05.04.1976

Wer die Pflaume war

Zwei Deutsche sind die erfolgreichsten Trabrennfahrer der Welt. Letzte Woche übertrumpfte Eddy Freundt den Altmeister Johannes Frömming.
Neugierig drängten sich auf der Trabrennbahn Dinslaken die Herren der Rennleitung vor dem Bahnfernseher. Dort flimmerte das eben beendete Rennen noch einmal über den Bildschirm. Mittelpunkt: ein Sturz, bei dem der Fahrer kopfüber vom Wagen fiel.
"Wer war denn die Pflaume", rügte im Hintergrund Meisterfahrer Eddy Freundt. Die Herren sahen ihn betroffen an: "Herr Freundt, das waren Sie." Wegen Gehirnerschütterung erteilte der Arzt dem Benommenen zwei Wochen Fahrverbot. Es war im Sommer letzten Jahres.
Doch Sturz und Spott hinderten Eddy Freundt, 47, nicht an Erfolg und Ertrag im Trabersport. Letzte Woche überflügelte er den Altmeister Johannes Frömming, 65, der bis dahin mit 5353 Siegen erfolgreichster Trabrennfahrer der Welt gewesen war.
Damit ist Freundt Bester einer Branche, die in der Bundesrepublik jährlich allein mit Pferdewetten fast dreimal soviel Umsatz bringt wie die Fußball-Bundesliga: 1975 waren es 262,8 Millionen Mark. Dazu kamen 36,46 Millionen Mark Preisgelder, für die rund 10 000 Pferde um die Wette liefen.
Freundts 100 Stürze in mehr als 22 000 Rennen seit 1944 ("Icke bin jetzt bald fünfmal um die Erde gezuckelt") hält er selbst für einen normalen Schnitt: "Wer mit Pferden zu tun hat, liegt oft uff der Schnauze."
Schon Freundts Väter hatten mit Pferden zu tun gehabt. Der Urgroßvater ebenso wie ein Urgroßonkel kutschierten 1889 Traber auf der Rennbahn Berlin-Weißensee. Den Vornamen Eddy erhielt Freundt von einem der drei berühmten Mills-Brüder. Charly war sein Vorbild, Johnny sein Lehrherr und Eddy der Hausfreund. "Bei uns zu Hause waren doch ooch die Bettvorleger aus Hufeisen", erinnert sich Eddy Freundt.
Der junge Freundt brachte in den damals vorzugsweise von Spediteuren, Viehhändlern und Metzgern betriebenen Trabersport mehr Systematik und Grundlagenforschung ein. Neben ständiger Zeitnahme bei jeder Trainingsmeile und taktischen Plänen schmiedete er schließlich auch für jedes Pferd spezielle Hufeisen selbst. Vor 15 Jahren übernahm er von den Leichtathleten als erster Pferdetrainer Intervallübungen.
In Ungarn und an der Universität Gießen hielt er Vorträge über das Training von Rennpferden. Die Arbeitsgemeinschaft für Trainingsforschung in West-Berlin nahm den "Traber-Professor" als Mitglied auf.
Elfmal wurde Eddy Freundt Deutscher Meister, mit 384 Siegen in einer Saison stellte er 1963 einen Weltrekord auf. Außer dem Deutschen Derby gewann er einmal sogar -- als Trainer -- das französische Sattelderby, bei dem die Traber einen Jockey im Sattel tragen. "Wegen meiner 85 Kilo konnte ich nicht selber reiten, aber für Trabfahren habe ich das ideale Gewicht."
Anders als Vorgänger Frömming fuhr Freundt nicht um jeden Preis auf Sieg. "Wenn zu ville gedrängelt wird oder 'ne wilde Peitschenschlacht entbrennt, lasse ich schon mal die Zügel runter", erklärte Freundt, der am Züchten und Trainieren noch mehr Spaß hat als am Rennfahren. "Am liebsten wäre mir, meine 80 Böcke, die ich jetzt trainiere, würde een anderer kutschieren."
Doch meistens fordern die Besitzer Meister Eddy an den Start. Überwiegend fährt er die Pferde kleinerer Ställe, manchmal auch von Leuten, die nur einen Traber (jährlicher Kostenaufwand: 6000 Mark) besitzen. "Die Pferde lieben ihn", fand "Bild" heraus. Der volkstümliche Fahrer (Jahresverdienst: 250 000 Mark) besitzt ein Haus in Recklinghausen und einen Bungalow auf Teneriffa, wo er seinen Hobbys Segeln und Wasserski frönt.
Im rheinischen Bensberg unterhält er ein Gestüt, in dem er mit sechs Mutterstuten bislang etwa 50 Renntraber aufzog. 1975 gehörte die von Freundt gezogene Stute "Estrella" zu den erfolgreichsten Trabern der Bundesrepublik.
Seit seinem letzten deutschen Meistertitel als Fahrer, 1972 hatte er wie sein Schüler Willi Rode 287mal gesiegt, greift Freundt kaum noch in den Titelkampf ein. "Mit 60 wie Frömming will ich nich mehr selber fahren", erklärt er. Den Weltrekord als siegreichster Trabrennfahrer der Welt veranschlagt er nicht höher "als ein schönes Mittagessen
Eigentlich hat ihn der Kanadier Hervé Filion mit mehr als 6000 Siegen längst übertroffen. Aber Filion fährt überwiegend Traber, die im Paßgang wie Kamele laufen. "Pacer sind pro Meile rund zwei Sekunden schneller als unsere Traber", erklärte Freundt.
Doch auf europäischen Bahnen wird ein Pacer wegen "unreiner Gangart" disqualifiziert. Europas Traber müssen die schwierigere Gangart mit rechts und links ungleichmäßigem Schritt beherrschen.
Trabrennfahren ist nach Freundts Meinung ein äußerst schwieriger Sport. "Ich rate jedem jungen Mann ab, der diesen Beruf ergreifen will." Er selbst arbeitet bis zu 100 Stunden pro Woche nur mit Pferden. "Und manchen Abend sitze ich noch stundenlang rum und überlege, welche Fehler ich wieder im Rennen jemacht habe."
Die meist zu hohen Erwartungen der Besitzer belasten Freundt noch nach 30 Berufsjahren. "Am liebsten sind mir Bahnen mit langen Geraden", verrät er. "Da ist dann jenug Zeit zu überlegen, wat ich dem Besitzer erkläre, warum wir nich jewonnen haben."

DER SPIEGEL 15/1976
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