05.04.1976

PHILOSOPHIEEtwas unfair

Ein Gelehrten-Kongreß in München verdächtigte die Philosophen des Starnberger Max-Planck-Instituts, die Wissenschaften politisch steuern zu wollen.
Sensibilisieren, motivieren, frustrieren, problematisieren, repressieren. Die Sozial- und Humanwissenschaften haben in den letzten Jahren viele solche Wortblasen ausgestoßen. Den Jedermännern verursachten sie Gänsehaut. manchmal sogar zu Recht.
Jetzt gab es wieder einmal Alarm. Der Wissenschaft, der heiligen Kuh also der Moderne, drohe "Finalisierung" und Zerstörung ihrer Freiheit, stand in der Tagespresse zu lesen -- und noch Schlimmeres: Am lieblichen Starnberger See, genauer: in dem dort ansässigen "Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt" habe sich, hieß es da, unter der Obhut der vergleichsweise respektablen Philosophie-Professoren Carl Friedrich von Weizsäcker und Jürgen Habermas eine Gruppe von Wissenschaftlern eingenistet, die sich "Finitisten" nennen und nichts Geringeres im Schilde führen. als der Wissenschaft ein schreckliches Schicksal zu bereiten, nämlich eben das der "Finalisierung".
Welcher Art dieses Schicksal ist, legt das Wort nahe. Finis heißt im Lateinischen sowohl Ende als auch Zweck. "Finalisierung" bedeutet danach also, wenn nicht gar das Abmurksen der Wissenschaft überhaupt, auf jeden Fall jedoch, daß sie fortan nach (politischen) Zwecken gesteuert werden soll. wie es die Marxisten seit langem fordern und des öfteren praktizieren.
Den Anstoß zu dem Finalisierungs-Spektakel hat ein Kongreß gegeben, der Ende März im Münchner "Hilton" zu Ende ging. Veranstalter war ein von der Thyssen-Stiftung finanzierter Arbeitskreis "Wissenschaftsforschung in der Bundesrepublik".
An die zwanzig Philosophen und Soziologen nahmen an dem Kongreß teil. Geleitet wurde er von dem aus fürstlichem Hause stammenden Rektor der Universität München und Politikwissenschaftler Professor Nikolaus Lobkowicz. Offizieller Titel der Veranstaltung: "Gefährdete Wissenschaft".
Daß die Unabhängigkeit der Wissenschaft, zumal die der wirtschaftlich oder militärisch oder politisch verwendbaren Forschung, zu allen Zeiten Steuerungsversuchen ausgesetzt war, ist eine Binsenwahrheit. Daß dieserart Forschung heute noch mehr als früher steuerungsanfällig ist, erklärt sich vorwiegend daraus, daß sie
* sehr oft kostspieliger ist als früher und deshalb mehr öffentliche Gelder beansprucht,
* Produkte ermöglicht, die umwelt- oder gar menschheitsgefährdend (Stichwort: A-Bombe) sind.
Von den rund 60 000 Hochschullehrern der Bundesrepublik stellen alljährlich rund 10 000 einen Antrag auf Förderung eines Forschungsvorhabens aus öffentlichen (Bundes-, Länder-, Stiftungs- oder Wirtschafts-) Mitteln. Allein dies macht deutlich, daß gesteuert ("finalisiert") werden muß -- und zwar auch von politischen Instanzen und mithin auch unter politischen Gesichtspunkten. In der Ministerial-Sprache ausgedrückt: Es müßten "Kriterien" formuliert werden, damit man "Prioritäten setzen" kann für das, was vorrangig, und das, was minder förderungswürdig oder minder dringlich ist.
An dieser Problematik arbeiten seit einigen Jahren unter Oberaufsicht Weizsäckers drei junge Starnberger Gelehrte -- Böhme, van der Daele und Krohn mit Namen -, denen inzwischen der Ruch und Ruf zugefallen ist, finitistische (und marxistische) Wissenschafts-Knebeler zu sein.
Hauptgegenstand ihrer vorwiegend auf Forscher-Interviews basierenden Arbeit ist die Frage, ob Wissenschaft sich überhaupt steuern läßt. Zu diesem Zweck haben sie, in Anlehnung an die amerikanische Wissenschafts-Wissenschaft, ein Drei-Phasen-Modell entworfen, das beschreiben soll, wie normalerweise die "Lebenskurve" einer wissenschaftlichen Disziplin verläuft.
In äußerster Verkürzung besagt dieses (ausdrücklich nur auf die Naturwissenschaften anwendbare) Modell, daß
* die erste Phase in der Sammlung von Fakten und Daten,
* die zweite im Entwerfen von Theorien und
* die dritte in der Entwicklung von Anwendungsmöglichkeiten besteht.
Nach Ansicht der Starnberger ist Wissenschaft, sofern sie sich in der ersten oder zweiten Phase befindet, nicht steuerbar, wohl aber in der dritten. Über die eigentlich heiße Frage -- nämlich nach welchen Kriterien eine naturwissenschaftliche Disziplin, die sich in der dritten Phase befindet, gesteuert werden soll -- sind sich die jungen Gelehrten, wie van der Daele gesteht, jedoch noch nicht im klaren.
Was immer man von dem Modell der "Finitisten" hält -- einen herostratischen Eindruck macht es nicht. So waren denn auch die beiden Chefs der Starnberger Gedanken-Plantage, Weizsäcker und Habermas, ziemlich ratlos, als sie Anfang letzter Woche danach gefragt wurden, wieso jener im nachbarlichen München stattgefundene Kongreß so unversehens einen Sturm über sie heraufbeschwören konnte.
In der "Welt" hatte es geheißen, daß es "den Starnbergern" schwerfallen dürfte, "in Zukunft unter Wissenschaftlern noch ernst genommen zu werden". In dem Kongreß-Bericht der "Süddeutschen" war sogar von "den potenten Verfechtern einer "Endlösung' des Wissenschaftsproblems" die Rede. Ob man sich wohl, fragte Habermas, über das "professionelle Risiko" im klaren sei, das man mit solchen "Parolen" für seine jungen Kollegen verursache. Nur der alte "Affekt von Wissenschaftlern gegen Wissenschaftssteuerung" erkläre solche Ausfälle, meinte Weizsäcker.
Inzwischen ist auch den Veranstaltern des Münchner Kongresses nicht mehr ganz wohl angesichts ihres Presse-Echos. Doch schuldlos sind sie daran keineswegs. In vielen Vorträgen klang eben doch, obwohl Kongreß-Leiter Lobkowicz ausdrücklich davor gewarnt hatte, durch, daß Jürgen Habermas derjenige sei, der die heutige Wissenschaft der "Interessen"-Bindung verdächtige und deshalb ihre endgültige "Finalisierung" betreibe.
Die Arbeitsgruppe "Wissenschaftsforschung in der Bundesrepublik" will im Sommer die auf dem Münchner Kongreß gehaltenen Vorträge veröffentlichen -- freilich in gereinigter Form. Sie ohne Korrekturen publik zu machen, wäre wohl "etwas unfair", meint Lobkowicz.

DER SPIEGEL 15/1976
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