05.04.1976

So leben die Russen

Jurij Andropow ist einer der Intelligentesten der heutigen Führungsschicht, hegt aber keine Sympathie für Intellektuelle. Andropow ist Chef des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes (KGB) und Mitglied des Politbüros. Man sagt, er erinnere seine Kollegen mit Vorliebe an die Ereignisse in Ungarn im Jahr 1956, die er als sowjetischer Botschafter in Budapest aus nächster Nähe miterlebt hat. Er organisierte damals den sowjetischen Gegenschlag gegen die Revolte.
"Wer hat den ungarischen Aufstand angeführt?" pflegt Andropow rhetorisch zu fragen. "Die Intelligenz, die Schriftsteller sie haben es getan." Derart gefährliche Elemente müßten streng bewacht werden. Andropows KGB tut es.
Die neuen Kreml-Herren haben das von Stalin errichtete Kontrollsystem --
die riesigen Nationalverbände von Schriftstellern, bildenden Künstlern, Komponisten, Architekten, Filmschaffenden und Journalisten -- beibehalten. Sie haben jedoch die unnachgiebige Strenge von Stalins "Sozialistischem Realismus" gemildert und verzichten auch auf den Terror.
Sie haben die Pseudointellektuellen gefördert und sie dazu angespornt, die anderen zu beherrschen. Diese Begünstigung stärkt die Schar von korrupten Schreiberlingen, die ihre angeblichen intellektuellen Fähigkeiten dazu benutzen, sich eine Laufbahn in der kulturellen Bürokratie zu sichern. Sie passen sich dem Parteiprogramm an, denunzieren ihre weniger linientreuen Kollegen, schreiben, tun und denken genau, was man von ihnen erwartet, und kommen gut dabei zurecht.
Die Regierung versucht, das intellektuelle Leben des Landes mit Zuckerbrot und Peitsche zu lenken. Die Peitsche sind die offiziellen Einschränkungen und Kontrollen; das Zuckerbrot sind die Privilegien und Begünstigungen, die jedem zuteil werden, der sich gefügig zeigt.
Die Organisationen der Intelligenz sind praktisch allmächtig auf ihrem Gebiet. Schriftsteller oder bildende Künstler, die nicht Mitglieder ihres Verbandes sind, können meist keine Bücher veröffentlichen oder nicht an
* Nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik bei Heinrich Böll 1974.
© 1976 Robert G. Kaiser: "Alle Kinder Lenins"; Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.
offiziell genehmigten Ausstellungen teilnehmen. Ausschluß aus dem Verband -- eine periodisch als Druckmittel angewandte Strafe -- kommt der Beendigung einer beruflichen Laufbahn gleich.
Die Funktionäre der Verbände sind oft literarische Tagelöhner oder noch weniger. Ein Sekretär der Moskauer Organisation des Schriftstellerverbands ist ein ehemaliger General des KGB, was jedem Schriftsteller in der Hauptstadt bekannt ist. Begabte Künstler haben in der Regel kein Interesse daran, administrative Arbeit in den Verbänden zu leisten, und so bleiben diese Posten mittelmäßigen Leuten überlassen, die sich mit ihnen zufriedengeben, oder ehrgeizigen Leuten, die sie haben wollen. Die einen wie die anderen sind bereit, ja sogar erpicht darauf, den Befehlen der höheren politischen Instanzen zu folgen.
Die Verwalter unterstützen, was man die offizielle Kultur nennen könnte: Literatur, Filme, Musik und bildende Kunst, die von der maßgeblichen Kulturabteilung des Zentralkomitees am meisten geschätzt werden.
Die Zensur ist das ärgste Hindernis für das intellektuelle Leben in der Sowjet-Union, und sie ist allgegenwärtig. Die offizielle Zensur geht weit über das Verbot von Büchern hinaus, die sich der Parteilinie widersetzen; sie dient auch dazu, wissenschaftliche Forschung zu verbieten, Schriftsteller, die in Schwierigkeiten geraten, zu entmutigen.
Die formellen Kontrollen durch Glawlit, die staatliche Zensurbehörde, sind nur der Rahmen. Die sowjetischen Intellektuellen zensieren sich selbst fortwährend,
* Mit Freundin.
ehe sie dem Zensor ein Buch, einen Film, ein Theaterstück oder ein Gemälde zur Prüfung vorlegen.
Die Regierung verbietet Angriffe auf das sowjetische System, seine Führer und seine Geschichte. Darüber hinaus sind die Zensurbestimmungen unberechenbar und widersprüchlich.
Ein Marxist-Leninist soll optimistisch sein und an die Fähigkeit des Menschen zur Selbstverbesserung glauben; was fängt er aber dann mit dem Pessimismus von Bertolt Brecht an? Trotzdem wird Brecht heute in den sowjetischen Theatern aufgeführt. Begründung: Der Autor sei Kommunist gewesen und seine Stücke müßten daher annehmbar sein.
Dostojewskis Sorge um die menschliche Freiheit ist in der Sowjet-Union fehl am Platz, aber seine Werke werden veröffentlicht, und er selbst wird offiziell als russischer Held und "Radikaler" des 19. Jahrhunderts gefeiert (Stalin hatte ihn verboten).
