05.04.1976

ISRAELNeue Zeiten

Die Araber rebellierten -- nicht nur im besetzten Westjordanien, sondern erstmals auch im israelischen Kernland.
Aus den Fenstern der Maamunia-Mädchenschule in der Jerusalemer Saladinstraße warfen arabische Schülerinnen Steine und Stühle auf eine Patrouille der israelischen Grenzpolizei. Drei Lehrerinnen und fünfzig Schülerinnen wurden verhaftet.
Bei Tulkarm schossen Zivilisten auf Autobusse. In Salfit schwenkten zornige Jugendliche PLO-Fahnen. In Kalkilia sangen Grundschüler provokativ die Internationale.
Überall auf dem israelisch besetzten Westufer des Jordan brach sporadischer Aufruhr los, besonders, seit zwei Monaten, in Nablus, Ramallah und Hebron, den Hochburgen des palästinensischen Nationalismus.
Die Israelis hatten sich daran schon fast gewöhnt. Diese Woche aber geschah Ungeheuerliches: Das gewaltsame Aufbegehren der Araber gegen die jüdischen Besatzer griff erstmals auf das israelische Kernland über. Die rund 500 000 israelischen Araber, die von den Juden Israels stets als integriert betrachtet worden waren, erwiesen sich als genauso aufsässig wie die Westjordanier. Sechs von ihnen starben durch israelische Kugeln.
In den Dörfern Deir Hanna, Sachnin und Araba in Galiläa wurden israelische Grenzpolizisten von wütenden Jugendlichen überfallen und brennende Benzinkanister auf Pkw der Armee geschleudert. In Tira besetzten Protestler das Gebäude der Ortsverwaltung. In Kfar Kana sperrten Jugendliche die Landstraße.
Die Protestler schwenkten Transparente mit der Aufschrift: "Wir gehören zu Palästina, nicht zu Israel", so in Sachnin. Oder: "Wir sind alle Fedajin", so in Tamra. Sogar im Gefängnis von Ramle veranstalteten 50 wegen antistaatlicher Tätigkeit verurteilte arabische Häftlinge einen Solidaritätsstreik.
In Westjordanien war es Israel fast neun Jahre lang gelungen, durch Festigkeit und Fürsorge ernste Reibungen mit den Arabern zu vermeiden. Zwar hatte die Zeit den Haß nicht beseitigt, doch das Bestreben der Israelis, sich sowenig wie möglich in das Leben der zwangsverwalteten Araber einzumischen, ermöglichte ein fast friedliches Nebeneinander.
Aber Israel, verunsichert durch die Unversöhnlichkeit der palästinensischen Guerillas wie die Maßlosigkeit der eigenen Rechten, fand nie zu einer konsequenten Besatzungspolitik. Im Gebiet um Jerusalem etwa zogen die Juden rings um die Stadt in ehemals rein arabischen Gebieten große Wohnblocks für zehntausend jüdische Familien hoch, bei Hebron gründeten sie den jüdischen Stadtkern Kirjat Arba, in Samaria sah sich die arabische Bevölkerung durch die jüdischen Siedlungen bei Maale Adumim und Kedum einer "schleichenden Annexion" gegenüber (so der Jerusalemer Richter Taissir Kanaan).
Unmittelbarer Anlaß für die Revolte in Westjordanien war ein Versuch der Israelis, die Juden auf dem Jerusalemer Tempelberg beten zu lassen, dort, wo einst Salomons Tempel stand, wo aber heute die drittheiligste Stätte der Moslems steht, die Al-Aksa-Moschee.
Am 28. Januar verfügte die Richterin Ruth Or, man dürfe Juden nicht hindern, an dieser heiligen Stätte zu beten. Sogleich mahnte Jerusalems Bürgermeister Teddy Kollek, Regierung und Justizbehörden müßten sich klar von dem Gerichtserlaß distanzieren, um unvermeidbaren arabischen Ausschreitungen zuvorzukommen. Kolleks Vernunftsappell wurde nicht gehört.
Als Polizeiminister Schlomo Hillel öffentlich erklärte, den Juden sei das Beten auf dem Tempelberg weiterhin untersagt, war es schon zu spät: Moslemisch-religiöse Gremien, aber auch arabische Ultras machten mobil.
