karin -wie Vater Wälter jetzt vor Gericht bekundete -- "für so was noch zu jung war", sondern wohl auch deshalb, weil Karins Freund -- so zwei Zeugen über die Einstellung des Vaters -- "ein Ausländer war
Für Pietro, dessen Leben, wie er seinen Richtern sagte, "ohne Karin keinen großen Wert gehabt" hätte, war die neue Lage kaum zu fassen. Nicht erstaunlich bei einem Mann, dessen sizilianisch geprägtes "Moral- und Ehrverständnis", wie seine Verteidiger meinen, "dahin geht, daß er zwar Mädchen fallenlassen kann, daß aber eine von ihm Auserwählte auch wirklich ihm gehört".
Doch die Rollenverteilung im Sauerland war anders als in Sizilien, Pietro holte sich eine Abfuhr nach der anderen. Von Vater Wälter, den er -- von Mann zu Mann -- um eine Aussprache bitten wollte, hörte er nur: "Karin nix mehr kommen." Und Karin selber, die wohl wieder zu einer früheren Liebe zurückgefunden hatte, fand ihren Ehemaligen nur noch lächerlich: "Der Pietro rief mich an und weinte", erzählte sie einer Freundin, "da habe ich gelacht, und als er weiterweinte, da habe ich lauter gelacht."
Den Rest bekam Pietro Schembri dann am schwülen Sommerabend des 3. Juli im "Residenz"-Filmtheater, wo gerade "Kanonenboot am Yangtse-Kiang" gespielt wurde. Zwei Reihen hinter sich sah er Karin, die mit Schwägerin Hildegard, deren Bruder Walter Bahn und dessen Freund Uwe Mester ebenfalls ins Kino gegangen war, mit einem anderen Jungen knutschen. In der Pause hörte der Gehörnte von Hildegard: "Ja, weißt du denn nicht, daß die Sache mit dir seit zwei Wochen aus ist?"
Nach diesem letzten Schlag, so behauptete der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift, sei Pietro in sein Zimmer gerannt, habe die Pistole geholt und sei wieder zum Kino zurückgekehrt; nach Ende des Films habe er dann in der nahen Bahnhofstraße das Quartett erschossen. Möglicherweise, so sieht es zumindest nach den bisherigen Zeugenaussagen aus, war es jedoch anders:
Pietro, der seine Pistole -- wie gewöhnlich -- bereits bei sich trug, verließ das Kino in der Pause, besuchte seinen Vater und Freunde, ehe er nach dem Ende der Vorstellung -- wohl absichtlich -- in der Bahnhofstraße wieder mit Karin und ihren Begleitern zusammentraf. "Du Scheißitaliener", will er dort beschimpft worden sein, "du 175er, dich zerstückeln wir leicht, du bist ja klein wie eine Katze."
Nach diesen "für ihn unerträglichen Demütigungen", so die Schembri-Verteidiger, glaubte der Italiener seine Ehre nur auf jene Weise wiederherstellen zu können, die der "Westfälischen Rundschau" vorkam "wie ein Mafia-Massaker im tiefsten Sizilien".
Ob jedoch die Richter nicht nur die Tat, sondern auch den Täter an süditalienischen Verhältnissen messen werden, ist freilich fraglich. In den Augen vieler Arnsberger ist für Schembri ohnehin nur eine Strafe angemessen. Beim Lokaltermin in der Bahnhofstraße urteilten Einheimische letzte Woche lauthals: "Gleich annen Laternenpfahl rauf."

DER SPIEGEL 15/1976
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