William Faulkners fremdartige Welt ist jetzt den Russen in hervorragenden Übersetzungen zugänglich; man sieht in ihm einen bedeutenden Vertreter der amerikanischen Literatur und einen Freund der Unterdrückten. (Er wurde früher als Rassenfanatiker verdammt.)
Man könnte noch unzählige Beispiele dafür aufzählen, daß es einem russischen Intellektuellen nicht schwerfällt, Lektüre über den Menschen und die Gesellschaft zu finden, die mit den Praktiken und den offiziellen Lehren von Staat und Partei nichts gemein haben.
Soviel zur Peitsche. Das Zuckerbrot -- die Sonderrechte und Belohnungen für gesinnungstreue Genossen -- ist ebenso bedeutsam. Nach der politischen Elite ist die offiziell anerkannte Intelligenz-Schicht die privilegierteste Gruppe der sowjetischen Gesellschaft.
"Das größte Privileg sind Reisen ins westliche Ausland."
Ein Mitglied der Akademie genießt materielle Privilegien: ein Ehrensold von 400 Rubeln (1400 Mark) im Monat, die Nutznießung eines Wagens der Akademie, eine Datscha auf dem Lande und eine Wohnung in der Stadt. Außerdem darf er ins Ausland reisen, und das allein genügt bei manchen schon, ihre Loyalität zu gewährleisten.
Andrej Sacharow erzählte mir, er habe einmal Professor Alexander Imschenezki gebeten, einem jungen Wissenschaftler, der Schwierigkeiten mit den Behörden gehabt hatte, eine Stellung zu besorgen. Imschenezki weigerte sich. "Ich will die sowjetische Regierung nicht verärgern", erklärte er Sacharow. "Sie hat mich 36mal ins Ausland reisen lassen."
"Das größte Privileg sind Auslandsreisen", sagte mir ein Chemieprofessor. "Für die Angehörigen westlicher Länder ist das schwer zu begreifen, denn im Westen kann jeder, sooft er will, ins Ausland fahren. Hier ist es ein phantastisches Privileg."
Dieses Vorrecht habe zwei Seiten, erläuterte er. Die eine sei beruflicher Natur: die offensichtlichen Vorteile, die es mit sich bringt, anerkannten ausländischen Wissenschaftlern zu begegnen, die auf dem selben Gebiet arbeiten, die Gelegenheit, bekannt zu werden und somit in Übersee Vorträge halten oder Schriften veröffentlichen zu können.
"Außerdem gewinnt jeder, der ins Ausland reist, automatisch an Prestige in der russischen Gesellschaft. Es macht ihn zu einem großen Mann. Draußen kann er Dinge kaufen, die im Inland einfach nicht zu finden sind. All dies bedeutet für viele eine unwiderstehliche Verlockung. Selbst Menschen, die schon zwanzig- oder dreißigmal im Ausland waren, fahren immer wieder, sooft sich die Gelegenheit bietet. Ein paar Tage oder Wochen im Ausland geben einem die Möglichkeit, sich wirklich wie ein Mensch zu fühlen, Dinge zu tun, die man im eigenen Land nicht tun kann, und wenigstens für eine kurze Zeit Herr seines Lebens zu sein. Die bloße Drohung, dieses Privileg entzogen zu bekommen, macht die meisten Menschen gefügig."
Ein erfolgreicher Schriftsteller, eine Primaballerina, ein beliebter Komponist oder Chansonnier können buchstäblich Millionäre werden und sogar wie solche leben. Maja Plissezkaja, die Tänzerin des Bolschoi-Balletts, und ihr Mann, Rodion Schtschedrin, ein Komponist, haben eine große Wohnung in Moskau, ein Mädchen, einen Citroen mit Fahrer, eine komfortable Datscha, ausländische Kleidung und viel andere Besitztümer, von denen gewöhnliche Bürger noch nicht einmal träumen. Die wenigen Künstler, die diese Höhen erklimmen, haben private Verbindungen zu einflußreichen Politikern (auch in der Sowjet-Union, selbst im Politbüro, hat man eine Vorliebe für Stars).
Mit dem Reichtum wächst das Interesse für materielle Dinge; ich bin einigen Bühnenkünstlern begegnet, die regelrecht besessen waren von dem Wunsch nach technischen Geräten. Einer fragte mich, ob ich wisse, wieviel ein Johnson- oder Evinrude-Außenbordmotor von 40 PS koste -- er wolle Wasserski fahren.
"Werden im Westen Apparate verkauft, die anzeigen, ob man sich in einem mit Abhörgeräten ausgestatteten Raum befindet?", erkundigte sich ein anderer. Zwei Ballettänzer verbrachten zehn Minuten damit, meinen Volvo eingehend von allen Seiten zu betrachten und Fragen zu stellen. "Richter (Swjatoslaw Richter, der Pianist) hat den gleichen", sagte einer von ihnen. "Boris Spasski (der Schachspieler) hat das kleinere Modell, den 144. Rostropowitsch (Mstislaw Rostropowitsch, der Cellist, der jetzt im Westen lebt) hat einen Mercedes."
