01.03.1976

Bayreuth: Die Götter dämmern

Sie hüteten den Hort und dachten an ihren eigenen Herd: 100 Jahre herrschen die Wagners, ein „zinkennasiger, kinnlastiger Atridenclan“, auf dem Grünen Hügel, der „herrlichen Arierburg“. Zur Zentenarfeier in diesem Sommer -- Gäste: Scheel und Scheichs -- präsentiert sich die Familie zerstritten und ohne Erbfolger. Genug Bayreuth?
Ihrem Ende eilen sie zu,
Die so stark im Bestehen sich wähnen.
Halbgott Loge über die Götter in Das Rheingold.
Götter und Dämmerungen aller Arten haben sie überstanden, ein Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Hitler-Staat, zwei Kriege, zwei Inflationen und mehrere Pleiten: Bayreuth und die Wagners.
Fest steht die Scheune auf dem Grünen Hügel, geplant und gebaut vom sächsischen Urahn zum einzigen Zweck, darin ewiglich nur seine Mythen-Opern aufzuführen: Denkmal des theatralischsten Menschen, den das dem Geniekult ergebene 19. Jahrhundert gekannt hat; eine nach Meinung seiner Anhänger "herrliche Arierburg".
Wie am ersten Tage herrscht ein Wagner, der Richard-Enkel Wolfgang, über die Weihespiele, und immer noch wallfahrt die Welt, Potentaten und Verzückte, Modegrößen und Geldsäcke, zu einem Musik-Spektakel, das sie anderswo billiger und zuweilen sogar aufregender bekommen könnte.
Die Privat-Firma Wagner & Co., eine der phantastischsten Ausgeburten des gigantomanen 19. Jahrhunderts, scheint ungebrochen attraktiv. Auf Pump und geschnorrtes Geld gebaut, mit dem bramarbasierenden Schwung der Gründerzeit errichtet, hat die Wagner-Verwertungsanstalt Bayreuth sich allezeit auf dem Markt behauptet.
Unternehmer von kräftigstem Kaliber lenken die Geschicke, und sie wußten wohl, was zu einem erfolgreichen Marketing gehört: eine Ideologie. Bayreuth, so kündete es selbst, sei die Stätte, "wo das Deutschtum in seiner wahrsten Gestalt in Erscheinung tritt" und Wagner, "der deutschesten Kunst deutschester Meister". Der die schwelgerischsten Töne phantasiert hatte, der Meister selbst, komponierte auch die
* Hinter Wagner: Franz Liszt.
Ingredienzen seiner eigenen Verewigung: Tut dies zu seinem Andenken!
Ein Zentralmassiv des Chauvinismus, so stand der Grüne Hügel da, bis zur Götzendämmerung 1945. Völkisches Trara schallte herab; deutschtümelnder Imperialismus und rassistische Überheblichkeit, "Weltanschauung" genannt, prägten Generationen; Bayreuth, kann Hitler einmal sagen, habe "das geistige Schwert geschmiedet, mit dem wir fechten".
Erbfolge-Kämpfe schüttelten zuweilen das Geschlecht, das der geniale Gnom mit einer französischen Aristokratin zeugte; fruchtbar war die Dynastie allemal. Auf rund 20 Enkel, Urenkel und Ururenkel hat es der Stamm gebracht -- "ein eigensüchtiger, erbedünkliger, zinkennasiger, kinnlastiger Atridenclan", wie es Urenkelin Nike Wagner (in einer demnächst bei Rogner & Bernhard erscheinenden Familien-Chronik) formuliert, "in dem die Männer weiblich sind und die Weiber männlich" und in dem "ein Urenkel dem anderen schon an der Leber knabbert": Stoff für einen Visconti-Film.
