05.04.1976

Rolf Becker über Martin Walser: „Jenseits der Liebe“Der Sturz des Franz Horn

Zweierlei erschwert mir den Versuch, Martin Walsers neuem Buch rezensierend gerecht zu werden: die noch nicht sehr lang zurückliegende und nicht so rasch zu vergessende Lektüre von Joseph Hellers Roman "Was geschah mit Slocum?" und der Radikalverriß, den Marcel Reich-Ranicki dem Walser-Buch vor einer Woche in der "FAZ" angetan hat.
Die Erinnerung an Hellers großen, großartig bösen New Yorker Angestellten-Roman könnte Walsers kleinen Ravensburger Angestellten-Roman ungerecht noch verkleinern. Die garstig apodiktische Art, in der Reich-Ranicki Walsers Buch jeden literarischen Wert abspricht ("Es lohnt sich nicht, auch nur eine einzige Seite zu lesen") -- diese befremdlich maßlose und eben dadurch wenig überzeugende Verurteilung könnte mich dazu bringen, das Buch über Gebühr zu schätzen.
Walser erzählt, was er immer wieder erzählt: die Geschichte eines vom Leistungszwang Gepeinigten, eines in Konkurrenz Unterliegenden, die Krankengeschichte eines an der (kapitalistischen, sagt Walser) Gesellschaft und (nur durch sie?, vor allem durch sie?) an sich selbst leidenden, mal mehr, mal weniger intellektuellen Kleinbürgers. Und er erzählt, wie er immer wieder erzählt: mit melancholischem Sarkasmus, mit einer Art aggressivem Galgenhumor und gelegentlichem Salto ins Satirisch-Groteske.
Kein ganz neuer Walser also, wenn auch nicht ganz der alte -- kein Grund zur Aufregung jedenfalls, weder so noch so.
Franz Horn, der Held von "Jenseits der Liebe", ist ein "Überforderter" wie jener Walser-Protagonist, der an der "Gallistl'schen Krankheit" litt, und wie, am Ende, auch der "Halbzeit"-, "Einhorn" und "Sturz"-Held Anselm Kristlein einer war. Dem Vertreter, dem Verkäufer Kristlein machte zu schaffen, "kein so entschiedener Mensch" zu sein; dem alternden Vertreter und Verkäufer Horn wird "Entscheidungsunfähigkeit" bescheinigt. Horn trägt an seiner Familie ("Kinder sind Geiseln in den Händen der Welt"), wie Kristlein an der seinen trug. Er hungert nach Sympathie und ist sich selbst zuwider wie, anfangs, der Josef Georg Gallistl.
Anders als sonst jedoch will Walser seinen Helden von der traurig-komischen Gestalt diesmal einmal nicht als (Auch-)Intellektuellen sehen: Der Angestellte Horn "hielt es für den größten Nachteil, daß er keine Gelegenheit hatte, sich auszudrücken". (Allerdings ist er gelegentlich dann doch so gebildet, sich zu wünschen, er möge "sofort aussehen wie Hugo Wolf oder Alban Berg".)
Franz Horn, Mitte Vierzig, war jahrelang die rechte Hand des Ravensburger Zahnersatz-Fabrikanten Arthur Thiele. Vor einiger Zeit, die Gründer- und Aufbaujahre sind vorbei, andere Qualifikationen gefragt, ist er aus jener Vorzugsposition verdrängt worden: durch einen "Volljuristen", Dr. Horst Liszt" fünfzehn Jahre jünger.
Mit Horn geht"s bergab -- in Entfremdung, Depression, neurotische Selbstisolation ("Der Schwache ist am stärksten allein"). In der Firma getreten, tritt er daheim die Familie, trennt sich von ihr. Dem von Berufsglück und Chefgunst Verlassenen verdorrt die eigene Liebesfähigkeit.
