05.04.1976

Libanon: Ruhe vor dem Endkampf?

Einen grausamen Höhepunkt erreichte der seit einem Jahr wütende Bürgerkrieg letzte Woche: Die moslemische Linke wollte den Sieg erzwingen, Tausende Christen flüchteten nach Zypern. Doch Syrien sperrte den Bürgerkriegern die Waffen. Zum Wochenende wurde wiederum ein befristeter Waffenstillstand vereinbart.
Es gibt Leute", sagt ein libanesisches Sprichwort, "für die dreht sich der Erdball erst dann richtig, wenn sie auf ihn schießen."
Mit den Leuten müssen die Libanesen selbst gemeint sein. In wahnwitzigem Rausch scheinen sie ihr Land und sich selbst zerstören zu wollen. Nach Wochen relativer Ruhe stürzten sich die verfeindeten Christen und Moslems Ende März in die bisher schlimmste Runde ihres nun schon ein Jahr dauernden Bürgerkriegs -- doch am Donnerstag stimmten sie unter dem Druck einer drohenden syrischen Invasion ermattet dem 25. Waffenstillstand, terminiert auf zehn Tage, zu.
Es ist wohl wieder nur eine Atempause bis zur nächsten Runde. Denn waren die Schießereien bis Mitte März meist auf Reimt konzentriert, so wurde seither fast im ganzen Land gekämpft. Hatten die verfeindeten Bürger sich früher mit Infanteriewaffen beschossen, so morden sie nun auch mit Panzern und Flugzeugen. Bislang starben täglich Dutzende, jetzt schon Hunderte. Flammen und Rauchwolken über Reimt -- das waren die neuen Wahrzeichen der Hauptstadt. Als im Hafen Nahrungsmittel verbrannten, bat der machtlose Wirtschaftsminister Adil Usseiran arabische Bruderstaaten um Löschboote -- vergebens. Feuerwehreinsätze wurden Selbstmordunternehmen. Denn die fanatischen Bürgerkrieger schossen auf alles, das ihre Zerstörungswut stoppen wollte.
Der Brand drohte vom Libanon auf die ganze Region überzugreifen. An den Grenzen des im Chaos zerfallenden Staates marschierten die verfeindeten Armeen Syriens und Israels auf. Auch der Irak droht mit Intervention.
Aufgeschreckte Politiker gaben gutgemeinte Ratschläge: Ägyptens Präsident Sadat wollte eine panarabische Friedenstruppe in den Libanon schicken. Die UdSSR riet der angriffslüsternen Libanon-Linken zur Kompromißbereitschaft.
Der Kongo im Nahost ist das Ergebnis eines ungelösten Macht- und Sozialkonfliktes zwischen einer reichen, vorwiegend christlichen Minderheit und einer armen, vorwiegend moslemischen Mehrheit. Der einstmals blühende Staat zerfiel aber auch, weil rivalisierende Araber-Gruppen auf seinem Boden ihre Machtkämpfe austrugen.
Gerade der letzte blutige Akt des Bürgerkrieges geht auf das Konto typischer Libanon-Politiker: des abgewirtschafteten Christen-Präsidenten Frandschieh und des schillernden Linkspolitikers Dschumblat. Vor allem ihre Sturheit und Machtgier kosteten Tausende Menschenleben.
Libanon-Nachbar Syrien hatte im Januar erreicht, was damals kaum jemand noch für möglich hielt: Die Bürgerkriegstruppen der Christen und Moslems einigten sich auf einen Waffenstillstand und erklärten sich grundsätzlich bereit, über eine Neuverteilung der Macht im Lande zu verhandeln. Von syrischen Offizieren geführte Palästinenser-Truppen erzwangen die Einhaltung der Waffenruhe.
Bald aber waren die linken Moslems der syrischen Vermittlung überdrüssig. Denn Präsident Assad, selbst Sozialist und Moslem, wollte die politischen Privilegien der Christen durch behutsame Reformen reduzieren, aber nicht etwa den Linken zur Macht verhelfen. Assads Überlegungen: Ein radikales Linksregime würde
* die Christen isolieren und möglicherweise das Land in Gebiete der großen Glaubensgemeinschaften spalten,
* den syrienfeindlichen Irakern verstärkten Einfluß ermöglichen,
* die Israelis zu einem neuen Waffengang herausfordern.
Gegen die Störenfriede ihrer Politik schickten die syrischen Schiedsrichter ihre Palästinenser-Organisation el-Saika: Saika-Kämpfer beschossen die proirakischen Beiruter Zeitungen "al-Muharrir" und "Beirut" mit Raketen.
Auf der anderen Seite gaben sich die Syrer aber auch als Partner und Schutzherren der Christen, ja ihre Intervention kam sogar Israels Interessen entgegen. Wütend verdammte der Palästinenser-Ultra Habasch die Achse Baabda -- Damaskus. Baabda ist der Sitz von Präsident Frandschieh.
