05.04.1976

UNTERNEHMERMillionen im Ausland

Eine der schillerndsten Figuren der westdeutschen Unternehmer-Szene tritt ab: Fritz Ries, enger Freund der CDU- und CSU-Prominenz, will seine hochverschuldeten Pegulan-Werke verkaufen.
Nur ungern schlugen die Anführer der Union eine Einladung aus, nur selten fehlte Prominenz aus Wirtschaft und Politik: Fritz Ries, 69, Honorarkonsul des Königreichs Marokko und Chef der Pegulan-Werke AG in Frankenthal, konnte sich auf seine Freunde verlassen.
CSU-Chef Franz Josef Strauß amüsierte sich in Ries' österreichischer Residenz Schloß Pichlarn. CSU-Landesgruppenchef Richard Stücklen war ebenso pünktlich zur Stelle wie Kanzlerkandidat Helmut Kohl, wenn Ries sich die Ehre gab. Und auch mit Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer verbindet Ries alte Kameradschaft: Beide holten sich im Heidelberger Corps Suevia ihre akademischen Ziernarben.
Fritz Ries nämlich weiß, was gute Beziehungen wert sind. Zielstrebig und unbeirrt hat er sein Vermögen angehäuft, im Dritten Reich wie in der zweiten Republik. Mit Nationalsozialisten kam er ebensogut zurecht wie mit Gewerkschaftern; von ranghohen Politikern der C-Parteien ließ er sich ebenso gern beistehen wie von regionalen SPD-Führern. Jetzt reicht's ihm.
"Wenn ich jemanden finde, der einen angemessenen Preis zahlt", verkündete er letzte Woche, "verkaufe ich noch heute." Ein Interessent hat sich bereits gefunden. Seit langem verhandelt Ries mit dem schwedischen Vielzweck-Multi Svenska Taendsticks, um jenen Kurs herauszuholen, der ihm heute angemessen erscheint: Mit 110 Mark für eine Aktie von 50 Mark Nennwert (Ries hält etwa die Hälfte des Stammkapitals von 28 Millionen Mark) würde er sich zufriedengeben. Vor einigen Jahren hatte er sich nicht einmal für einen Kurs von 200 von seinen Papieren trennen wollen. Die neue Bescheidenheit, bislang eine im Hause Ries weitgehend unbekannte Eigenschaft, legte sich der Seniorchef nicht freiwillig zu. Die Banken, die unter Führung der Dresdner ihre bei Pegulan investierten 140 Millionen abschwimmen sahen, möchten den Vorstandsvorsitzenden und Mehrheitsaktionär lieber heute als morgen in Pension schicken.
"Ich bin heute ein Schuldner, der zuwenig hinter sich hat", gesteht Ries. Bis zum 22. November dieses Jahres wollen die Geldgeber ihrem Ries noch Zeit lassen, sich mit dem Gedanken an seinen Abgang anzufreunden; solange halten sie still, während Unternehmens-Analytiker in Frankenthal die Zukunft ohne den Gründer vorbereiten.
Zu rasch hatte Ries das Geschäft mit Kunststoff- und Teppichböden ausgebaut, zuwenig daran gedacht, finanzielle Reserven zu bilden und sich einen tüchtigen Managerstamm heranzuziehen.
Auch mit dem eigenen Unternehmerurteil stand es nicht immer zum besten: Zu spät erkannte Ries Anfang der sechziger Jahre den Trendwechsel von PVC-Kunststoffböden zu billiger Teppichauslegeware, zu spät reagierte Pegulan auf die Signale des Marktes.
Als denn weniger Wohnungen und Büros gebaut wurden, sackten die Pegulan-Umsätze zunächst um knapp fünf, dann -- 1974/75 -- noch einmal um 23 Prozent auf 290 Millionen Mark. Folge: An diesem Dienstag wird der Aufsichtsrat einen Betriebsverlust präsentiert bekommen, der weit über die bisher vermuteten 30 Millionen Mark hinausgeht.
Zwar konnte der Pegulan-Senior noch einmal durch den Verkauf von zwei Firmengrundstücken einen Nettogewinn von 29 Millionen Mark aus seinem Unternehmen herauskitzeln. Aber was er an Schuldzinsen spart, zahlt er künftig an Mieten drauf: Pegulan mietete die Grundstücke sofort vom Käufer, der Deutschen Anlagen-Leasing, zurück.
Möglich war dieser Trick, der kurzfristig aus finanzieller Verlegenheit half, nur durch staatlichen Beistand. Die von Helmut Kohl geführte Landesregierung erleichterte die Transaktion -- achdem sie auch schon vorher mit Staatshilfen nicht gegeizt hatte -- mit einer Mietausfall-Bürgschaft.
Mit Tricks und guten Beziehungen -- behauptet inzwischen die Ries-Tochter Monika Krall -- habe ihr Vater nicht zum ersten Mal erfolgreich operiert. Mit Vorbedacht habe der alte Herr selbst seine eigenen Kinder aufs Kreuz gelegt.
Herbert Krall, früher Rechtsanwalt und Eigner der Allgemeinen Wohnungsbaugesellschaft (AWG) in Aachen, prozessiert in zweiter Instanz gegen den listenreichen Schwiegervater. Der habe ganz systematisch den Kralls das Vermögen abgejagt, um damit Pegulan zu sanieren.
Tatsache ist, daß es Ries gelang, sich über eine Bürgschaft für die AWG einen Teil der Krall-Immobilien anzueignen. Die Bürgschaft war nach Ansicht des Schwiegersohns überflüssig: Denn den Kredit über 5,7 Millionen Mark, den die Zusage des Schwiegervaters abstützen sollte, hatte sich die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) bereits durch Grundpfandrechte gesichert.
