05.04.1976

FERNSEHEN/FUSSBALLBlinde Kuh

Rund 30 Millionen Fußballfans guckten letzten Mittwoch in die Röhre. Vom Fußballbund und der ARD irregeleitet, sahen die meisten nicht dag, was sie sehen wollten.
Auf Hamburgs verstopfter Stresemannstraße, kopfsteingepflasterte Zufahrt zum Volksparkstadion, wo der HSV spielt, stockte letzten Mittwoch um 18 Uhr der Straßenverkehr.
Junge Leute signalisierten aus dem Fenster einer Parterrewohnung mit Klubfahnen neue Kunde: "Bayerns Spiel in Madrid wird jetzt gleich live übertragen", riefen sie in die Marschsäulen der HSV-Anhänger hinein. Der Fußballwurm wand und wendete sich.
Um diese Zeit stürzten auch Fußballfans nahe dem Frankfurter Waldstadion, wo die Eintracht aufspielt, in Zwietracht und Ratlosigkeit. Etliche kehrten auch hier um und zogen sich ins Pantoffelkino zurück. Nur noch je 50 000 statt der erwarteten 60 000 Zuschauer füllten in Hamburg und Frankfurt die Stadionränge. "Als der Rundfunk die Fernsehnachricht um halb sechs durchgab", berichtete HSV-Manager Peter Krohn, "riß die Kartennachfrage abrupt ab."
"Der Dumme ist doch wieder der Fußballfan", maulte Altnationalspieler Willi Schulz, der für "Bild" als Kommentator ins Hamburger Volksparkstadion gekommen war. "Ich freute mich schon, hinterher um halb elf auch noch das Bayernspiel aus Madrid zu sehen, so schön mit de Füße unterm Tisch ausgestreckt." Mit Willi Schulz litten Millionen TV-Fußballkunden an diesem Abend, denn ARD und DFB, HSV und Eintracht spielten mit ihnen sozusagen Blindekuh.
Der sorgsam angerichtete Fernsehabend endete mit Tohuwabohu: Fernsehleute verwahrten sich gegen Einengung der "Programmfreiheit des Deutschen Fernsehens" durch den Deutschen Fußballbund, DFB-Sprecher Wilfried Gerhardt zankte zurück: "Das hat noch erhebliche Folgen." Und der Fußballklub Eintracht Frankfurt strafte das Fernsehen noch im Lauf des Abends ab: Die Klubherren untersagten auch die zeitversetzte Aufzeichnung.
Dabei hatten alle Beteiligten bis zum Nachmittag des 31. März noch Einigkeit demonstriert. Der DFB, die ARD-Anstalten und auch die Klubs schienen für den Ultimo mit Livesendungen nichts im Sinn zu haben. Zuletzt mittags vergewisserte sich DFB-Pressechef Gerhardt bei Funkanstalten und Klubs. Fazit: alles klar. In Frankfurt brachen die Fans zu den Stadien auf, in der Zuversicht, die Bayern zur Mitternacht nachgeliefert zu bekommen.
Wenige Stunden vor Spielbeginn nahm TV-Direktor Hans Abich eine spanische Übertragungsofferte an und ließ das Bayern-Spiel in Madrid live ausstrahlen: "im Interesse des Zuschauers" -- zumindest solcher, die den Fußball- und Fernsehleuten mißtraut und am Bildschirm ausgeharrt hatten.
Wie berechtigt dies Mißtrauen war, kam wenig später heraus. Da wurde etwa bekannt, daß Eintracht Frankfurt, aller späteren Entrüstung zum Trotz, eine Originalübertragung des eigenen Spiels im Dritten Programm des Hessischen Rundfunks unterderhand selbst offeriert hatte. Und auch das DFB-Getöne vom Vertragsbruch klingt eher hohl: In Wahrheit nämlich gibt es solch einen Vertrag gar nicht.
Nur für die von ihm selbst betriebene Bundesliga unterhält der DFB mit den Fernsehanstalten überhaupt Honorarverträge. Danach kassiert er für die allwöchentlichen Fußballsendungen von ARD und ZDF 4,8 Millionen Mark pro Jahr. Samstags darf danach vor 18 Uhr -- Beginn der Spiele: 15.30, Ende: etwa 17.10 Uhr -- überhaupt kein Profi-Fußball gezeigt werden.
Kompliziert geht es bei den Europaübertragungen zu, weil die Spiele nicht dem DFB, sondern der Europäischen Fußball-Union (UEFA) unterstehen. Die wiederum läßt den Nationalverband entscheiden, in dessen Land das Spiel stattfindet.
So monierte ein UEFA-Sprecher, der dem DFB beisprang, denn auch vorsichtig nur die Verletzung von "Grundsätzen einer Zusammenarbeit zwischen dem Fernsehen und dem Fußball". Denn juristisch ist der Fall nagelfest: "Einen Vertrag", so Sportkoordinator Hans-Heinrich Isenbart, "hatten wir am Mittwoch nur mit dem spanischen Fernsehen, nicht mit dem DFB."
Mancher Fan freilich, der von Ankündigungen und Überraschungen im TV-Fußball letzthin arg strapaziert worden ist, mag so weit in die Feinheiten der Rechtslage nicht folgen. Fast ein Dutzend Sportsfreunde" so meldeten Lokalzeitungen, zerschlugen am letzten Mittwoch ihre Fernsehkisten.
Das war ein Eigentor. Die nächsten Europapokal-Spiele werden mit Sicherheit übertragen -- vom ZDF. Die Mannschaft aus Mainz kann keinen Fehler mehr machen, das einzige Europacup-Spiel auf deutschem Boden, am 14. April im Münchner Olympia-Stadion, ist ausverkauft.

DER SPIEGEL 15/1976
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DER SPIEGEL 15/1976
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