Dabei ist es nicht Brutalität, was ihn kaputtmacht -- erdrückt wird er unter der scheinbar bekümmerten Freundlichkeit, unter der Humanheuchelei, mit der Chef und Rivale seinen Abstieg salben und sich selbst das patentmenschliche Image bewahren: "Liszt hatte einmal gesagt, je mehr Erfolg Horn haben werde, desto glücklicher werde er, Liszt, in dieser Firma sein, weil mit einem erfolgreichen Kollegen viel besser zu leben sei als mit einem erfolglosen So wie Horn gebaut ist, sieht er nur zu bereitwillig die eigene "Nichtswürdigkeit" und die (auch moralische) Überlegenheit der anderen ein, staut er seine Wut immerzu nach innen, gegen sich selbst, Haß und Revolte gestattet er sich nur im Traum -- und findet sich darob nur um so häßlicher.
In der bitteren Komik solcher Selbstentwertung -- etwa: Horn, der Sexualinvalide, fühlt sich in der Bewunderung für die erotischen "Frühlingsausbrüche" seines potenten Chefs entschädigt -, in derlei psychologischen Ironien leistet Walser sein Bestes.
Eine Dienstreise nach England wird zum Fiasko: Horn bringt es nicht fertig, dem britischen Geschäftspartner der Firma, einem alternden Verlierer gleich ihm, härtere Lizenzbedingungen aufzuzwingen, ja nicht einmal, ihm davon zu sprechen. Erfolglos wie noch nie kehrt er zurück, verachtet sich selber tiefer denn je, ist in dieser abgründigsten Selbstverachtung endlich mit sich im reinen und schluckt drei Röhrchen Schlaftabletten. Ironisch-konsequente Pointe: Auch der Selbstmordversuch mißlingt dem "Vollversager".
Eine Geschichte, eine Erzählung eher als ein Roman; eine Erzählung mit exemplarischem Anspruch und Zuschnitt gewiß, aber ohne allzu aufdringliche Betonung des Beispielhaften.
Mir gefällt, daß und wie Walser sich hier kurz faßt und seine Geschichte zügig macht; daß er seine bekannt-brillante Suada, seinen Hang zur Verbalausschweifung bremst, ohne doch die Erzählung so zu skelettieren wie im Fall Gallistl. Mir gefällt, daß Horn ein etwas stärker objektivierter Walser-Held ist, etwas weniger Walser-Maske als die früheren ich-kranken Figuranten des Autors.
Mir gefallen nicht die Symbol-Spielereien: bewegungslose Spinne, verendende Fliege, zerspringende Uhr. Mir behagt nicht der an einigen Stellen denn doch etwas zu flott karikaturistische Strich, mit dem Horns Gegenspieler Liszt nebst "Gattin" gezeichnet sind. Und mich stören ein paar Klischees: Bei einem Schriftsteller wie Walser müßte, beispielsweise, eine Sekretärin nicht durch das notorische Fingernägellackieren markiert werden. Kleinigkeiten.
"Jenseits der Liebe", befindet Reich-Ranicki, sei ein "belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman", lauter "Müll", ein Buch "jenseits der Literatur". Dies über ein Buch, in dem der Autor ein wahrhaftig nicht belangloses Thema mit doch einigermaßen beachtlichen Mitteln, mit Ernst und Witz in Form zu bringen versteht?
Der Erzähler Walser formuliert individual- und sozialpsychische Befindlichkeiten, Strategien des Lustgewinns und -verzichts, der Herrschaft, Anpassung und Unterwerfung -- etwa in Familien, etwa unter Kollegen -- so intelligent und konzentriert wie eh. Er will darstellen, am Beispiel Franz Horns, was Verinnerlichung von Leistungsdiktat und Erfolgsgebot anrichten und in welchen tragikomischen Spielarten Liebesentzug erlitten werden kann. Und er kommt dabei, schaut man sich um in deutscher Gegenwartsliteratur, wenn auch nicht ans Ziel aller literaturpäpstlichen Wünsche, so doch ganz schön weit. Welcher Kollege, welcher Angestellte mag widersprechen?
"Jenseits der Literatur"? Der dies schrieb, blieb damit, meine ich, nur knapp diesseits der Literaturkritik.

DER SPIEGEL 15/1976
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