05.04.1976

USAKamel und Strohhalm

Während Ford und Kissinger fortlaufend harte Worte an Moskau richteten, gab Kissinger-Intimus Sonnenfeldt Moskau angeblich den Griff auf Osteuropa frei.
In London sprach Henry Kissinger streng Geheimes zu den Europa-Botschaftern der USA. Quintessenz: "Die Herrschaft kommunistischer Parteien in Westeuropa ist nicht akzeptabel."
Wenig später, auf derselben Tagung, hörten dieselben Botschafter, was Kissingers Chefberater Helmut ("Hai") Sonnenfeldt streng Geheimes zur Herrschaft der Kommunisten in Osteuropa zu sagen hatte. Quintessenz: Die USA müßten "für eine Entwicklung eintreten, welche die Beziehungen zwischen den Osteuropäern und der Sowjet-Union zu einer organischen Verbindung macht".
Anders ausgedrückt: Kissinger hatte von Konfrontation gegen die Kommunisten im Westen gesprochen, das war nicht neu. Sonnenfeldt aber hatte gleichzeitig von Appeasement gegenüber den Kommunisten in Moskau gesprochen, das war eine Bombe.
Es dauerte drei Monate, bis sie mit lautem Krachen explodierte: Im Dezember hatte die Londoner Geheim-Tagung stattgefunden, Ende März gelangten die Sonnenfeldt-Worte durch die US-Kolumnisten Rowland Evans und Robert Novak in die Presse. Die Folge war der "Sonnenfeldt-Aufruhr" ("The International Herald Tribune"), die neueste Kontroverse um die Rätsel der immer rätselhafter werdenden Außenpolitik des Ex-Stars Henry Kissinger.
Der gebürtige Berliner Helmut Sonnenfeldt, 49, der 1938 aus Deutschland emigrierte, denkt seit 1969 an der Seite des gebürtigen Fürthers Henry Kissinger über die amerikanische Außenpolitik nach. Er gilt als Mann, der eine Neigung zum Geheimnistuerischen bis hin zum Konspirativen hat, weshalb er bei seiner Ernennung besonders ausführliche Verhöre vor diversen Kongreßausschüssen über sich ergehen lassen mußte.
Politisch stand er lange Zeit in dem Ruf, der Falke in Kissingers Entspannungs-Mannschaft zu sein. Um so überraschender war, daß er nun den Osteuropäern jählings Folgsamkeit gegenüber Moskau anriet und Moskau ermutigte, die Staaten des Blocks zu Sowjetrepubliken zu machen. Was anders konnte mit "organischer Verbindung" gemeint sein?
"Wollen wir die östlichen Kommunisten in Richtung Moskau drängen in der Hoffnung, Moskau drücke ein Auge zu. wenn wir versuchen, die westlichen Kommunisten an die Wand zu spielen?" fragte US-Kolumnist Cyrus L. Sulzberger unter der Überschrift "Mini-Metternich im Nebel".
Bei Licht gesehen, hatte Sonnenfeldt nicht gar so simpel gesprochen. Sein Gedankengang: Da die Sowjet-Union nicht so attraktiv sei wie frühere Weltreiche, stütze sie ihre Herrschaft in Osteuropa auf "sheer Soviet military power", was Sonnenfeldt "einen bedauerlichen historischen Fehlschlag" und "doppelt tragisch" nannte.
Dieses "unnatürliche Verhältnis" könne "früher oder später zum Dritten Weltkrieg führen". Konsequenz für Washington:
Wir suchen den Aufstieg der sowjetischen imperialen Macht zu beeinflussen, indem wir die Basis natürlicher und organischer machen, damit sie nicht auf nackter Gewalt gegründet bleibt.
Der Gedankengang liegt der gesamten Entspannungs-Konzeption Henry Kissingers zugrunde, las sich aber, verkürzt wiedergegeben, wie das genaue Gegenteil der harten Linie, die Amerikas Außenpolitik neuerdings zumindest verbal eingeschlagen hat, wenn auch im Zickzack:
* Gegenüber der Sowjet-Union sollte das Wort "Détente" nicht mehr gelten, sagte Präsident Ford. Doch wenig später verlautete in Washington, nur am Etikett, keineswegs am Inhalt der Entspannungspolitik habe sich etwas geändert.
* In Afrika werde Washington eine zweite Einmischung Kubas nicht hinnehmen, bekräftigten Ford und Kissinger wiederholt. Doch das Kongreß-Verbot, Amerika außer Landes zu engagieren, das die Handlungsfreiheit der US-Regierung in Angola beschränkte, beschränkt auch ihre Handlungsfreiheit in Rhodesien.
* Gegenüber Kuba sei Washington zu "direkter Aktion" bereit, sagte Ford, und Kissinger wollte selbst eine Landung auf der Insel nicht ausschließen. Doch wenige Tage später schwächte Verteidigungsminister Rumsfeld ab: Gewisse Äußerungen seien übertrieben gewesen.
Auch die Sonnenfeldt-Doktrin wurde schnell heruntergespielt. Henry Kissinger selbst erklärte einer Reihe rechter republikanischer Kongreßabgeordneter, Sonnenfeldts Worte seien von untergeordneten State-Department-Beamten entstellt worden, die sich beim Londoner Briefing Notizen gemacht hätten. Kissingers angestrengte Erläuterungen wirkten auf einen der Anwesenden wie eine "song and dance"-Show. Sie überzeugten offenbar niemanden.
Denn die amerikanische Außenpolitik ist inzwischen so sehr in den Sog des Wahlkampfes geraten, daß selbst Kenner wie Publizist James Reston nicht mehr zu sagen wagen, welche der Kalten-Kriegs-Reden von Ford und Kissinger an Moskau oder Kuba und welche an den ultrarechten Ford-Konkurrenten Ronald Reagan gerichtet sind, der die Entspannungspolitik landauf, landab verketzert. Hektisch versuchen Ford und Kissinger, den Rechten rechts zu überholen, offenbar ohne darauf zu achten, wie dieses Wechselbad von Drohungen und Beschwichtigungen in Moskau wirken muß: ob die Beschwichtigungen nicht die Abschreckung, die Drohungen nicht die Entspannungspolitik unglaubwürdig machen.
Zur potentiellen Reagan-Wählerschaft gehören auch jene 6,5 Millionen Amerikaner osteuropäischer Herkunft, die meist noch antikommunistischer sind als der Republikaner-Durchschnitt und die in Sonnenfeldts Äußerungen einen Verrat Amerikas an ihrer Heimat sehen mußten: Der "Mini-Metternich" hatte seinem Präsidenten einen schlechten Dienst erwiesen.
Recher und polnischer Abkunft ist auch der Kongreß-Abgeordnete Edward Derwinski aus Illinois, einer der führenden konservativen Republikaner, die nicht Reagan, sondern Ford unterstützen und die Kissingers Sonnenfeldt-Interpretation mit anhörten. Für ihn war die Sonnenfeldt-Doktrin nach Helsinki und Angola "der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken brach". Unter dem Kamel versteht Derwinski die Entspannungspolitik des Präsidenten.
Da der Sturm so schnell nicht zu beschwichtigen war, mußte Kissinger nochmals dementieren. Vor dem Außenpolitischen Ausschuß des Repräsentantenhauses erklärte er Sonnenfeldts "organische Verbindung" zum "unglücklichen Ausdruck". Kissinger: "Er meinte eine geschichtliche Verbindung."

DER SPIEGEL 15/1976
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