Bald schlossen sich sogar die meisten der konservativen Notabeln Westjordaniens der Revolte an, indem sie von ihren kommunalen Ämtern zurücktraten: Bei den Kommunalwahlen am 12 April müssen sie sich gegen die Radikalen behaupten.
Ein israelischer Hauptmann: "Wir dachten, als Preis für Fortschritt und Demokratie zumindest Kooperation zu ernten. Doch wir unterschätzten Haß und Mißtrauen."
Im israelischen Kernland fanden die längst pazifiziert geglaubten Araber ebenfalls neuen Grund, zu hassen: Die Juden wollen in Galiläa jüdische Dörfer anlegen, weil sie die arabische Überfremdung fürchten. Denn sie fühlen sich demographisch in einer beklemmenden Defensive. Zwar waren bei Staatsgründung Israels von den einst über eine Million Arabern nur 150 000 zurückgeblieben, aber sie vermehrten sich rapide: Auf 1000 von ihnen kommen 43,4 Geburten, auf 1000 Juden nur 17 Geburten. Zu Ende des Jahrhunderts werden die Araber Israels, heute gut 15 Prozent, fast ein Viertel der Bevölkerung stellen.
Israel gab seinen arabischen Bürgern formell die gleichen Rechte, ließ aber die arabischen Gemeinden, vor allem im Norden des Landes gelegen, noch bis 1966 direkt vom Militär verwalten.
Die Araber nahmen am wirtschaftlichen Aufstieg Israels durchaus teil -- aber es interessierte sie weniger, daß ihr Lebensstandard bald erheblich über dem der Araber in den Nachbarstaaten lag. Ihr Vergleichsmaßstab waren die jüdischen Bürger Israels -- und hinter deren Einkommen blieben die Araber weit zurück: ungeliebte Unterschicht im zionistischen Staat, dessen Ideal Gleichheit und Gerechtigkeit war.
Der politisch-diplomatische Aufstieg der PLO stürzte die Araber Israels schließlich in eine tiefe Identitätskrise: Von den anderen Arabern als Halb-Israelis verachtet, mußten sie irgendwann Anschluß an die palästinensische Nationalbewegung finden, das heißt, ihre bislang gewahrte Loyalität gegenüber Israel brechen.
Die Wende kündigte sich Ende vorigen Jahres an, als bei den Kommunalwahlen in Nazaret, der größten arabischen Stadt, Bürgermeister Taufik Sajad 67,3 Prozent der Stimmen erhielt.
Sajad, einer von vier kommunistischen Knesset-Abgeordneten, ist Chef der Rakach-Partei, die Verbindungen zu den palästinensischen Extremisten außerhalb Israels unterhält und beispielsweise das israelisch-ägyptische Sinai-Abkommen im Sinne Moskaus als "amerikanisches Komplott gegen die panarabische Einheit" verteufelt.
Die Rakach war auch die Avantgarde des Protestes, der losbrach, als die Regierung in Jerusalem ihre Pläne bekanntgab, für die neuen Juden-Dörfer in Galiläa 2000 Hektar Land zu enteignen. Zwar war weniger als die Hälfte Araber-Boden, doch das reichte, die arabischen Bürger Israels zum ersten Aufstand gegen den jüdischen Staat seit dessen Gründung zu treiben.
Inzwischen versuchten Israels Führer, Ausmaß und Auswirkung des Aufstands herabzuspielen. "Es waren weder die ersten noch die ärgsten Unruhen, und die erwachsene Bevölkerung nahm kaum an ihnen teil", sagte Verteidigungsminister Peres.
Doch erkannten progressive Israelis, daß mit dem Aufstand ein neues Kapitel der jüdisch-arabischen Beziehungen angebrochen ist, das künftig von seiten Israels weniger Illusionen verlangt.
Ex-Verteidigungsminister Mosche Dajan: "Neue Zeiten haben begonnen."

DER SPIEGEL 15/1976
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