05.04.1976

ITALIENTangenten Im Turm

Immer mehr Prominente der italienischen Oberschicht geraten in den Strudel der Lockheed-Affäre.
Der römische Oberstaatsanwalt Elio Giotto konnte aufatmen. Denn endlich sah er Chancen, einen ebenso schwierigen wie brisanten Fall loszuwerden -- die Affäre Lockheed.
Aus dem fernen Mexiko nämlich hatte der Graf Ovidio Lefebvre d'Ovidio nach Rom geschrieben und versichert: 1970/71, beim Kauf von 14 Lockheed-Flugzeugen des Typs C-130 "Hercules" durch das italienische Verteidigungsministerium seien "Tangenten" (Schmiergelder) an den damaligen Minister Mario Tanassi bezahlt worden. Und Lefebvre muß es schließlich wissen -- er vermittelte, nebst seinem Bruder Antonio, das Millionen-Geschäft in Rom.
Aufgrund der Vorwürfe gegen Tanassi schob die römische Staatsanwaltschaft den Fall Lockheed an die -- in solchen Fällen zuständige -- parlamentarische Untersuchungskommission ab. Vergangenen Donnerstag begannen die Kommissare ihre Ermittlungen in diesem wohl größten internationalen Restechungsskandal der Geschichte (SPIEGEL-Titel 8/1976). In dieser Kommission versandeten freilich schon Dutzende von Korruptions-Untersuchungen.
Der sozialdemokratische Ex-Verteidigungsminister, wegen seiner US-Sympathien auch "Tanassinger" genannt, weist den Korruptionsvorwurf natürlich zurück. Außerdem sei der Hercules-Kauf schon von seinem christdemokratischen Amtsvorgänger Gui eingeleitet worden.
Fest steht jedenfalls, daß der US-Konzern fast zwei Millionen Dollar lockermachte, um die Italiener zum Fliegerkauf (Preis: über 60 Millionen Dollar) zu überreden. Die Gelder, so ergaben Recherchen des Washingtoner Senats-Ausschusses unter Frank Church, liefen zumeist über Briefkastenfirmen.
So wurden etwa über die panamaische Firma Tezorefo 1,4 Millionen Dollar als "Zuwendungen an die Partei des Ministers" nach Rom geschleust, weitere 224 000 Dollar "Zahlung an den Minister" erfolgten über die italienische Firma Componenti Elettronici (Com. El.). Später erhielt der Minister noch einmal 50 000 Dollar, weil er einen Preisaufschlag für die C-130 akzeptierte. Und 78 000 Dollar gingen als "Kompensation für den früheren Minister und seine Mannschaft" über das Institut Ikaria in Vaduz.
Hinter den Scheinfirmen verbargen sich Italiener mit erstklassigen Verbindungen zum politisch-industriellen Establishment. Beispiel: Antonio Lefebvre d'Ovidio, Graf von Balsorano di Clunière und Bruder des inzwischen nach Mexiko geflüchteten Tanassi-Denunzianten, gilt als ein guter Freund von Staatspräsident Leone, mit dem er schon mal zusammen urlaubt. Er ist Mitbesitzer etlicher Schiffe und residiert -- von einem kurzen Gefängnisaufenthalt wegen der Lockheed-Affäre abgesehen -- in einer römischen 59-Zimmer-Villa. Das Duo Lefebvre zog die Drähte bei der Firma Tezorefo.
Über die zweite Schmiergeld-Schleuse, die Firma Cern. El., kamen Ronis Staatsanwälte einem anderen einflußreichen Lobbyisten auf die Spur: dem Ingenieur h. c. Camillo Crociani, einer der führenden Manager in der Staatsholding In. Er floh, kurz bevor er verhaftet werden sollte, im Privatflugzeug -- mit einem Diplomatenpaß versehen -- samt Familie in die Schweiz.
Die Karriere des Top-Managers hatte 1947/48 begonnen, als er Kriegsgerät aus US-Beständen an das italienische Militär verhökerte. Er knüpfte Kontakte nach Amerika, gründete zwei Elektronik-Firmen und wurde schnell reich. 1968 avancierte der Christdemokrat Crociani mit Hilfe der Partei zum Chef der (hoch defizitären) Staatsflotte, 1974 wechselte er zum Präsidentensessel der Holding Finmeccanica (Gruppe Iri), der etwa das Autowerk Alfa Romeo untersteht. Über einen Strohmann dirigierte er offenbar die Transaktionen der Com. El.
Seinen Erfolg demonstrierte Crociani auch privat, durch aufwendigen Lebensstil: eine Villa am Meer und eine in der Schweiz (für alle Fälle), elegante Feste an der Seite seiner attraktiven Frau, dem ehemaligen Filmsternchen Edy Vessel.
Roms Linksparteien nützen den Fall Crociani seit Wochen zu scharfen Angriffen auf die Machenschaften im Sy-
* Plakattext oben: "Eine der Villen von Crociani (von Helikoptern und der Yacht ganz abgesehen)." Unter dem Bild: "Die Villa von Crociani am Circeo: ein alter Sarazenenturm, umgeben von kleineren Gebäuden und Veranden. Mit Hubschrauber-Landeplatz und Privathafen. Wie kann ein Staatsfunktionär all das bezahlen? Es wurde ihm ermöglicht von den christdemokratischen Ministern für Staatsbeteiligungen. Weg mit den Gaunern aus der Staatsregierung!"
stem der Staatsbeteiligungen. Italiens KP verbreitete ein Plakat mit dem Photo der schönsten Crociani-Villa und fragte: "Wie kann ein Staatsfunktionär all das bezahlen?". Die Sozialisten fordern, den Besitz bestechlicher Staatsdiener zu konfiszieren.
Politiker, Staatsmanager, Generale -- bei Lockheed kassierten alle. Am 22. März verhafteten die Carabinieri in Rom den General a. D. Duilio Fanali, Generalstabschef der Luftwaffe in den Jahren des Hercules-Kaufs. Zwar wurde er bald wieder "in vorläufige Freiheit" entlassen, die Ermittlungen gehen jedoch weiter. Verdächtig scheint den Staatsanwälten schon, daß sich Fanali in den letzten Jahren mehrere Häuser und Grundstücke kaufen konnte.
Römische Reporter fanden sogar eine Parallelität zum Lebensstil Crocianis heraus: Auch Fanali erwarb einen noblen Sarazenen-Turm am Meer.

DER SPIEGEL 15/1976
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