05.04.1976

Theater: Verschwender an der Wiener Burg

Zum 200jährigen Jubiläum ist das Wiener Burgtheater, die traditionsreichste Bühne deutscher Zunge, in einer schweren Krise: Ein Bericht des Rechnungshofes enthüllt Verschwendung und Mißmanagement, für die Lokalpresse hat die Burg eine Beliebtheit „zwischen Pest und Cholera“. Die Regierung verheißt eine Aktion „Sauberer Tisch“.
Den größten Auftritt gönnt das Wiener Burgtheater seinen Mimen, wenn sie tot sind. Dann werden sie, geleitet vom vielköpfigen Ensemble, feierlich ums Gehäuse ihres Wirkens getragen, und an der Ringstraße steht ganz Wien und weint.
"Purpurschmiere" hieß der Burg-Schauspieler Raoul Aslan liebevoll das goldstrotzende Haus, an dem er ein Star war und berühmt für seine Text-Hänger. Keine andere Bühne, so weit die deutsche Zunge reicht, ist mit Tradition beladen wie die Wiener Burg; keine andere freilich kennt auch eine ähnliche Historie aus theatralischen Sternstunden und greulichster Schlamperei, aus Krisen und Krächen, hemmungsloser Verehrung und giftigem Hohn.
Schon die Gründung war eine Katastrophen-Übung. Den Burg-Vorläufer, das "Königliche Theater nächst der Burg" der Kaiserin Maria Theresia, hatten private Pächter mehrfach in die Pleite dirigiert. Schließlich übernahm der Kaiserin-Sohn Joseph II. die Regie, und am 8. April 1776 eröffnete er das "Hof- und National-Theater", das, obgleich es 1888 in das jetzige Haus am Ring übersiedelte, immer noch Burgtheater heißt.
Am 8. April 1976 hatten nun die Wiener das 200jährige Jubiläum ihrer
* Als Richard II.
Burg feiern wollen. Doch der Staatsakt mußte vorgezogen werden, auf den vergangenen Sonntag: Festredner Bundespräsident Kirchschläger war, weil zu spät geladen, für den Jubiläums-Tag schon ausgebucht.
Aber zum 200. Geburtstag will sowieso keine Jubelstimmung aufkommen; statt Gratulationen hagelt es Beschimpfungen. Die Burg steckt in ihrer tiefsten Krise.
Just zu ihrem Festtag, spottet etwa die Wiener "Wochenpresse", habe die Burg einen Beliebtheitsgrad "irgendwo zwischen Pest und Cholera" erreicht. Kritiker erörtern gar, ob es nicht an der Zeit sei, die unfruchtbar gewordene Theaterkuh zu schlachten.
Der teure Musenschrein ist den Österreichern allzu teuer geworden; die Bilanz der Saison 1974/75 traf sie wie ein Schock. Denn innerhalb eines halben Jahrzehnts stieg der Gesamtaufwand für die Bundestheater -- Burg und Burg-Dependance Akademietheater, Staatsoper und Volksoper -- um beängstigende 69 Prozent: auf rund 135 Millionen Mark. Sie verschlingen nahezu ein halbes Prozent des Staatsbudgets -- weit mehr als Österreichs gesamtes diplomatisches Korps.
Dazu zerstörte die Bilanz eine gern gehegte Vorstellung: die vom bescheidenen Burgtheater und der verschwenderischen Oper. 1974 betrugen die Ausgaben für die Oper rund 53 Millionen Mark; für die Burg (mit Akademietheater): 31,5 MillionenMark. Der Schock schlug in Empörung um, als kurz vor den Jubeltagen durchsickerte, wie mit dem vielen Geld gewirtschaftet wird. Ein Bericht des Rechnungshofes, der offiziell erst im Sommer erscheinen sollte, enthüllte geradezu barocke Verschwender-Lust.
So hat sich die Zahl der Höchstbezahlten unter den 103 Festengagierten des Burg-Ensembles in jüngster Zeit verdoppelt; derzeit beziehen 20 Herren und Damen je 14mal im Jahr rund 6000 Mark -- und gehen die meiste Zeit spazieren: Im Durchschnitt spielen sie nur 45mal pro Jahr.
Viele noch weniger. Paula Wessely etwa brachte es in den beiden Spielzeiten 1973/74 und 1974/75 zusammen auf nur 46 Auftritte, Klaus Maria Brandauer auf 42, Heinz Reincke auf 70, Inge Konradi auf 59. In der letzten Saison wurde Frau Konradi überhaupt nicht beschäftigt. Dafür zogen gleichfalls hochbezahlte Gäste ein.