Der abgewirtschaftete Altpolitiker Frandschieh, der selbst bei vielen Christen umstritten ist, witterte nun noch einmal eine Chance. Statt von seinem Posten zurückzutreten und den Weg für die im Waffenstillstand vorgesehenen Reformen frei zu machen, klammerte er sich an sein Amt: Er werde Baabda "nur als Leiche verlassen".
Die Moslems versuchten, Frandschiehs Prophezeiung zu erfüllen, indem sie seinen Palast zerbombten. Zu ihrem Führer erhob sich Kamal Dschumblat, 58, die farbigste Figur unter den Libanon-Politikern.
Dschumblat ist selbst Feudalherr, aber zugleich Sozialist, er verehrt Gandhi und asiatische Mystiker und trägt den Lenin-Friedenspreis, er kann lyrische Gedichte schreiben und demagogische Reden halten. Vor allem aber ist Dschumblat eine Art Heiliger der Drusen, einer islamischen Sekte mit über 100 000 Anhängern im Libanon.
Dschumblat, der weder raucht noch trinkt und fließend Englisch und Französisch spricht, hatte sich in den vergangenen Jahren vergebens bemüht, zum unumstrittenen Führer einer libanesischen Linksfront aufzusteigen. Nun forderte er den sofortigen und be-
* Mit Syriens Außenminister Khaddam.
dingungslosen Rücktritt Frandschiehs -- und alle Moslems und Linken unterstützten ihn.
Als Frandschieh dennoch nicht aufgab, rief Dschumblat zum Angriff; und der von Syrien erwirkte Waffenstillstand zerbrach. Neben Libanon-Linken und Palästinensern griffen nun auch Dschumblats 7000 Drusenkrieger voll in den Kampf ein. Seit den Christenmassakern im vorigen Jahrhundert sind sie der Schrecken aller christlichen Libanesen.
Die Christen solidarisierten sich nun wieder voll mit Frandschieh. Zu ihnen stießen -- mit ihren schweren Waffen -- christliche Soldaten der zerfallenden Libanon-Armee, noch mehr Einheiten schlugen sich auf die Moslem-Seite.
Auf syrischen Befehl halfen moslemische Saika-Palästinenser den Christen. Habasch verlangte daraufhin den Ausschluß der Saika aus der Palästinensischen Befreiungsorganisation, weil sie "gegen die nationalen Kräfte ... und zugunsten der reaktionären Isolationisten interveniert" habe.
Die linke und moslemische Übermacht trieb die Christen in immer kleiner werdende Enklaven. Präsident Frandschieh half -- im Schlafanzug -- bei der Verteidigung seines Palastes Baabda. Dann floh er im kugelsicheren Mercedes mit Frau, zwei Söhnen und zwei Hunden in die Hafenstadt Dschunia, die Christenbastion etwa 20 Kilometer nördlich von Beirut.
In der Hauptstadt gewannen die Linken und Moslems neben den strategisch wichtigen Hotelbauten von Holiday Inn und Hilton immer mehr Straßenzüge. Die Christen feuerten von den Bergen mit Artillerie auf die Stadt und trafen unter anderem die Vatikan-Botschaft.
Weil der Flugplatz für Christen nicht mehr zu erreichen war, flohen Tausende in überladenen Booten von Dschunia nach Zypern. Falange-Führer Gemayel rief über den Christensender zur letzten Schlacht.
Verzweifelt forderten die Syrer die kämpfenden Libanesen immer wieder auf, die Kämpfe einzustellen. Aber die siegreiche Linksfront wollte nun nicht mehr hören. "Es wird keine syrische Lösung geben", verkündete Dschumblat selbstbewußt. Linke und Moslems ließen Assad wissen, daß sie ihn für einen Verräter hielten.
PLO-Chef Arafat zeigte sich erstmals seit Jahren brüderlich vereint mit seinem Linksrivalen Habasch. Zur Zeit der syrischen Erfolge vor der letzten Bürgerkriegsrunde hatte es noch ausgesehen, als würde Syriens Saika-Führer Muhssin den Palästinenserchef Arafat verdrängen.
Schadenfroh meldete Ägyptens Presse die Mißerfolge der Syrer. Kairos "Al-Achbar": "Assad hatte geglaubt, sich die Führungsrolle in Arabien über die verstümmelten Leichen unschuldiger Opfer holen zu können."
Aber die Syrer hatten doch noch nicht ausgespielt. Als sich die Linken über Assads erfolglose Vermittlungsbemühungen lustig machten, sperrte Syrien den Kriegern Dschumblats die Waffen- und Munitionslieferungen. Dschumblat erklärte zwar, daß er das Kriegsgerät von anderswo bekommen könne -- aber wohl nicht schnell genug: Am Donnerstag, als auch Sowjet-Botschafter Soldatow friedenstiftend intervenierte, stimmte er dem -- befristeten -- Waffenstillstand zu.
Ruhe vor der letzten Schlacht?

DER SPIEGEL 15/1976
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