Der Staat gibt ungewöhnlich hohe Zuschüsse für intellektuelle Arbeit mit politischem Hintergrund -- zum Beispiel für alles, was mit Lenin zu tun hat. Ein Filmregisseur, der beauftragt worden war, in Kiew einen Film über Lenins Familie zu machen, sollte 3500 oder 4000 Rubel erhalten; das Honorar für einen gewöhnlichen Film beträgt 1000 Rubel (3440 Mark).
Schauspieler, die Lenin in einem der zahlreichen Filme oder Theaterstücke über sein Leben darstellen, erhalten eine Sondervergütung. Ich lernte einen Mann kennen, der Lenins Werke in eine der mittelasiatischen Sprachen übersetzte -- für einen Betrag, der dreimal so hoch war wie das normale Übersetzungshonorar.
Zwangsläufig ist die Verbindung von Zuckerbrot und Peitsche sehr wirksam. Sie hat die Pseudointelligenz hervorgebracht, eine Klasse von Karrieremachern, die sich für ihre Laufbahn einen "intellektuellen" Beruf gewählt haben. Die meisten Funktionäre, die das System überwachen, kümmern sich mehr um Gesinnungstreue als um Fähigkeiten oder Talent der Leute, die sie kontrollieren.
So erhalten Filmregisseure regelmäßig den Auftrag, irgend jemandem eine Rolle zu geben, aber nicht etwa, weil er ein begabter Schauspieler ist, sondern weil er gute politische Beziehungen hat. Verleger bringen aus demselben Grund die Werke bestimmter Schriftsteller heraus.
Ein typisches Beispiel für den sowjetischen Karrieristen ist Alexander Tschakowski, der Chefredakteur der "Literaturnaja gaseta". Nach Aussage eines seiner Vettern, den ich in Moskau kennenlernte, ist er Sproß einer Familie "aus der jüdischen Intelligenz".
Tschakowski arbeitete kurze Zeit in einer Moskauer Lampenfabrik -- ein nützliches Sprungbrett im Arbeiterstaat -, dann absolvierte er das Gorki-Institut für Literatur in Moskau, eine berühmte Lehranstalt, die viele Angehörige der literarischen Intelligenz ausgebildet hat. Er fing an, als Redakteur zu arbeiten, und als der Krieg ausbrach, wurde er Berichterstatter an der Front.
1962 überredete er die zuständigen Funktionäre des Zentralkomitees, ihn zum Chefredakteur der "Literaturnaja gaseta" zu machen, damals eine Zeitung ohne besonderes Profil. Er verwandelte sie in eine lebendige Wochenschrift, und sie wurde das beste Blatt, das in der Sowjet-Union erscheint. Obwohl sie eine gute Portion Propaganda enthält, bringt sie doch gleichzeitig aufschlußreiche und lesenswerte Berichte über wirtschaftliche und soziale Probleme. Literatur ist ihre schwächste Seite; als Organ des Schriftstellerverbandes hält die Zeitung sich streng an die Richtlinien.
"In der "Literaturnaja gaseta"', sagte mir ein Schriftsteller, "können Sie alles über Israel lesen, alles über Automobile -- was immer Sie wollen, nur nichts über Literatur." Nichtsdestoweniger ist das nicht-literarische Material so interessant, daß dieser Schriftsteller und die meisten anderen, die ich kennenlernte, die "Literaturnaja gaseta" regelmäßig lasen.
Für Tschakowski bedeutet es einen Triumph, daß seine Zeitung von Menschen gelesen wird, die ihn persönlich verachten. Aber sie verachten ihn wegen seines Charakters, nicht wegen mangelnder Fähigkeiten, denn selbst seine ärgsten Feinde müssen zugeben, daß er außerordentlich begabt ist.
Der Journalist Wiktor Perelmann (der später nach Israel ausgewandert ist) hatte eine Zeitlang für Tschakowski gearbeitet. Er schilderte mir eine Redaktionsdebatte über einen Artikel, in dem eine Gehaltserhöhung für Ingenieure empfohlen wurde. Ein Redakteur meinte, der Artikel dürfe nicht gedruckt werden, weil der Staat kein Geld für Gehaltserhöhungen habe und somit nur Hoffnungen geweckt würden, die nicht erfüllt werden könnten. Tschakowski war anderer Meinung:
"Hast du Nachrichten aus Israel?"
"Ja. wir wissen, daß der Staat kein Geld hat, um den Ingenieuren mehr zu zahlen. Aber Sie müssen sich klarmachen, daß die Aufgabe unserer Zeitung nicht so primitiv und elementar ist, wie Sie anzunehmen scheinen ... Wie ein leitender Funktionär mir einmal sagte: "Sie mit Ihrer Literaturnaja gaseta sind der Hyde Park unter sozialistischem Regime.' Hyde Park -- Sie alle wissen, was das ist. Dort ist sehr viel los. Aber Sie müssen bedenken, daß nicht alles, was im Hyde Park gesagt wird, unbedingt sofort durchgeführt wird, obgleich die Leute dort das natürlich fordern. Wir können das Gehalt der Ingenieure jetzt nicht erhöhen, aber unsere Leser sollen wissen, daß der Staat und die Partei sich über dieses Problem Gedanken machen."
