05.04.1976

SINGAPURWie die Geier

Nach 157 Jahren zogen die letzten britischen Soldaten aus Singapur ab, der einst mächtigsten Festung des Empire.
Churchill hat es nie verwunden: "Es war das größte Desaster, die schlimmste Kapitulation der britischen Geschichte." Am 15. Februar 1942 ergab sich Singapur den Japanern -- bedingungslos.
So schmerzlich empfanden die Briten die Schande, daß ausgerechnet die größte Festung ihres Weltreichs mit 88 000 Soldaten vor dem nur halb so starken Feind und nach nur einwöchigem Kampf die Waffen streckte, daß sie nach Kriegsende mit gänzlich unbritischer Verbissenheit darangingen, die Spuren zu beseitigen.
Der Tisch im Direktionszimmer der Ford-Werke, an dem General Percival kapituliert hatte, wurde nach Australien verfrachtet, der damalige Sieger, General Yamashita, als Kriegsverbrecher hingerichtet.
In der vergangenen Woche holten die Briten ihre Fahne in Singapur wiederum ein -- diesmal für immer. "So wie die Sonne im Westen langsam versinkt", empfand die Armeezeitung "Soldier" schmerzlich, so sank der Union Jack am Fahnenmast herab.
Und so jämmerlich die Niederlage 1942 war, so kümmerlich der Abzug 34 Jahre später: Für den Abschied des letzten britischen Soldaten aus jener Stadt, die für das Weltreich 150 Jahre lang der Drehpunkt war, für das letzte nostalgische Trompetensignal mußten sich die verarmten Erben der Königin Victoria bei den Nachlaßverwaltern ihres einstigen Besitzes, der Republik Singapur, einen Hornisten ausleihen -- ein eigener wäre zu teuer gekommen.
Als Sir Thomas Stamford Raffies am 28. Januar 1819 in Singapur landete, um für die britische Ostindien-Kompanie einen günstigen Standort für Fabriken ausfindig zu machen, hatte England in dieser Weltgegend noch nicht viel zu bieten: Der Handel in ganz Südostasien wurde von den Holländern kontrolliert.
Schon bald erfüllte die Insel die Doppelfunktion, das holländische Handelsmonopol zu brechen und den China-Handel der Ostindien-Gesellschaft zu erleichtern. Wenig später wurde in Singapur das britische Oberkommando Fernost eingerichtet.
Seither unterstand ein Drittel der Welt, der Raum zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und der sibirischen Halbinsel Kamtschatka, zwischen Nepal und Australien, dem britischen Oberbefehl in Singapur.
Ein idealer Platz, in der sich die britische Kolonialkultur voll entfalten konnte: Singapur liegt zu nahe am Äquator, als daß es vom Monsun noch mit voller Wucht getroffen würde, seine sanfte Hügellandschaft begünstigt die Anlage von Golf- und Reitplätzen. Vom malaysischen Festland isoliert. aber nicht zu weit von ihm entfernt, war die Insel leicht zu verteidigen und konnte dennoch vom Festland Arbeitskräfte und Dienstpersonal für das britische Herrenvolk beziehen.
Hier entwickelte sich zur vollen Reife, was die Welt in den Romanen Kiplings und Maughams kennenlernte: der gelassene, heitere, weltoffene, zwar oberflächliche, aber geduldige Kolonialbeamte, der beim Tee die Londoner "Times" vom vergangenen Jahr liest, im Khaki auf den Tiger pirscht, mit kurzen Hosen Golf und in Jodphur-Breeches auf wendigen Pferden Polo spielt.
Üppige Palmengärten, der süße Duft von Jasmin, das Zirpen der Zikaden, Handel und Wandel und hin und wieder mal ein kleiner Krieg, bei dem sich Highlander und Füsiliere, Kavalleristen und Seelords durch unvergleichlichen Heldenmut auszeichnen konnten -- nirgends war das Viktorianische Zeitalter so schön wie hier.
Doch schon bald nach dem Ersten Weltkrieg fiel ein Schatten auf das ungetrübte
Glück Albions: das erstarkende Japan. Die Briten bauten vor. Von 1923 bis 1941 legten sie für die damals gigantische Summe von 700 Millionen Mark ihre größte strategische Flottenbasis an der hier 70 Kilometer breiten Straße von Malakka an -- rechtzeitig, doch nicht gut genug.
Die Briten hatten sich einen erfolgversprechenden Angriff nur von See her vorstellen können, die Japaner aber kamen durch den Dschungel der Halbinsel Malaya und griffen über den die Insel mit dem malayischen Festland verbindenden Landsteg an. Während die japanischen Truppen auf der Insel bereits einen Brückenkopf bildeten, dinierten britische Stabsoffiziere noch mit ihren Damen im noblen Kolonialhotel "Raffles".
Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten die geschwächten Briten, mit einem letzten großen Aufbruch zu retten, was vom ehrwürdigen Empire übriggeblieben war: Den unvermeidbaren Verlust Indiens vor Augen, aber nicht bereit, mehr aufzugeben, als sie unbedingt mußten, proklamierten sie die Doktrin von den britischen Verpflichtungen "Östlich von Suez" -- ein Programm, das als Ersatz für Indien den Indischen Ozean zum Angelpunkt britischer Weltgeltung machen sollte.
Tatsächlich erreichten die britischen Truppen in Singapur Anfang der 60er Jahre noch einmal eine Stärke von fast 100 000 Mann.
Doch Albion verarmte. 1967 verkündete die zweite Regierung Wilson die Preisgabe aller britischen Positionen "Östlich von Suez" -- der politische Wille war an der wirtschaftlichen Realität zu Bruch gegangen. Über 2,5 Milliarden Mark hatten die Engländer damals jährlich allein für Singapur ausgeben müssen.
Dennoch tat der endgültige Schritt der Abzug des letzten Soldaten, den Briten so weh, daß die britische Presse, sonst allzeit zur Politur am Glanzbild des britischen Empire bereit, diesmal auf umfängliche Nekrologe verzichtete. Und weh tut auch, daß die Stadt, die es ohne die Briten nicht gäbe, gerade jetzt, während die Briten sich in tiefer Wirtschaftskrise befinden, in wirtschaftlicher Blüte steht: Der viertgrößte Hafen der Welt, einer der wichtigsten Finanzplätze, Touristen- und Vergnügungszentrum und eine gewinnbringende Textilindustrie sorgen dafür.
Und schließlich: Als die geplagten Briten in den vergangenen Jahren immer häufiger von den Waffenbrüdern der 1965 unabhängig gewordenen Kolonien in ihren gepflegten Klubs und Kasernen besucht wurden, empfanden sie wohl wie laut Londoner "Times" ein betrübter Marineinfanterist: "Sie kommen in unsere Kasinos und räkeln sich in unseren Sesseln -- so wie die Geier, die nur darauf warten, daß wir endlich gehen."
Das wenigstens ist jetzt vorbei.

DER SPIEGEL 15/1976
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