05.04.1976

RHODESIENEinfach schrecklich

Je dramatischer sich die Lage der weißen Minderheit zuspitzt, um so mehr überlegen die Briten, was nach einem Machtwechsel mit den Weißen geschehen soll.
Wenn die Guerillas in Rhodesien einmarschieren und die britische Regierung tatenlos zusehen sollte, wie weiße Bürger in Massen ermordet werden", warnte der konservative Ex-Minister Reginald Maudling, sei eine "Explosion des Ärgers" in Britannien sicher.
Denn die Mehrheit der 270 000 weißen Rhodesier, die sich der Forderung ihrer knapp sechs Millionen schwarzen Mitbürger nach Gleichberechtigung und politischer Macht widersetzen, obgleich die schwarzen Anrainer-Staaten ihnen nun den Krieg angesagt haben, sind tatsächlich britische Staatsbürger oder aufgrund anderer Rechtstitel auf der Insel einreiseberechtigt.
"Sie haben hier Hunderttausende von Verwandten, stimmberechtigte Angehörige", sagte ein konservativer Abgeordneter, "und ich kann mir nicht vorstellen, daß die Regierung passiv bleiben kann, wenn das Massenmorden beginnt."
Schon fordern rechte Parlamentarier wie Julian Amery die Entsendung einer Nato-Interventionstruppe nach Rhodesien. Sein Parteifreund Winston Churchill, ein Enkel des ehemaligen Premiers, will "großzügige Waffenlieferungen" an die Rhodesier. Amery: "Hier geht es nicht um Rassismus, sondern um sowjetischen Imperialismus" -- nicht zuletzt aber um Kapital.
Englische Unternehmen investierten in der Kolonie, die seit 1923 von Weißen regiert wird und 1965 gegen Londons Widerspruch seine Unabhängigkeit erklärte, etwa 200 bis 300 Millionen Pfund, ein Vermögen, das die Briten bei Übernahme der Macht durch die Schwarzen als Verlust abbuchen müßten. In Südafrika placierten sie mehr als zwei Milliarden Pfund.
Truppen können die Engländer jedoch "zu dieser späten Stunde ihres Abstiegs" ("Daily Telegraph") weder gegen die weißen Rebellen in Salisbury noch zu deren Schutz einsetzen. Bereits in Nordirland versuchen ihre Soldaten vergebens, Englands glorreiche Vergangenheit zu bewältigen. Jede Kanonenboot-Aktion, der Einsatz von Fallschirmjägern, wie 1956 am Suez etwa, wäre gleichbedeutend mit einem Kollaps der britischen Afrika-Politik und dem Abzug afrikanischen Vermögens aus der Londoner City.
Außenminister James Callaghan hat "kaum noch Hoffnung", den rhodesischen Rebellen-Premier lan Smith davon überzeugen zu können, daß er sein Land "auf einen Weg des Todes und der Zerstörung führt". Bis zum "bitteren Ende", berichtete der konservative Abgeordnete Eldon Griffiths nach einer Rhodesien-Visite, sei die weiße Truppe bereit zu kämpfen. Ian Smith, so Callaghan, "scheint jedoch nicht zu ahnen, wie wenig Zeit er noch hat".
Die Busch-Briten in Salisbury wollen -- falls überhaupt -- die Macht in ihrem Rebellenstaat frühestens in einem Jahrzehnt abtreten. Die Briten hingegen fordern Wahlen spätestens in zwei Jahren und das Versprechen der Weißen, sich einem schwarzen Regime nicht zu widersetzen.
Nach dem Rückzug der Portugiesen aus Mocambique und Angola und dem Aufmarsch der Kubaner an der afrikanischen Südfront, nach dem Kollaps der Verhandlungen zwischen dem schwarzen Nationalistenführer Joshua Nkomo und Jan Smith im letzten Monat, prophezeite selbst Südafrikas Premier Balthazar Johannes Vorster: "Was jetzt passieren wird, ist einfach schrecklich."
Den politischen Selbstmord der weißen Rhodesier aber kann England -- machtlos wie nie zuvor in der Kolonial-Geschichte -- nicht verhindern. Wohl betrachten die Briten Rhodesien noch immer als ihre Kolonie, gleichwohl sehen sie sich "unter keiner Verpflichtung, die weiße Vorherrschaft und ein illegales Regime zu stützen" (so Staatsminister David Ennals). Die Labour-Regierung will zunächst die nahezu bedingungslose Kapitulation des Rebellen-Regimes und erst danach über die Machtübernahme verhandeln.
Dem "pathologischen Lügner" lan Smith (so der Labour-Abgeordnete Philip Whitehead) traut James Callaghan nicht: "Auf das, was der sagt, kann man sich nicht verlassen."
Schwierig ist er jedenfalls. Im Januar 1965 noch hatte Königin Elizabeth nach der Beerdigung Winston Churchills auf Empfehlung Harold Wilsons auch lan Smith zu einem Empfang in den Buckingham Palace eingeladen. Zehn Monate später wurde der Premier Rebell gegen die Krone. Auf einem Kriegsschiff vor Gibraltar verhandelte der Labour-Chef 1966 mit ihm.
Die Briten hatten Smith die Kabine des Schiffsarztes und des Bordpastors als Quartier anweisen lassen. Seinen Unmut über diese Unterkunft ließ Smith nach London funken. Bei der zweiten Konferenz, zwei Jahre später im Hafen von Gibraltar, überließen die Briten dem Verhandlungspartner dann als Konferenz-Quartier ein ganzes Kriegsschiff.
Nur, Smith -- für den Wilson-Intimus Gerald Kaufman "einer der brillantesten Politiker der Welt" -- kapitulierte nicht. Ein Mitbestimmungsmodell hingegen, das der konservative Außenminister Lord Home 1971 mit Ian Smith ausgehandelt hatte, wurde von der schwarzen Mehrheit als unzureichend abgelehnt.
Die Forderung der Briten, nunmehr nachzugeben, weist Smith trotz zunehmender Guerilla-Aktionen an seinen nicht zu verteidigenden Grenzen und totaler politischer Isolation auch weiterhin ab. Er kann allenfalls auf symbolische Hilfe konservativer Briten hoffen, die sich mit Rhodesiens Weißen verbunden fühlen. Englands Tennis-Star Buster Mottram, 20, ist beispielsweise bereit, in Rhodesien zu spielen und so an der moralischen Aufrüstung der bedrängten Siedler teilzuhaben.
Noch will das Foreign Office offiziell nicht "über die hypothetische Frage" nachdenken, was wohl geschehen wird, wenn die Schwarzen die Weißen vertrieben und mehr als 160 000 einreiseberechtigte Rhodesier im bankrotten Britannien um Asyl ersuchten: "Die werden in Südafrika siedeln. Daß sie zu uns kommen, ist unwahrscheinlich."

DER SPIEGEL 15/1976
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