Eine andere Form von Korruption, ein anderes Mittel, dem Druck zu begegnen, den das System von Zuckerbrot und Peitsche schafft, ist Heuchelei. Die Regierung wünscht, daß alle sich stets in allem einig sind, eine phantastische Forderung, die unmöglich zu erfüllen ist. So fangen die Menschen an, sich zu verstellen.
Ein früherer sowjetischer Filmregisseur, der jetzt in Los Angeles lebt, berichtete über eine besonders eindrucksvolle Form der Heuchelei. Es handelte sich dabei um einen Film mit dem Titel "Juden in der UdSSR", der hauptsächlich für das Ausland gedreht worden war, um dort den Eindruck zu verwischen, daß in der Sowjet-Union Antisemitismus herrsche. Der Film war ausschließlich von Juden gemacht, unter der Leitung eines Mannes, der anscheinend für das KGB arbeitete. Der ehemalige Regisseur, der die Geschichte erzählte, sah den Film bei einer Sandervorstellung in Moskau.
Zuerst traten die erfolgreichen Juden der Sowjet-Union auf: Oistrach spielte Violine. General Dragunski lächelte uns tapfer an. All diese Leute waren Juden, alle waren Könige -- das war die Aussage. Dann zeigte der Film Szenen mit Menschen, die aus Rußland nach Israel ausgewandert waren, denen es dort nicht gefiel und die jetzt verzweifelt nach Hause zurückkehren wollten. Der Regisseur berichtete:
"Es war ein stark vereinfachender Film, für ein naives Publikum bestimmt. Wir alle im Zuschauerraum wußten sehr gut, wie viele Könige es wirklich in einem Kartenspiel gibt."
"Das Licht ging an. Als wir hinausgingen, vermieden wir es, uns anzusehen. Es war nicht nur der Film; wir hatten schon viele von dieser Sorte gesehen. Es war uns einfach peinlich wegen derjenigen, die den Film gemacht hatten -- unsere Kollegen, die sich dort im selben Raum befanden.
Ich hatte Pech: Als ich mich an der Garderobe anstellte, fand ich mich neben einem der Produzenten des Films. Mäntel, Schals, Stiefel, Hüte -- die Reihe war lang, und wir konnten auf die Dauer nicht einfach dastehen, ohne miteinander zu reden, um so mehr, als wir 15 Jahre lang Kollegen und früher einmal Freunde gewesen waren. Er begann die Unterhaltung:
"Hast du Nachricht aus Israel?' (Er bezog sich auf gemeinsame Freunde, die kürzlich dorthin ausgewandert waren.)
"Ja", sagte ich. "Wie ist es dort?"
"Es scheint alles o.k. Sie sind glücklich."
"Meine Kusine schreibt auch, daß es ihr gut geht', sagte mir der Filmproduzent. "Stell dir vor, sie ist noch ein ganz junges Ding, Krankenschwester, und hat bereits einen eigenen Wagen und eine Wohnung mit einem gekachelten Badezimmer.'
Ich konnte kaum glauben, was ich hörte. Er sah mir fest in die Augen -- ein herausfordernder Blick. Ich mußte wegsehen."
Dieser Filmregisseur meinte, für den Hang zur Heuchelei unter den sowjetischen Intellektuellen gebe "es noch keine Erklärung -- das wird vielleicht eines Tages von Psychiatern und Historikern untersucht werden".
Es ist möglich, in der Sowjet-Union gute, ehrliche und schöpferische Arbeit auf intellektuellem Gebiet zu leisten -- es ist nicht leicht, aber möglich. Die Regierungsbeamten sind nicht alle Narren oder Dummköpfe; manche von ihnen sind durchaus fähig, sowohl natürliche Begabung als auch Loyalität zu erkennen und zu belohnen. Aber das erfordert Mut.
Zwei Wege zum Erfolg: KGB oder Wissenschaft.
Für einen Kulturbeamten ist es am einfachsten, nein zu sagen; denn ein Nein wird ihn nur selten in Schwierigkeiten bringen. Ein Ja hingegen führt zu etwas Konkretem -- einem Buch, einem Theaterstück oder was auch immer -, das einem seiner zahlreichen Vorgesetzten mißfallen könnte. So ist das Nein wahrscheinlicher, aber es ist nicht unvermeidlich.
Jurij Ljubimow aus Moskau ist einer der bekanntesten Theaterintendanten Europas; seine Inszenierung einer neuen Oper, 1975 in Mailand, erntete überschwengliche Kritiken in ganz Europa und in der "New York Times". Im Taganka-Theater in Moskau bringt Ljubimow regelmäßig neue Inszenierungen auf die Bühne -- nicht unbedingt polemisch, aber von der Regie her gewagt. Einige andere Intendanten tun das gleiche.
