05.04.1976

FILMOskar ging zum Kuckuck

In Hollywood wurden die Oscars verliehen -- aber der Glamour reicht nur noch für das Ritual einer Nacht.
Die Menge schrie hysterisch auf, als Jack Nicholson im schwarzen Fleetwood vor dem Pavillon des Music Center in Los Angeles vorfuhr. Es war jenes auf den Magen schlagende Gekreisch, wie es nur Tausende minderjährige Mädchenkehlen produzieren können. Hinter den Barrieren war kaum einer über dreißig, kaum einer farbig. Die Filmfreaks nahmen die Toupet-Silikon-Polyester-Parade ab. Als Isabelle Adjani, eine einsame Gestalt verängstigter Lebendigkeit, an ihnen vorbeiging, luden sie stumm und hektisch ihre Instamatics, denn hinter ihr trat Liz Taylor auf, um im Hagel der Blitze zu baden.
Oscarnacht in Hollywood.
1973 lehnte Marion Brando die Auszeichnung ab, vor zwei Jahren sprang ein Blitzer über die Bühne, im vorigen Jahr schockte der Dokumentarfilmproduzent Bert Schneider mit einem Grußtelegramm des Vietcong, doch heuer, zum Geburtstag der Nation, beschmutzte keiner das Kuckucksnest. So hoch klang das Lied auf den American Dream, das Liz Taylor am Ende der Show anstimmte, daß man bei dieser patriotischen Produktwerbung fast glauben möchte, Hollywood handle im Verfassungsauftrag.
Wenn die Gewinner nach vorne hasten, um ihre verbalen Ready-mades abzuliefern ("Ich danke den Mitgliedern der Academy, ich danke meinem Produzenten, Regisseur, Studio und vor allem danke ich Mom and Dad, ohne die ich nicht hier stände"), und sie die Hundert-Dollar-Statue abholen, dann ist zumindest für sie einer jener Träume wahr geworden, von deren Verbreitung Hollywood zu leben glaubt.
Doch der Glamour, den es verleiht, schmückt längst nicht mehr die Ideale Amerikas, sondern seine Krankheiten; die Helden von heute sind Psychopathen ("Kuckucksnest"), geborene und gebrandmarkte Verlierer ("Hundstage"), der menschliche Abfall des Show-Business ("Nashville"). Das Publikum jubelt ihnen zu, weil es seine Gebrechen wiedererkennt. Wer will schon noch wie Clark Gable sein, wenn Al Pacino einer von ihnen ist.
Oscarnacht ist eine Familienfeier, also verlogen und von falscher Friedlichkeit. Was mag sich zum Beispiel Kirk Douglas gedacht haben beim Anblick der fünf Oscars, die ins "Kuckucksnest" flogen (bester männlicher, bester weiblicher Hauptdarsteller, bestes Drehbuch nach einer Vorlage, beste Regie, bester Film). Vor 14 Jahren hatte er die Rechte an Ken Keseys Buch gekauft, doch kein Studio wollte ihm diese Geschichte produzieren. Entmutigt gab er die Rechte seinem Sohn Michael weiter, der sich mit einem Außenseiter zusammentat, Saul Zaentz, dem Besitzer der Plattenfirma Fantasy Records. Zaentz, obwohl mit seinem ersten Film "Payday" in die roten Zahlen geraten, ging trotzdem ohne
* Nach Oscar-Verleihung in Los Angeles 1976.
Studiounterstützung ins volle Risiko, engagierte den Exiltschechen Milos Forman als Regisseur und gewann Nicholson für die Hauptrolle. Auf seinem Rücken ritten sie in die Studios. United Artists übernahm den Film und vermietet ihn nun seit dem Oscarsegen mit 70 Prozent Verleiheranteil statt der bisher üblichen 50, ein absolutes Novum in der Geschichte der Oscarausbeutung, das seine Nachahmer finden wird.
Profit hat er schon immer bedeutet, der Muskelprotz mit Schwert und Glatze, seit er 1929 erstmals über Mythen, Mädchen und Moneten strahlte. Die Branche rechnet mit einem Plus von 15 bis 20 Prozent der Einnahmen für einen der großen Oscars (Darsteller, Regie, bester Film). Kein Wunder also, daß die Studios alles versuchen, ihren Film durchzubringen.
Auf die Nominierung durch die Academy of Motion Picture Arts and Science versuchen die Studios mit Sandervorführungen, Banketts, Partys, Geschenken und kostspieligen Anzeigenkampagnen in den beiden Branchenblättern "Daily Variety" und "Hollywood Reporter" Einfluß zu nehmen. Die Wirkung ist umstritten. Aber die gigantische Anzeigenkampagne für "Kuckucksnest" (so prangte am Sunset Boulevard eine überdimensionale Plakatwand mit Jack Nicholson) hat sicher mit dafür gesorgt, daß er nicht zum fünften Mal leer ausging.
Die zweite Werbekampagne startet, wenn die Nominierungen feststehen. Alle Mitglieder der Academy werden zum zweiten Mal mit Schallplatten, Büchern und Anzeigen auf den richtigen Weg gelenkt, und das Party-Karussell rotiert erneut, wobei die großen Salondamen und Klatschspalten-Amazonen später stolz für sich in Anspruch nehmen, diesen oder jenen Oscar gemacht oder zerstört zu haben, was alle in dieser hysterischen Gemeinde dazu zwingt. sich gut mit ihnen zu stellen. Al Pacino war dieses Jahr persona non grata. Er bedankte sich, indem er fernblieb.
Hollywood geht es so gut, daß sich manche nun schon wieder aufs Eis wagen: Steve McQueen etwa verlangte für zwei Wochen Drehzeit in Coppolas neuem Film "Apocalypse Now" drei Millionen Dollar. Zwar besetzte Coppola um, aber derartige Summen stehen im Raum, weil Hollywood stets in Zeiten der Prosperität in einen Rausch von Megalomanie verfällt.
Doch der Kunststoff, aus dem die Träume sind, hat längst nicht mehr die gepflegten Kitschfarben von Mary Pickfords sagenumwobenem Pickfair, wo sie, nunmehr 83, in einem gespenstischen Auftritt einen Ehrenoscar entgegennahm. Er ist schäbig, abgewetzt und zerschlissen wie die Sitze von de Niros Taxi in Martin Scorseses Film "Taxi Driver", dem derzeit größten Kassenrenner. Der Glamour ist nur noch das Ritual einer Nacht.

DER SPIEGEL 15/1976
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