05.04.1976

TOURISMUSKein Hai in Sicht

„Abenteuer“ verspricht der Reiseveranstalter Transeuropa seinen Karibik-Kunden. Doch die westindischen Inseln St. Lucia und Barbados bieten nur Sonne und Sand.
Im "Alten Mann und das Meer", ganz zu schweigen vom "Weißen Hai" kürzlich im Kino, war das alles viel spannender gewesen.
Da hatten sich nun die sieben Deutschen auf einer schlingernden, stampfenden "Lady Carib" einen geschlagenen Tag lang durch die hohe See vor Barbados schippern lassen, sie hatten sich mit grünen Gesichtern über die Reling gebeugt und zu guter Letzt auch noch ein paar halbwüchsige Barrakudas geangelt. Nur, vom "Tiger des Meeres" ließ sich nicht mal eine Flosse sehen.
Dabei waren sie doch mit einem "Gutschein für eine Haifisch-Jagd" an Bord gekommen. Mit einem mannhaften "Jagt den Hai!" hatte sie ihr Reiseveranstalter Transeuropa in die neun Jet-Stunden ferne Karibik gelockt und ihnen dort neben Sonne und Sand auch "Abenteuer", so einen richtigen "Erlebnisurlaub" eben, prophezeit.
Das aber war nun wirklich zuviel versprochen. Denn was immer die einst britischen Antilleninseln St. Lucia und Barbados, auf denen der Condor-Charter seit vergangenem Winter seine wöchentliche Urlauberfracht aus Frankfurt ablädt, an Tropentraum und Palmenglück auch bieten mögen: Das große exotische Aktiverlebnis ist es nicht. Und abenteuerlich sind lediglich die Preise, mit denen der Westindien-Fahrer zu kalkulieren hat.
Zwischen 1530 und 2950 Mark kosten, je nach Unterkunft und Reisezeit, zwei Halbpensions-Wochen auf Barbados bei Transeuropa. Für 2390 Mark und mehr offeriert TS beispielsweise 14 Tage im Steigenberger-Hotel "Cariblue" am Nordzipfel von St. Lucia.
Damit jedoch sind die Ferien im karibischen Paradies, das im Winter vorwiegend von kanadischen und US-amerikanischen Touristen-Herden heimgesucht wird, noch längst nicht bezahlt.
"Wer hier nicht mit dem Pfennig rechnen will", sagt Dieter Küppers, Manager des "Holiday Inn" auf St. Lucia, der müsse schon "den Katalogpreis mal zwei nehmen."
Dann erst kann er sich halbwegs gelassen das eine oder andere Vergnügen gönnen -- nicht nur das Extra-Dinner aus der Kreolenküche und den Drink an der Bar, sondern auch eine "Piratenfahrt" auf der "Jolly Roger" oder der "Rum Runner" die Küste entlang; den Erkundungstrip im Bus oder im gemieteten "Mini-Jeep" durchs landschaftlich nicht gerade überwältigende Barbados oder in die Regenwälder der schon weit reizvolleren Vulkaninsel St. Lucia; und den Flugzeughupfer hinüber auf die benachbarte "Gewürzinsel" Grenada oder aufs französische Martinique.
Doch diese Attraktionen sind bald absolviert. Der Rest ist komfortables Touristen-Getto mit der kleinen Badebucht vorm Hotel, mit säuselnden Palmen und rauschender Brandung, mit sommers wie winters blendender Sonne und gelegentlichen Regengüssen.
Und abends kommen dann der Feuerschlucker und die Limbo-Tänzer, die Steelband klimpert ihr "Island in the Sun", und gähnend rühren die Weitgereisten in ihrem Rumpunsch und träumen von den Weiten Ostafrikas und vom Ding-Dong in Bangkok, bevor sie sich zeitig zur vollklimatisierten Ruhe begeben.
Nein, sehr aufregend ist es nicht auf den Kleinen Antillen. Märchenhaft träge ist der Lebenstrott ihrer schwarzen Bewohner, und was sie ihren Gästen anempfehlen können, entspricht ganz ihrem Phlegma: nämlich Erholung durch Nichtstun.
Das freilich ist rund ums Jahr auf den viel näher gelegenen Kanarischen Inseln sehr viel billiger zu haben.

DER SPIEGEL 15/1976
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DER SPIEGEL 15/1976
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