Schriftsteller, die bereit sind, offensichtlich heikle Themen zu meiden, können ebenfalls gute Arbeit leisten. Es wäre für einen Autor nicht ratsam, sich an eine neue Auslegung der bolschewistischen Revolution zu machen; aber eine Erzählung oder ein Gedicht über das ländliche Leben im fernen Norden ist durchaus möglich.
Die Geschichte eines Mannes, den ich Igor nennen will, ist nicht typisch für die russische Intelligenz, denn Igor ist kein typischer Vertreter dieser Klasse. Aber sein Leben zeigt, was sich heute in der Sowjet-Union machen läßt.
Igor ist Professor an einem der führenden Forschungsinstitute Moskaus, obwohl er erst Mitte der Vierzig ist. Er ist eine starke, selbstsichere Persönlichkeit, weiß, was er will, und weiß auch, daß er es erreichen wird. Schon das allein trennt ihn von den meisten anderen russischen Intellektuellen.
Igor kam als junger Mann mit viel Ehrgeiz nach Leningrad, und er entdeckte bald, daß es zwei Wege zum Erfolg gab: Er konnte dem KGB beitreten oder aber eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen.
Er bestand Aufnahmeprüfungen für die Leningrader Universität und für ein Institut, das zur Mitgliedschaft im KGB geführt hätte. Dann entschied er sich für ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität. Er hatte das Glück, ein Spezialgebiet der Chemie zu belegen, das damals nicht sehr wichtig war, seither jedoch erheblich an Bedeutung gewonnen hat. Er schnitt hervorragend ab, erhielt seinen Posten an dem Moskauer Institut und ist ständig vorangekommen.
Ähnlich zielstrebig, wenn auch nicht ganz so erfolgreich, hat Igor sein Privatleben organisiert. Er heiratete eine Studiengenossin. Eine Tochter kam zur Welt, aber die Ehe ging in die Brüche. Igor leistete sich einige längere Liebesaffären, ist aber schließlich, vor allem des Kindes wegen, zu seiner Frau zurückgekehrt. Von der Politik hat er sich ferngehalten und ist nie Parteimitglied geworden. Er sammelt Briefmarken und vorrevolutionäre russische Gemälde. In seiner Mußezeit verbringt er viele Stunden über seinen Schätzen.
Vor ein paar Jahren wurde Igor mit einer Gruppe sowjetischer Wissenschaftler nach Westeuropa eingeladen. Die Reise war für ihn ein ungeheures Erlebnis. Er freundete sich mit einigen westlichen Chemikern an, die ihn später abermals einluden.
Aber Igor bedachte, daß es einen guten Eindruck auf seine Vorgesetzten machen würde, wenn er diese Einladungen ausschlug und damit zeigte, daß es ihn nicht allzusehr in fremde Gefilde zog. Er gab vor, daß seine eigenen wissenschaftlichen Untersuchungen ihm im Augenblick keine Zeit für eine Reise ließen, und der Trick gelang.
Ein Jahr darauf erhielt er die Erlaubnis, allein nach Europa zu fahren. ein Privileg, das nur sehr wenige genießen. Auf dieser zweiten Reise nahm Igor die Geldgeschenke seiner Gastgeber an und kaufte große Mengen von Kleidung, Schallplatten und Sonstigem. Außerdem besorgte er gewissenhaft all die Dinge, um die ein Freund in Moskau ihn gebeten hatte -- ein Zollbeamter am Flughafen, der es ihm ermöglichte, die Einkäufe zollfrei ins Land zu bringen.
Rezept der Intellektuellen:
Dem Staat ein Schnippchen schlagen.
Vieles von dem, was er gekauft hatte, verschenkte er an Schlüsselpersonen seines Instituts. "Ich baue meine Stellung aus", pflegte Igor zu sagen, "indem ich meine Flanken decke und meine Feinde niederhalte." Er fand sogar einen Freund, der in der Lage war, seine Akte beim KGB einzusehen, um sich zu vergewissern, daß nichts gegen ihn vorlag. Es lag nichts vor.
Eine Anzahl von Igors Freunden ist in den letzten Jahren ausgewandert. Er sagt, er könne ihre Gründe verstehen, aber er selbst würde nie daran denken, fortzugehen -- sein Leben sei viel zu angenehm. Außerdem braucht man ihn in Moskau: Er ist ein gefragter Spezialist.
Igor gibt unumwunden zu, daß sein Land schlecht regiert wird -- es ist eben ein totalitäres Land, sagte er, und man muß sich damit abfinden. Aber er pflegt einen hohen Lebensstandard, den er auch in seinem Laboratorium für sich beansprucht.
Igor hat herausgefunden, wie man dem sowjetischen Dasein die beste Seite abgewinnt. Intellektuelle können in der Sowjet-Union -- genau wie überall -- zufrieden leben, wenn sie es nur verstehen, dem System ein Schnippchen zu schlagen.
Kein sowjetischer Intellektueller kann sich bei seiner Arbeit dem willkürlichen Druck entziehen. "Ich will mich nicht um Politik kümmern", sagte mir einer der besten Filmregisseure des Landes. "Politik langweilt mich, ich will Filme machen. Aber es ist unmöglich! Man zwingt mir irgendeinen Dummkopf seiner guten politischen Beziehungen wegen für eine Hauptrolle auf; nur weil er einen Freund im Zentralkomitee hat. Ich kann der Politik nicht entkommen, sosehr ich es auch möchte."
