05.04.1976

MEDIZINAngst essen Seele auf

Kleinkinder sollen -- um psychische Spätschäden zu verhindern -- euch im Krankenhaus von ihren Müttern betreut werden.
Babys werden im Krankenhaus erst richtig krank. Der 18 Monate alte Donald etwa, zur Begradigung seiner O-Beine in die Orthopädische Uni-Klinik in Frankfurt aufgenommen, weinte und schrie in der ungewohnten Umgebung so verzweifelt, daß er sich einen Leistenbruch und eine Lungenentzündung zuzog. Die vorgesehene Operation mußte unterbleiben. Nach Wochen wurde Donald entlassen -- körperlich kuriert (bis auf die O-Beine), aber seelisch krank.
Von den rund 600 000 Patienten im Alter zwischen acht Monaten und vier Jahren, die jährlich in bundesdeutsche Kinderkliniken oder pädiatrische Abteilungen eingeliefert werden, reagieren 80 Prozent wie Klein Donald auf die Krankenhaussituation. Die seelischen Auswirkungen des Klinikaufenthalts hei dieser Altersgruppe reichen von Verhaltensstörungen, Angstträumen, übergroßer Anhänglichkeit, Appetitlosigkeit und Aggressionen bis zum Erbrechen, Bettnässen oder Bronchialasthma. Hauptgrund für diese "Hospitalismus"-Schäden: Die Kleinen können eine längere Trennung von der Mutter nicht verwinden.
Kinderpsychiater und Entwicklungspsychologen, vor allem die beiden Engländer John Bowlby und James Robertson, wiesen schon in den fünfziger Jahren auf das "Verlassenheitsssyndrom" hin.
Die Trennungsangst im Alter bis zu vier Jahren. warnt auch Professor Gerd Biermann, Leiter des Instituts für Psychohygiene in Brühl, sei als "Grundlage aller Ängste im weiteren Leben des Menschen" ein "Gefahrensignal". Die Mediziner fordern daher das sogenannte "Roommg-in", die Mitaufnahme der Mütter in den Kinderabteilungen der Krankenhäuser oder zumindest eine unbeschränkte Besuchszeit.
Vor Ende des dritten Lebensjahres, so haben Kenner der kindlichen Psyche erkannt, können Kinder noch nicht verstehen, warum sie von ihren Eltern unter fremden, weißgekleideten Menschen alleingelassen werden, die an ihrem Körper herumhantieren und ihnen oft -- freilich unvermeidliche -- Schmerzen zufügen.
Die Kinder empfinden die Trennung von der Mutter als Schock und existentielle Enttäuschung, auf die sie zuerst mit Protest, dann mit Verzweiflung und schließlich mit Depressionen und scheinbarer ("regressiver") Anpassung reagieren: Nach tagelangem Toben stellen sie plötzlich das Weinen ein und liegen apathisch in ihren Gitterbetten.
Für viele skandinavische oder englische Mütter ist das "Rooming-in" längst eine Selbstverständlichkeit. Schon 1959 hatte beispielsweise das britische Gesundheitsministerium empfohlen, daß jedes Krankenhaus die Voraussetzungen zu schaffen habe, Kinder mit ihren Müttern aufzunehmen und eine unbeschränkte Besuchszeit einzuführen.
In zwei amerikanischen Universitätskliniken (Kentucky und Indiana) ebenso wie in schwedischen Kliniken werden derzeit Kinder, die nicht unbedingt intensiver Pflege (etwa unmittelbar nach Operationen) bedürfen, in sogenannten "Parent-Care-Pavillons", die der Ambulanz des Hospitals angegliedert sind, versuchsweise sogar ausschließlich von ihren Eltern gepflegt.
Die Bundesrepublik hingegen ist auf diesem Sektor der Pädiatrie immer noch Entwicklungsland. Zwar fordert auch hier schon seit 1968 ein mittlerweile in 32 Initiativgruppen arbeitendes Aktionskomitee "Kind im Krankenhaus" gleiches Recht auch für deutsche Eltern.
Aber von insgesamt 450 Kinderkrankenhäusern in der Bundesrepublik tolerieren bis heute erst 170 tägliche Besuche der Eltern, und nur 60 finden sich bereit, Mütter mit aufzunehmen, davon 44 nur in Ausnahmefällen. Die übrigen sperren sich gegen den unerwünschten Wirbel im eingefahrenen Krankenhausbetrieb. Platzmangel, erhöhte Infektionsgefahr und die zusätzliche Belastung von Ärzten und Pflegepersonal durch informationshungrige Eltern sind ihre Gegenargumente.
Die meisten "Rooming-in"-Erfahrungen in der Bundesrepublik hat das 1965 eröffnete Harlachinger Krankenhaus in München, dem durch Stadtratsbeschluß unbegrenzte Besuchszeit und Müttermitaufnahme einfach verordnet worden war. Über 2000 Mütter machten in der dortigen Kinderabteilung seit 1967 von der Möglichkeit Gebrauch, bei den Kindern zu bleiben -- das heißt, in fünf Prozent aller Kinderaufnahmen in diesem Zeitraum war die Bezugsperson dabei.
Doch der für die spätere Entwicklung so wichtige Dauerkontakt mit der Mutter ist, die Harlachinger Zahlen belegen es, vorerst noch ein finanzielles und ein soziales Privileg.
Auf der Harlachinger Privatstation liegen durchschnittlich 30 Prozent Mutterkinder, in der Allgemeinstation hingegen sind die Mütter nur bei fünf Prozent der eingelieferten Kinder dabei. "Privat"-Mütter, so beobachtete Professor Hans-Dietrich Pache, Chefarzt der Harlachinger Kinderabteilung, sind seltener berufstätig, zu Hause leichter abkömmlich und können die Kosten (pro Tag 32 Mark), die nur in besonders schweren Fällen als Kann-Leistung von den Kassen getragen werden, leichter aufbringen.
Zudem ist die Privatstation (Pflegesatz 175 Mark plus Arztkosten) meistens nur zur Hälfte belegt. Pache: "Hier muß keine Mutter wegen Platzmangels abgewiesen werden, in der Allgemeinstation kommt das schon vor."
Unter den Kindern auf der Allgemeinstation sind diejenigen am schlechtesten dran, bei denen auch noch Verständigungsprobleme die Isolation verstärken: die Gastarbeiterkinder. Sie, die mehr als die anderen auf die Mutter angewiesen sind, kommen kaum je in Begleitung ins Krankenhaus. Dorthin werden die Gastarbeiterkinder, so Pache, "oft schon mit wenig mehr als einem Schnupfen abgeschoben" und dem stummen Schrecken des Hospitalismus ausgesetzt, weil meist Mutter und Vater berufstätig sind: Angst essen Seele auf.

DER SPIEGEL 15/1976
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