05.04.1976

BUNDESWEHRIm Gleichschritt marsch

Konservative Militärs blockieren die Einführung kooperativer Arbeitsweisen an der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr. Ein Reformer wird zur Nato versetzt.
Seit vergangener Woche steht in der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg ein Chefsessel leer. Brigadegeneral Günter Raulf befindet sich, so die offizielle Lesart, auf einer Industriereise.
Die Wahrheit: Raulf wurde aus dem Verkehr gezogen und soll zum 1. Oktober, nach nur zweijähriger Tätigkeit in Hamburg, in den Stab des Nato-Oberbefehlshabers Europa-Mitte im niederländischen Brunssum befördert werden.
Mit der Versetzung möchte das Bonner Verteidigungsministerium möglichst ohne Aufsehen den schon seit Monaten schwelenden Kleinkrieg um Arbeitsweise und Führungsstil an der zentralen Ausbildungsstätte für Stabsoffiziere beenden. Doch so geräuschlos, wie die Hardthöhen-Führung gehofft haben mag, wird die Sache kaum mehr abgehen: Schon in Kürze will der Verteidigungsausschuß des Bundestages von den Spitzenmilitärs Rechenschaft über die Vorgänge verlangen.
Im Mittelpunkt des Streits steht die Frage, ob die Hamburger Militärschule weiterhin autoritär wie eine kaiserliche Kadettenanstalt oder aber so kooperativ geführt werden soll, wie es die zentrale Dienstvorschrift 10/1 vom 10. August 1972 verlangt: "Diskussion ist ein Mittel der Entscheidungsvorbereitung. Kooperation von Untergebenen, Gleichgestellten und Vorgesetzten erleichtert eine sinnvolle Ausführung von Befehlen und Aufträgen." Zur Debatte steht auch, ob der Generalinspekteur der Bundeswehr, Admiral Armin Zimmermann, klare Empfehlungen des Verteidigungsausschusses und der politischen Führung mißachtet hat.
Am 1. Oktober vergangenen Jahres hatte der Verteidigungsausschuß mit den Stimmen von SPD und FDP empfohlen, an der Führungsakademie Arbeitsbedingungen zu schaffen, die "denen der Bundeswehrhochschulen vergleichbar" sind. Im einzelnen sollten die Dozentenstellen ausgeschrieben, die Selbstverwaltung der Lehrgangsteilnehmer ausgebaut und das Konsilium, Beratungsorgan des Kommandeurs in Ausbildungsfragen, zu einem Mitwirkungsorgan erweitert werden. Bald darauf zog der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Hermann Schmidt, nach. Am 26. November forderte er den Generalinspekteur ausdrücklich auf, Alternativen für eine bessere Zusammensetzung und Geschäftsordnung des Konsiliums entwickeln zu lassen. Schmidt an Zimmermann: "Ich lege großen Wert darauf, daß dieses Instrument der Beratung und Mitwirkung ... umgehend die ihm zukommende Form und Funktion erhält."
Doch die um ihre hierarchische Tradition fürchtenden Militärs widersetzten sich. Der Kommandeur der Führungsakademie, Generalmajor Eberhard Wagemann, kann bis heute unwidersprochen behaupten, Admiral Zimmermann habe ihm am 7. Januar mündlich den Befehl erteilt, keine Diskussion über die Geschäftsordnung des Konsiliums zuzulassen.
Mit dem Hinweis auf diesen Befehl des Generalinspekteurs hatte Wagemann auf der Konsiliumssitzung am 15. Januar denn auch einige hohe Akademie-Offiziere vergattert, die immer noch über die Reform der Geschäftsordnung reden wollen. Seither galt wieder das "Jawohl, Herr General".
Nur der Brigadegeneral Günter Raulf, als Diplomvolkswirt und Raketen-Spezialist ein überzeugter Teamarbeiter, wollte nicht kuschen, obwohl er sich der Schwierigkeiten voll bewußt war. Noch am 1. November letzten Jahres hatte Sozialdemokrat Raulf, mit 47 Jahren einer der jüngsten Generale, auf einer SPD-Wehrtagung in Stuttgart bemerkt, daß sich "mit Reformunwilligen wirklich Neues nicht oder nur sehr langsam" schaffen lasse. Aber wenn auch das Wappentier der Führungsakademie, der Adler, noch immer "angestrengt nach rechts" blicke, so wiesen doch die drei Pfeile im Wappen in die richtige Richtung, links aufwärts.
Dies im Sinn und ermuntert durch eine Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Schmidt am 29. Januar vor der Führungsakademie, wurde Raulf aktiv. Schon einen Tag nach der Schmidt-Rede unterbreitete er Wagemann und den Konsiliumsmitgliedern Vorschläge, wie die Arbeit des Gremiums neu gestaltet werden könne.
Wagemann reagierte prompt. Er forderte die sofortige Ablösung von Raulf, weil dieser sich einem Befehl widersetzt habe. Raulf, so Wagemann am 12. Februar in einer Fünf-Seiten-Rüge, habe überdies durch seinen "Ungehorsam als General ... ein schlechtes Beispiel" gegeben und "das Ansehen der Bundeswehr geschädigt".
Beschwichtigungsversuche des stellvertretenden Generalinspekteurs Harald Wust ("Generale bestraft man nicht") fruchteten ebensowenig wie ein Versöhnungsgespräch auf der Hardthöhe Anfang März. Wagemann blieb bei seiner Alternative: Raulf oder ich.
Um einen Skandal in der Bundeswehr-Spitze im Bundestagswahlkampf zu vermeiden, akzeptierte Raulf schließlich die ihm von der militärischen und der politischen Führung nahegelegte Versetzung zur Nato. Wagemann, ein geachteter, aber streng konservativer Offizier, konnte als vorläufiger Sieger nach Hamburg zurückkehren. Die um ihre Karriere besorgten Lehrer und Lehrgangsteilnehmer akzeptierten die Bonner Entscheidung stumm und stramm. Ein Akademie-Schüler bitter: "Rechts um! Im Gleichschritt marsch!"

DER SPIEGEL 15/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BUNDESWEHR:
Im Gleichschritt marsch

  • Britische Parlamentswahl: Der Brexit-Beschleuniger
  • Schottland nach der Briten-Wahl: "Mandat für Unabhängigkeitsreferendum"
  • Neue Saurierarten entdeckt: Gestatten: Nullotitan Glaciaris
  • Trotz Eruptionsgefahr: Soldaten bergen Opfer von White Island