Es sind die willkürlichen, unerwarteten Einmischungen, die selbst die standhaftesten Optimisten allmählich zermürben. Jene Autoren, die ohnehin wußten, daß ihre Bücher nie veröffentlicht werden, kamen mir oft zufriedener und ruhiger vor als andere, die nie
* Davor: Filmregisseur Andrej Kontschalowski mit Privat-Volvo.
sicher sein konnten. Selbst Spitzenkräfte, welche die beste Arbeit leisten, die auf Grund der offiziellen Normen möglich ist, sind oft zutiefst verbittert.
Die letzte und wirkungsvollste Verteidigungslinie des russischen Intellektuellen ist die Schranke, die er um seine eigene, private Welt errichten kann. Sich vom öffentlichen Leben zurückziehen, ist die logische Verteidigung für Intellektuelle in einer Gesellschaft, die ihnen immer noch mit Mißtrauen begegnet.
In Moskau scheint die intellektuelle Gemeinschaft fast blutschänderisch intim zu sein. Durch die riesigen Verbände vereint, kennen die Angehörigen eines Zweiges der schöpferischen Intelligenz -- Schriftsteller oder Schauspieler zum Beispiel oft Hunderte ihrer Kollegen. Die Schriftsteller trifft man meistens im Moskauer Aeroportskij-Bezirk, wo der Schriftstellerverband zahlreiche Häuser mit Eigentumswohnungen gebaut hat.
Die sowjetische Regierung baut Wohnungen. die sie zu subventionierten Preisen vermittelt, genehmigt aber gleichzeitig den Bau von Eigentumswohnungen, deren Käufer eine Anzahlung Von mehreren tausend Rubeln leisten und monatlich mehr zahlen müssen als gewöhnliche Mieter. Dies dient dazu, die Ersparnisse der Bürger wieder der Wirtschaft zufließen zu lassen und die Kosten der subventionierten Wohnungen teilweise aufzufangen.
Die Schriftsteller kannten sich meistens schon, ehe sie Nachbarn wurden. Jetzt, da sie in derselben Siedlung wohnten, schien einer des anderen Geliebte, die ehemalige Frau sowie das Schicksal von dessen jüngstem Buch oder Artikel zu kennen.
Vertrautheit wird zu einer Art von Schutz gegen Druck von außen. "Wir halten uns gegenseitig die Hand", sagte mir eine Frau aus dem Aeroportskij-Bezirk. Die Pflichten eines Freundes sind in diesem Kreis oft erschöpfend.
"Ich lebe in Moskau -- was weiß ich über Rußland?"
Ein Mann erklärte mir, warum sein Freund -- ein temperamentvoller Schriftsteller -- sich völlig verloren vorkommen würde, wenn er nach Israel oder den Vereinigten Staaten auswanderte:
"Hier kann er praktisch alles von seinen Freunden verlangen. Er kann mich um drei Uhr nachts anrufen und sagen "Ich komme rüber', und ich protestiere nicht. Er kommt herüber, und wir bleiben die ganze Nacht auf und rauchen Zigaretten. Er erzählt mir stundenlang von seiner neuesten Freundin oder irgendeiner neuen Katastrophe in seinem Leben. Nun, wo will er in Israel oder New York jemanden finden, der meinen Platz einnehmen könnte?" Es war eine berechtigte Frage. In der angelsächsischen Welt verliert sich diese Art von intensiver Freundschaft gemeinhin bald nach der Pubertät.
Die Vertrautheit untereinander gibt den Intellektuellen ein Gefühl von Gruppensolidarität in einer ihnen nicht geistesverwandten Gesellschaft. "Ich lebe in einem Staat, der sich Moskau nennt", versuchte mir ein Schauspieler zu erklären, warum er so wenig über seine Landsleute wußte. "Was weiß ich über Rußland?"
Das beste an jedem Kreis ist das Vergnügen, das man in ihm finden kann, und die Russen verstehen sich darauf. Sie machen sich gern und oft einen fröhlichen Abend mit Wodka und armenischem Kognak, Musik, Gelächter, Tanz und was auch immer. Ein Feiertag, ein Geburtstag, eine plötzliche Laune sind Grund genug für eine Party.
Aber das größte Vergnügen bereitet die Unterhaltung. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß ein russischer Intellektueller sich am wohlsten fühlt, wenn er an einem überfüllten Tisch in irgendeiner Küche sitzt und sich über ein Durcheinander von Käse und Salami, Brotscheiben und Gurken, Gläsern, Wodkaflaschen und Teetassen hinweg unterhält.
Besucher kommen und gehen, die Gastgeber brühen fortwährend Tee auf, die Salami schrumpft zusammen, und das Gespräch geht weiter und weiter. Dies ist die Atmosphäre dessen, was die Russen "eine wirklich russische Unterhaltung" nennen.