Als Sicherheit -- so die Kralls -- "für diese Bürgschaft, die in Wahrheit nichts wert war", ließ Vater Ries sich im Grundbuch als Gläubiger der AWG eintragen.
Als Krall der BfG gegenüber in Zahlungsverzug geriet, ließ Ries aus Grundbesitz und Kasse der AWG vollstrecken -- obgleich er laut Krall niemals als Bürge auch nur einen Pfennig gezahlt hat.
Die BfG verkaufte schließlich dem Pegulan-Herren ihre Forderungen an den Schwiegersohn; bezahlen ließ sie sich aus einem Kredit, den sie gleichzeitig Ries gewährte. Der seltsame Bürge und die Gewerkschaftsbanker lagen -- wie Ries dem Düsseldorfer BfG-Direktor Joachim Knieps dankbar versicherte -- "auf der gleichen Wellenlänge".
Zu Wohlstand und Ansehen hatte Fritz Ries es schon im Dritten Reich gebracht, auch damals gab es für ihn keine Probleme mit der Wellenlänge. Damals soll er seinen Reichtum -- das jedenfalls will der Schriftsteller Bernt Engelmann* vor Gericht beweisen -- durch "Arisierung" jüdische Besitzes und Ausbeutung jüdischer Arbeiter in den Ostgebieten des Reiches gemehrt haben.
Ries hatte auch nichts dagegen, als sein enger Mitarbeiter Neumann 1942 mit Behörden von Konzentrationslagern verhandelte, um seinem Dienstherren billige Arbeitskräfte zu verschaffen.
"Mit dem Rüstungskommando", berichtete Neumann in einer Aktennotiz vom 10. Juli 1942, "wurde am 7.7.1942 das Konzentrationslager in Auschwitz besichtigt, zwecks Einrichtung einer Großnebenstelle. Die Schwierigkeiten zur Errichtung einer solchen in großem Umfang bestehen nicht, da durch Erstellung von Baracken entsprechende Arbeitsräume geschaffen werden können. Das Rüstungskommando sagte zu, bei der Beschaffung dieser Räume weitgehendste Unterstützung zuteil werden zu lassen. Es stehen in Kürze
* Bernt Engelmann: "Großes Bundesverdienstkreuz". Autoren Edition und rororo-Taschenbuch.
etwa 3000 bis 5000 weibliche Arbeitskräfte zur Verfügung."
Weitsichtig sah der Gummifabrikant Jahre später den Einmarsch der Russen und die Folgen voraus; er verlagerte, wie er 1950 in einem Lebenslauf schrieb, "Maschinen für etwa RM 1,5 Millionen" sowie "einige hunderttausend Meter Stoff" nach Westen.
Auch Bargeld muß er reichlich befördert haben. Es reichte jedenfalls, um kurz nach Kriegsende "Köhlers Strandhotel" auf Borkum zu erstehen und mit 280 Betten neu zu eröffnen.
Heute bestreitet Ries. außer der eigenen Haut aus den Wirren des Krieges etwas gerettet zu haben. Aus gutem Grund: Bei seinem Antrag auf Lastenausgleich machte er einen Vermögensverlust von vier Millionen Mark geltend -- ein erstaunlich hoher Verlust angesichts der stattlichen Vermögenswerte, die er laut eigenem Eingeständnis in den Westen schleppte.
Und auch die Kredite, die sich Ries mit Hilfe eines Vertriebenenausweises von der Lastenausgleichs-Bank besorgte, wären kaum begründbar, wenn der Vertriebene gar nicht so arm war, wie er glauben machte.
Ries' Wagemut und Unternehmungslust scheinen die Ehrgeizigen und die Mächtigen fasziniert zu haben. 1934 trug ihm Corpsbruder Hanns Martin Schleyer die Waffen für das letzte Pistolenduell, das in Deutschland ausgefochten wurde. Dreißig Jahre später war dann Ries zum Gastgeber der Unionschristen aufgestiegen. In Frankenthal oder auf Schloß Pichlarn traten neben Kohl und Strauß auch so unterschiedliche Charaktere wie CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf oder FDP-Dissident Siegfried Zoglmann auf.
Kohl, der sich während seiner politischen Lehrjahre auf die großzügige Hilfe der Industriellen verlassen konnte, macht sich heute allerdings in der Ries-Umgebung rar. Auch die Sozialdemokraten Rudi Arndt und Jockel Fuchs, die einst auf der Ries-Gästeliste standen, meiden nun die Gesellschaft des Pegulan-Gründers.
Strauß dagegen blieb Ries treu. Seine Frau Marianne ist an der Pegulan-Tochter Dyna-Plastik-Werke mit zehn Prozent beteiligt.
So sinnvolle Beziehungen wird der hochdekorierte Unternehmer (Großes Bundesverdienstkreuz) und marokkanische Konsul (Ries: "Der Titel ist geschäftlich für mich sehr interessant") auch künftig pflegen können. Seine Hotels -- er besitzt ein weiteres in Frankenthal sowie das Schloß-Hotel Rahe bei Aachen -- bleiben ihm, auch wenn er den Banken und seinem Sohn Thomas -- Stellvertreter im Pegulan-Vorstand -- die Pegulan-Werke überläßt.
Und wahrscheinlich ein bißchen mehr. "Ich habe", prahlte Ries im Prozeß gegen Engelmann, "einige zehn Millionen im Ausland."

DER SPIEGEL 15/1976
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