05.04.1976

MAX ERNST

Der Künstler vom Rhein stand im Ruf eines "Erzhexenmeisters" (Andre Breton), seine Beziehung zu den Elementen schien ins Wunderbare zu reichen. Gern erzählte er etwa, daß ihm gleich nach Vollendung eines Bildes mit dem Schriftelement "Feuer" ein Brand in der Wohnung ausgebrochen sei. Und als er 1970 zu seiner großen Ausstellung nach Stuttgart kam, stellte er, im SPIEGEL-Gespräch, lächelnd ein "sanftes Erdbeben" in Aussicht. Drei Stunden später verzeichneten die Seismographen am Ort Erschütterungen der Stärke 5 bis 6.
Einem milden Beben, das "nur leicht die Möbel verrückt, ohne die ganze Ordnung umzustürzen", hat sich Max Ernst selber verglichen. Kaum merklich oft verschob, verfremdete er Form und Sinn, er fand verschlungene Mittelwege zwischen ironischer, ja wissenschaftlicher Intelligenz und traumwandlerischer Magie. Aber auch ohne Genie-Attitüde wurde er ein Gründervater der modernen Kunst, als einziger Deutscher gleichen Ranges mit Picasso und Marcel Duchamp.
Seine frühen Auftritte im Nachweltkriegs-Köln hatte der so undeutsch graziöse Künstler noch dröhnend spektakulär inszeniert. Ernst, Sohn eines Brühler Taubstummenlehrers, schockte mit verwirrenden Parolen, kruden Fundobjekten und den Erstlingen in jener Technik, sie sich für ihn lebenslang als fruchtbar erwies: der Collage.
In Paris, wo Max Ernst am Donnerstag letzter Woche -- einen Tag bevor er 85 geworden wäre -- gestorben ist, trug er seit 1922 zu einer der großen Jahrhundertbewegungen, dem Surrealismus, bei. Die Collagetechnik, ein ideales Instrument, vertraute Bilder durch neuen Kontext unversehens fremd zu machen, war den gewandelten Absichten dienstbar. Nach Dada-Absurditäten lieferte sie nun rätselhafte Bilderfolgen, komplette "Collageromane" von freudianisch-untergründiger Erotik.
Neue Arbeitsprozeduren, deren es bei Ernst etliche gibt ("Grattage", "Décalcomanie", "Dripping"), waren für ihn stets Vehikel und Thema zugleich. Wie kein anderer hat er die surrealistische Maxime des unbewußten Schöpfertums, der "écriture automatique", beim Wort genommen und ist ihr durch scheinbar unpersönliche Verfahrensweisen gerecht geworden. Neben der Collage. dem halb zufälligen Spiel mit vorgegebenen Bildelementen, zählt hier vor allem die patentreife Erfindung der Frottage.
Diese Technik, das Durchreiben von Materialstrukturen wie Holzmaserungen mit Bleistift auf Papier, die eine "Histoire naturelle" gleichsam fossiler Pflanzen und Tierwesen ergab, wollte Ernst in einem Inspirationserlebnis "am 10. August 1925" entdeckt haben. Das spürbar Mystifizierende einer solchen Anekdote macht aber deutlich, wie sehr der Künstler seinen dunklen Schaffensdrang auch wieder überwachte und ironisierte. Derlei Spannung trägt sein Werk.
Es ist ein glorreiches OEuvre, in dem neben die unerschöpfliche Graphik die großen (ihrerseits vom Prinzip Collage durchdrungenen) Gemälde mit vogelartigen Fabelwesen und mystisch schimmernden Landschaften treten, auch skurrile bis mythisch-erhabene Figuren in Bronze und Stein sowie, keineswegs unerheblich, zahlreich Texte von surrealistischem Witz. Daß dem Künstler in späten Jahren auch bloß Gefälliges unterlief, tut nichts mehr zur Sache.
Das war die Zeit der Beruhigung nach bewegten Jahren. 1941 war Ernst aus Vichy-Frankreich nach den USA entkommen, hatte in New York und Arizona gelebt (Heirat mit der Sammlerin Peggy Guggenheim in dritter, mit der Malerin Dorothea Tanning in vierter Ehe) und war schließlich 1953 nach Paris zurückgekehrt. Dort und im provençalisch-ländlichen Seillans blieb er beinahe bis zuletzt produktiv.
Nach Deutschland, wo er sich durch Hölderlin und Caspar David Friedrich gebunden fühlte, wo aber auch sein Gemälde "Die schöne Gärtnerin" dem Nazi-Bildersturm zum Opfer fiel, reiste der Emigrant zum erstenmal wieder 1953. Schon zwei Jahre vorher hatte er, von ferne, Naturgewalten auf die Heimat herabgezogen: Das Transparent, das für eine Ernst-Ausstellung in seiner Vaterstadt Brühl werben sollte, wurde vom Blitz getroffen.

DER SPIEGEL 15/1976
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