Ich hörte den Ausdruck zum erstenmal von einem alten Mann und fragte ihn, was er darunter versteht. "Eine russische Unterhaltung", sagte er, "ist eine Diskussion, die jedes Thema berührt, das es gibt."
Spät in der Nacht das Protokoll einer Unterhaltung.
Ich habe viele russische Unterhaltungen miterlebt und dabei begriffen, daß dies der Bereich des russischen Lebens war, an den ich mich am längsten erinnern würde. Aber es schien unmöglich, alles im Gedächtnis zu behalten; so viele Themen wurden im Laufe eines Abends angeschnitten. so viele Witze und Anekdoten erzählt.
Daher beschloß ich, eine russische Unterhaltung hinterher sofort schriftlich niederzulegen; nur so konnte ich hoffen, das anarchische Durcheinander, die überwältigende Fülle, die Kurzweil eines langen Abends einzufangen. So schrieb ich einmal nach einer mehrstündigen Unterhaltung mit einem Moskauer Schriftsteller und dessen Schwiegertochter, die selbst eine angehende Autorin war, noch spät in der Nacht folgendes nieder:
Wir beginnen mit einer Diskussion über Buchbesprechungen in sowjetischen Literaturzeitschriften. Die Schwiegertochter (ich will sie hier Tanja nennen) hatte gerade eine Besprechung in einer kleinen Zeitschrift veröffentlicht. Es sei die Rezension eines Gedichtbandes, sagte sie -- schlechte Gedichte, aber die Gedanken des Autors seien "normal", was so viel bedeutete, daß sie mit ihnen einverstanden war. Deshalb war sie bereit gewesen, die von der Redaktion gewünschte "positive" Besprechung zu schreiben.
* Als Poster an der Wand: Westliches Geschenkeinwickelpapier.
Gerade an diesem Morgen hatte sie ein Belegexemplar der Zeitschrift erhalten. Die Redaktion hatte ihrem Artikel einen anderen Titel gegeben -- einen überschwenglichen Slogan -- und einen Schlußsatz hinzugefügt, in dem noch einmal betont wurde, wie hervorragend das Buch in jeder Hinsicht war. Der Text zwischen diesen beiden Zusätzen stammte im wesentlichen von Tanja. "Sie zahlen gut", sagte Tanja. "65 Rubel (225 Mark) für dreieinhalb Seiten."
Dann kamen wir auf einen Film zu sprechen, der gerade angelaufen war; er war nach Moskauer Maßstäben ein sensationeller Erfolg und lief in mehr als 50 Kinos der Hauptstadt.
Ich hatte den Film faszinierend gefunden und vor allem auch erstaunlich wegen seiner Abweichungen vom üblichen Typ der sowjetischen Filme. Er handelte von einem Verbrecher -- schon an sich eine Abweichung, da sowjetische Filmhelden moralische Vorbilder sein sollen -, der seiner Vergangenheit zu entrinnen suchte, indem er sich in einer ländlichen Gegend im fernen Norden ein neues Leben aufbaute. Als ihm das gerade zu gelingen schien, spürten seine früheren Komplicen ihn auf und töteten ihn ohne ersichtlichen Grund.
Das widersprach alten Regeln sowjetischen Filmschaffens -- ein gewalttätiges Ende, traurig und unerwartet. ohne erbauliche Moral. Außerdem enthielt der Film unverkennbare religiöse Anspielungen und hinterließ den Eindruck, daß sein Autor, ein beliebter, aber umstrittener Schriftsteller namens Wassilij Schuschkin, die geistige Leere des sowjetischen Lebens verurteilte.
Wir fragten uns, wie es möglich war, daß der Zensor diesen Film hatte durchgehen lassen. Schuschkin genoß offenbar ein besonderes Ansehen, weil er kein typischer Intellektueller war, sondern ein Bauernjunge, der sich als Schriftsteller, Filmregisseur und Schauspieler durchgesetzt hatte. "Und deshalb glauben sie, er sei einer von ihnen, nicht von uns", sagte Alexej, Tanjas Schwiegervater.
Es ging das Gerücht, daß ein Angehöriger des Politbüros, vielleicht sogar Breschnew selbst, den Film gesehen und so gut gefunden habe, daß er ihn begeistert dem Staatlichen Komitee für Kinematographie empfahl -- das ihn monatelang zurückgehalten hatte, weil es nicht wußte, was es damit machen sollte.
Alexej mißbilligte -- ebenso wie viele andere damals in Moskau -- Schuschkins romantische Einstellung zum ländlichen Leben und den darin enthaltenen unvorteilhaften Vergleich mit der Stadt. Er war der Meinung, der Film kritisiere Werte, die er, Alexej, respektiere. Tanja widersprach heftig. Sie verteidigte Schuschkins Ansichten über das ländliche Leben.
"Das ist seine Vorstellung von einem Ausweg", sagte Tanja. "Er hat ein Recht auf seine eigene Theorie." Die Intellektuellen der 60er Jahre, erklärte sie, hätten verborgene Mittel und Wege zu finden versucht, um den Status quo zu kritisieren, aber keine Lösung gefunden. Schuschkin dagegen besitze eine Idee für einen Ausweg, wenn auch nur eine unvollständig durchdachte Idee. Das halte sie für sehr wichtig.
