05.04.1976

EISHOCKEYRempeln und Rüpeln

Bundesdeutschlands Eishockey-Spieler sind keine Prügelknaben mehr. Die Besten des WM-Aufgebotes sind amerikanischen Profi-Klubs schon mehr als 300 000 Mark wert.
Der Kühnhackl würde auch in unsere Mannschaft passen", pries Boris Kulagin, der Trainer der sowjetischen Eishockey-Olympiasieger und Weltmeister. Soviel Lob haben deutsche Spieler seit mehr als 40 Jahren nicht mehr verdient -- und soviel Geld wie gegenwärtig noch nie.
Nach Jahren schmachvoller Niederlagen erspielte die Bundes-Equipe beim Olympia 1976 in Innsbruck die Bronzemedaille -- die größte Überraschung der Winterspiele. Anschließend bestand sie eine Tournee durch die USA und Kanada. die neben der Sowjet-Union spielstärkste Eishockey-Region.
"Harmonischer haben wir noch niemals zusammengespielt", freute sich Bundestrainer Xaver Unsinn. "Hoffentlich hält unsere Form bis Kattowitz vor." Dort finden vom 8. bis 25. April die Weltmeisterschaften statt. In einem Trainingslager und in drei Spielen gegen die technisch perfekte CSSR-Spitzenmannschaft Skoda Pilsen bereitete Unsinn sein Aufgebot vor.
Nur einmal, 1932, hatten die Deutschen eine olympische Bronzemedaille erkämpft. Seither spielten sie vorwiegend die Rolle des Aschenbrödels. Bei Weltmeisterschafts- und Olympia-Turnieren bezogen sie gewöhnlich doppelt Prügel: Mehrmals stieg die Mannschaft nach lauter Niederlagen in die B-Gruppe ab; die Spieler blieben beim branchenbedingt harten Bodycheck meist Zweite. "Die Deutschen prügeln einfach schlecht", bescheinigte der "Stern". Noch 1975 fand die WM in der Bundesrepublik ohne Bundesmannschaft statt.
Die besten bundesdeutschen Eishockey-Ensembles spielten in Bayern. Aber Füssen, Bad Tölz und Riessersee hatten nur Amateur-Theater zu bieten. Die kleinen Klubs vermochten keine professionellen Bedingungen zu schaffen. die das deutsche Eishockey an den Standard im Ostblock, Schweden und Amerika herangeführt hätten.
Auch Entwicklungs-Helfer aus den Eishockey-Hochburgen der Welt, wie die früheren Bundestrainer Vic Heyliger aus den USA und Ed Reigle aus Kanada, brachen auf dem deutschen Eis ein. Von den vorwiegend bayrischen Nationalspielern wurden sie nur mühsam verstanden.
Erst als in Düsseldorf und Berlin, in Krefeld und Köln Eishockey-Hallen entstanden oder ausgebaut worden waren, verlagerte sich das Schwergewicht. Die Stadtklubs nehmen pro Spiel 100 000 Mark und mehr ein, erhalten beträchtliche Beihilfen aus Steuergeldern und können mit Millionen-Etats arbeiten.
Erfolgreiche Spieler kassieren heimlich Handgelder um 50 000 Mark und fischen aus verschiedenen Kanälen etwa 5000 Mark monatlich. Überdies bieten die Großstädte auch berufliche Chancen, Deshalb wanderten viele der besten bayrischen Spieler ab.
Aus Bayern zog es auch den Nationalspieler Xaver Unsinn nach Norden. Achtmal war er mit dem EV Füssen Deutscher Meister geworden; dann führte er seine Karriere als Trainer fort.
Zuerst in Düsseldorf, dann beim Berliner SC fand und entwickelte er Bedingungen, unter denen gutbezahlte Stars mit angeworbenen Skandinaviern zu Meistermannschaften zusammenwuchsen. 1974 wurde er Bundestrainer, ohne die Vereinsarbeit beim BSC aufzugeben. Aus seinen BSC-Meistern bildete er den Stamm des Olympia- und WM-Aufgebots.
Der durchschlagskräftigste Stürmer spielt allerdings für den EV Landshut. Erich Kühnhackl, 25, und 1,94 Meter groß, wirft, in voller Montur mehr als zwei Zentner in jeden Zweikampf auf dem Eis. Er war mit neun Jahren in der CSSR bei einem Schüler-Turnier entdeckt worden und mit seinen Eltern nach dem sowjetischen Einmarsch emigriert. In Klub und Nationalmannschaft machte er schnell Karriere. Inzwischen trat er schon in 84 Länderspielen auf.
Systematisch erhöhte Unsinn die Anforderungen an den Nationalkader um Kühnhackl. "Nur wer diese Tretmühle übersteht, ist auch olympiareif", verteidigte er die Zahl von 36 Meisterschafts- und drei Länderspielen in 18 Wochen vor Innsbruck. Nach dem Olympia-Erfolg forderte Unsinn: "Wir haben einen enormen Nachholbedarf, was körperliches Spiel anbelangt."
Wie vorher schon die sowjetischen Weltmeister, bezogen die Bundesdeutschen Nachhilfe-Unterricht im Rempeln und Rüpeln in den USA und Kanada, deren Spielweise besondere Rauhbeinigkeit prägt. Mit vier Siegen bei nur zwei Niederlagen in neun Spielen bestanden die Deutschen die Härteprobe. US-Manager versuchten Unsinn -- vergebens -- als Talentfahnder für Europa zu verpflichten. Unsinn: "Das nehme ich als Image-Aufbesserung für das deutsche Eishockey."
Aber das einträglichste Angebot erhielt Kühnhackl von den Toronto Taros: pro Saison 203 000 Mark, dazu 1650 Mark pro Spiel und 2540 Mark für jedes Tor. "Soviel wie dort in einem Jahr habe ich hier zusammen noch nicht verdient", rechnete Kühnhackl aus.
Doch bis nach der Weltmeisterschaft stellte er alle Pläne zurück. "Nach Kattowitz", gibt er zu bedenken, "ist alles offen."

DER SPIEGEL 15/1976
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