Bevorzugte Ensemble-Mitglieder überstiegen die Höchstgage: so Michael Heltau. Eine vertrauliche Aktennotiz hält fest, mit Herrn Heltau werde "vereinbart, daß er zwar bis Ende der Saison seine volle Gage erhält, aber Mitte Mai bereits auf Urlaub gehen kann": als Heltau im Mai und Juni weiterspielte, bekam er 8000 Mark Zusatzgage.
Ähnliche Prinzipien gelten bei den Regisseuren. So genießt der ehemalige Burg-Direktor Adolf Rott einen Vertrag, der ihn zwischen 1972 und 1976 zu vier Inszenierungen verpflichtet. Dafür kassierte er bisher 76 000 Mark -- ohne auch nur eine Regie zu machen. Andere arbeiteten verschwenderisch. Für seine Inszenierung "Die Trilogie der Sommerfrische" wünschte sich Giorgio Strehler Kostüme aus 50 Jahre altem Taft; der auf dem Pariser Flohmarkt erworbene Stoff war nach zwei Tagen hin.
Noch kurioser liest sich der Katalog gewährter Sonderrechte. Groteskestes Beispiel: Die Burg-Doyenne und Romy-Schneider-Oma Rosa Albach-Retty, 101, bezieht weiterhin ihre Aktiv-Bezüge (47 700 Mark jährlich), obwohl sie 1958 zum letzten Mal auf der Bühne stand.
Österreichische Zeitungen witterten woher der Fisch stinkt: "vom Kopf" ("Profil"). Deshalb interessierten sie sich eifrig für die Hauptverantwortlichen -- den bisherigen Burgtheater-Direktor Gerhard Klingenberg (demnächst Chef des Zürcher Schauspielhauses) und den Bundestheater-Generalsekretär Robert Jungbluth.
Der "manische Chaotiker Klingenberg" ("Profil") bewies zumindest beim Griff in den Staatssäckel schöpferisches Talent. Was er als Theater-Chef (Monatsgage: 7000 Mark) zuwenig verdiente, holte er sich als Regisseur im eigenen Hause. So zahlte er sich für die Inszenierung des "Anatol" rund 60 000 Mark; international gelten bereits 30 000 Mark als gut bedient.
Generalsekretär Jungbluth, ehemals Boxkampf-Manager, wußte sich von vornherein weich zu polstern. Ein 15-Jahre-Vertrag zementiert ihn bis 1986 in der Spitzenposition. Sein Amtszimmer verschönte Jungbluth durch Investitionen von rund 40 000 Mark; in die Möblierung, "einschließlich eines Wandverbaus samt Plattenspieler mit Verstärker und einem Fernsehapparat" (Rechnungshof), flossen fast 25 000 Mark. Und obwohl mit Dienstwagen ausgerüstet, verstand es Jungbluth, sein Monatsgehalt (rund 12 000 Mark) durch saftige Kilometergeld-Pauschalen aufzubessern.
Eine Delikatesse, die der Rechnungshof offenbar nicht herausfand: Jungbluth agiert zugleich als Geschäftsführer von drei Bühnen-Verlagen, deren Stücke -- darunter Feydeaus "Wie man Hasen jagt" -- das Repertoire der Burg mehr und mehr erobern.
Von der Burg-Saison 1974/75 etwa strichen Jungbluths Verlage 80 000 Mark an Tantiemen ein -- 17 Prozent des Burg-Ausstoßes. Februar/März 1976 gingen die Tantiemen für annähernd ein Drittel aller Burg-Aufführungen an Jungbluths Imperium.
Angesichts solchen Balkan-Schlendrians kündigte Unterrichtsminister Fred Sinowatz für diesen Herbst eine Aktion "Sauberer Tisch" an. Als günstig wertet man in Wien, daß die Aktion mit dem Antritt des neuen Burg-Direktors Achim Henning, einem geborenen Magdeburger, zusammenfällt. Benning übernimmt sein Amt freilich mit gebremsten Illusionen.
"Das Theater", spricht er, "ist in unserer Zeit eine fragwürdige Institution geworden, insbesondere das große Staatstheater." Und ahnungsvoll: "Die fragwürdigste Funktion ist zweifellos die des Theaterdirektors."

DER SPIEGEL 15/1976
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