"Was wir erreicht haben, ist etwas Kostbares."
Danach kamen wir zu Stalin, ein Thema, das in solchen Unterhaltungen immer wieder auftaucht. Alexej erinnerte sich an den Tag, an dem Stalins Tod bekanntgegeben wurde. Er arbeitete damals als Journalist und interviewte an diesem Morgen einige Wissenschaftler in einem Moskauer Forschungslabor. Als die Todesnachricht im Lautsprecher durchgegeben wurde, ging Alexej in die Werkhalle, wo die Leute "vor wirklicher Angst" weinten. Viele sagten: Damit sind wir erledigt, damit ist das Land erledigt -- jetzt sind wir hilflos.
Dann erzählte Tanja eine lange Geschichte, die sie über das Verhalten der Kulaken gehört hatte, die während der Kollektivierung der Landwirtschaft nach Sibirien deportiert worden waren. Die Geschichte dauerte 45 Minuten, und ich will sie hier nicht wiederholen, aber den Kernpunkt fand ich interessant: daß die Kulaken nach ihrer Umsiedlung völlig abhängig von den örtlichen Behörden in ihrer neuen sibirischen Heimat wurden und getreulich deren Befehle ausführten, selbst wenn das bedeutete, Teile der ortsansässigen Bevölkerung ebenso erbarmungslos zu vertreiben, wie die Kulaken ursprünglich aus dem europäischen Rußland vertrieben worden waren.
Irgendwie wandte sich das Gespräch wieder der Literatur zu. Alexej beklagte, daß es, abgesehen von einer kurzen Zeitspanne zu Anfang dieses Jahrhunderts, in Rußland niemals "Kunst nur um der Kunst willen" gegeben habe. Statt dessen sei die Literatur immer mit irgendwelchen spezifisch sozialen oder politischen Belangen verknüpft gewesen.
Tanja sagte, ihr sei in letzter Zeit klargeworden, daß die literarische Wiederbelebung des frühen 19. Jahrhunderts, die von Puschkin angeführt wurde, in gewissem Sinne ein russischer Ersatz für die Renaissance sei -- die die Russen vollkommen verpaßt haben.
Dies veranlaßte Alexej, eine Analyse von Puschkins Verserzählung "Der eherne Reiter" vorzunehmen, deren wahre Botschaft seiner Meinung nach in der Erkenntnis liegt, es sei aussichts-
* Mit der Präsidentin des norwegischen Nobel-Komitees, Aase Lionas, die Sacharows Ehefrau den Preis am 10. Dezember 1975 in Oslo übergab. Sacharow war die Reise zur Preisverleihung von den sowjetischen Behörden untersagt worden.
los, die Lage der Menschen grundlegend verbessern zu wollen.
Das führte zu einer Diskussion über die Auswanderung nach Israel, von der manche Intellektuelle sich eine Verbesserung ihrer Lage versprechen. Viele prominente Angehörige der Moskauer Intelligenz sind in den letzten Jahren ausgewandert, so der Tänzer Michail Baryschnikow und der Physiker Leonid Pljuschtsch; der berühmteste von ihnen ist natürlich Solschenizyn, der allerdings unfreiwillig ging.
Vor zwei Jahren, sagte Tanja, habe sie sich sehnlich gewünscht, das Land zu verlassen. Das war, bevor sie ihren Mann kennenlernte und anfing, als Schriftstellerin zu verdienen, Jetzt, sagte sie, wolle sie bleiben. Natürlich müsse sie Kompromisse schließen, aber bis zu einem gewissen Punkt sei sie dazu bereit. Sie würde sich ihre innere Freiheit erhalten. Das sei das wichtigste -- innere Freiheit -, und die sei möglich, sogar in Rußland.
"Menschen, die in einem freien Land geboren sind, können nie ermessen, was es bedeutet, in einem System wie dem unsrigen diese innere Freiheit zu erringen", sagte Tanja. "Was wir hier erreicht haben, ist etwas Ungewöhnliches, sogar Kostbares, aber für Sie" -- sie sprach mich an -- "würde es überhaupt nichts bedeuten."
Tanja sagte, sie sei nicht geschaffen für wirklichen Individualismus, eine völlige Verantwortung für sich selbst, und sie wisse, daß sie sich außerhalb Rußlands daran gewöhnen müßte. Rußland sei eben eine Kollektivgesellschaft, nicht nur wegen des Kommunismus, sondern auch von der Geschichte her.
"Sehen Sie sich die orthodoxe Kirche an -- dort hat das Individuum keine persönliche Beziehung zu Gott, es ist einfach ein Teil der Gruppe, die gemeinsam ihre Andacht verrichtet. Das Leben in den Dörfern, das traditionelle Familienleben -- alles ist kollektiv. Es liegt uns im Blut."
Hier enden meine Notizen.
Im nächsten Heft
Schluß: Die Unschuld des Lügens und die Mühe mit der Wahrheit.

DER SPIEGEL 15/1976
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