05.04.1976

ALTSEMESTERAuf dem Schlauch

Fast Jeder sechste Student der Berliner Freien Universität ist von Rausschmiß bedroht -- wegen zu langer Studienzeiten.
Einen elektrischen Stuhl in vierfarbener Siebdruckkollage von Andy Warhol vor Augen, drücken sich seit Tagen ratlose Abiturienten und Studenten im Warteraum des Berliner Rechtsanwalts Peter Raue herum: "Menschen, die mitten im Leben stehen", so der Rechtsspezialist für Numerus-clausus-Geschädigte, und keinen Studienplatz finden, neuerdings aber auch Altsemester -- soeben gefeuert.
Denn ohne Vorwarnung, mit bloßem Formschreiben, trennte sich die Freie Universität von einem alten Stamm: 170 Studenten mit 25 bis 40 und mehr Fachsemestern wurden Rechtsmittelbelehrung anbei -- von der "Zentralen Universitätsverwaltung" zwangsexmatrikuliert. Weitere 353 Kommilitonen, die 18 bis 24 Fachsemester abgerissen haben, erhalten dieser Tage EDV-gesteuert ihre blauen Briefe.
Ewige Studenten, die Opas im Hörsaal, für Berlins Wissenschaftssenator Gerd Löffler (SPD) "Scheinstudenten", sind Problem allenthalben. Schon beträgt die durchschnittliche Studiendauer 6,7 Jahre, und die Tendenz ist eher steigend. Unterschiedliche Prüfungsbedingungen, Examensordnungen und unklare Studienpläne ebenso wie individuelle Unzulänglichkeiten gestalten vielerorts das Studium zum akademischen Labyrinth, in dem Studenten, so überhaupt, erst nach mancherlei Irrwegen verspätet ans Ziel gelangen.
Kein Zweifel, Mißbrauch und Wildwuchs liegen kaum im Steuerzahler-Interesse, um so mehr, da Abertausende oft jahrelang auf Studienplätze warten müssen. Doch derart stringent wie nunmehr Berlin sonderte bislang noch keine deutsche Hochschule die Altlast ab. Selbst im bundesweit verbindlichen Hochschulrahmengesetz, dessen neues Zulassungsrecht von 1977/78 an mit "Regelstudienzeiten" und effizientem Kompaktstudium Belegungsdruck wie studentischem Schlendrian entgegenwirken soll, wird solche Konsequenz vermieden. Es sieht, räumt ein FU-Referent ein, zumindest "das abgestufte Mahnverfahren" vor.
Die Berliner Direkt-Praxis ist indes gedeckt durch die neue "Universitätsordnung" vom Juli 1975. Nach solchem Hausbrauch kann "von Amts wegen" zum Verlassen der Hochschule gezwungen werden, wer "nicht die Gewähr dafür bietet, daß er sein Studium ordnungsgemäß abschließen wird". Und "regelmäßig" ist das der Fall, wenn die Semesterzahl im Hauptstudienfach die jeweils übliche "Förderungshöchstdauer" in der sogenannten BAföG-Alimentierung um 100 Prozent überschreitet.
Die Initiatoren glauben sich dabei einem Bodensatz akademischer Schmarotzer auf der Spur: Dauerstudenten, die mit Vaters Wechsel in einer Art lebenslangem Studium generale mit Musen kokettieren; eingeschriebene Hörer, denen der Studentenausweis bei der Kranken- oder Kinokasse nützt -- den "Universitätsleichen" also.
Die waren freilich nicht unter jenen Petenten, die gleich nach dem Rausschmiß im Immatrikulationsbüro vorsprachen, stundenweise bis zu 30 Mann. Und Universitätsoberrat Peter Kunze, 36, konstatierte bald, was dem Computer entgangen war: "Erhebliche menschliche Problemfälle."
Angehende Doktoranden baten um ein paar weitere Jährchen. Ausländer, bei denen die Heimatsemester ebenfalls zu Buche geschlagen hatten, und Familienväter, die das Studium aus finanziellen Gründen strecken mußten, begehrten Aufschub.
Durchaus kein Einzelfall beispielsweise ist der jenes Studenten "aus einem naturwissenschaftlichen Mangelfach", 35, Sohn einer Polizeibeamtenwitwe, der Vater vermißt, im 30. Semester. Zunächst jobte er nachts als Mietwagenfahrer, dann, mittlerweile mit Familie, verdingte er sich vier Jahre als angestellter Gymnasiallehrer. Die eigene Taxe kutschierte er "nebenbei" auch noch. Die Einschreibungen an der Uni sicherte zugleich den sozialen Status. Skrupel wegen des von mal zu mal vertagten Examens kompensierte er mit dem "Anspruch, eben gründlicher als andere" zu Werke zu gehen.
So geht es offensichtlich vielen. Aus wirtschaftlicher Not finanzieren sie das Studium. Plötzlich sind sie zugleich Kleindruckereibesitzer, Antiquitätenhändler, Schauspielerinnen oder Briefbote -- "ein bißchen Werkstudent auf Dauer". Und wer dann erstmals, zurückgeworfen, "auf dem Schlauch steht", spürt nicht selten, wie ein zwangsexmatrikulierter Wirtschaftswissenschaftler, 33, den "Teufelskreis". Die alten Kommilitonen, längst in Amt und Würden, hänseln ("Auf die nächsten zehn") oder verunsichern den Dauergänger. Vom Nachwuchs im Hörsaal isoliert, "potenziert sich die Prüfungsangst".
Daß freilich durch den administrativen Berliner Schlußstrich auch eine Menge Geist und Begabung der Gesellschaft verlorengehe, moniert Anwalt Raue für seine Klienten. Die "verbliebenen Reste des humboldtschen Bildungsideals" im Sinn, erstattete der Experte, der an anderer Front noch immer um Studienplätze beispielsweise für den Abiturjahrgang 1970 rechtet, Anfechtungsklage.
Und an richterlicher Erhellung scheint dem Präsidialamt der FU, das zwischenzeitlich den "Sozialfällen" noch ein Semester zugab, nunmehr ebenfalls gelegen. Oberrat Kunze zumindest will die eingelaufenen Klagen rechtlich nicht torpedieren: "Wir sind doch nicht die Racheengel, die auf sofortiger Vollziehung im öffentlichen Interesse drängen."
Das öffentliche Interesse hingegen hat Senator Löffler selber im Auge. Gestützt auf ein Monitum des Landesrechnungshofes ("Haushaltsmäßige Auswirkungen"), erwägt er Rausschmiß wegen zu langer Studienzeiten auch bei niedrigerer Überschreitungsgrenze der BAföG-Norm. Bei einer Semesterzugabe von nur 50 Prozent wären nach heutigem Stand dann etwa 5000 FU-Studenten betroffen -- fast jeder sechste.

DER SPIEGEL 15/1976
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