In diesem Sommer nun feiert Bayreuth sein Zentenarium, und mehr denn je wird das Festspiel Staatsakt und Star-Auktion sein. Bayreuths Bahnhof ist schon frisch getüncht, ein neues Festspiel-Emblem, von deutscher Graphiker-Hand entworfen, hebt das Marken-Bewußtsein; eine "Richard-Wagner-Urkunde", von Bayreuths Amateur-Funkern ausgestellt, ist weltweit im Umlauf.
Erstmals in seiner 100jährigen Geschichte wird Wagners Tempel in diesem Sommer angestrahlt werden -- Blickfang und Wallfahrtsstätte für Bundespräsident Scheel und (neu in Franken) anreisende Ölscheichs, für Namhafte mit Ehrenkarten und Namenlose mit den teuersten Billetts (bis zu 130 Mark) der Festspiel-Historie.
Dennoch, versichert Bayreuths Oberbürgermeister Wild: "Es soll ein Volksfest werden." Die Klänge der "Meistersinger"-Festwiese wie die Geburtstagsreden, die am frühen Abend des 23. Juli im Festspielhaus nur zu Geladenen dringen, werden nach draußen, ins Freie übertragen: Bei brutzelnden Jubiläumswürstchen und schäumendem Bier sollen sich Frankens Gemeine delektieren können und, wie Wild hofft. sich "vollkommen frei" unter die ebenso zahlreiche wie verstrittene Nachkommenschaft des Meisters mischen.
Am nächsten Tag dann wird es ernst, wird es würdig. Dann steigt der französische Avantgarde-Komponist Pierre Boulez, der einmal alle Opernhäuser gesprengt wissen wollte (SPIEGEL 40/1967), mit dem Taktstock in den "mystischen Abgrund", den unsichtbaren Orchestergraben.
Und der Vorhang wird sich öffnen vor einer Inszenierung, die "Frankreichs genialstes Theaterkind" ("Frankfurter Rundschau") geschaffen hat, Patrice Chéreau, 31; er hat Wagner-Opern bislang "immer schrecklich langweilig" gefunden und "gerade mit großem Genuß" entdeckt, daß der Meister "nicht heilig ist".
Und anheben wird, was Boulez "Wagners intimes Tagebuch" nennt: die Tetralogie "Der Ring des Nibelungen", der Götter-und-Germanen-Koloß, für den Wagner sein Haus gebaut und mit dem er am 13. August 1876 das Wunderding Bayreuther Festspiele eröffnet hat.
63 Jahre alt war der Meister, als die erste aller Pilgerscharen in seine Gralsburg auf dem Grünen Hügel einzog, um erstmals in den langen Rausch der Nibelungen-Dramen zu versinken. Der Traum vom eigenen Festspielhaus" ein Vierteljahrhundert beharrlich genährt, war verwirklicht, der Emporkömmling auf dem Gipfel seines Ruhms.
Längst vorbei nun die düsteren Jahrzehnte, in denen er auf endloser Flucht durch Europa geirrt war, vorüber die Zeiten der "ungemein schwierigen Lebenslagen", der Klagen über einen "Wagner, der nichts geworden" -- der 1,53 Meter kleine Sachse mit dem monumentalen Selbstbewußtsein hatte sich und seine Kunst einer Welt aufgezwungen, von der er viel zu mißtrauisch annahm, daß sie "mich, genau genommen, doch eigentlich nicht will".
In Bayreuth, in der großbürgerlichen Pracht des Hauses Wahnfried, wo er mittlerweile mit der edlen Frau Cosima" den fünf Kindern (zwei davon aus Cosimas erster Ehe mit dem Dirigenten Hans von Bülow) und drei riesigen Neufundländern residierte, zwischen Plüsch und Brokat und im Meistersinger-Kostüm mit Barett, erhöhte er sich zum Priester der Tonkunst, zur "dämonisch leidenden göttlichen Natur".
Zwar gab es auch jetzt noch Kritiker, die diese Kunst als "Tollheit" und das Abenteuer Bayreuth als zweites Oberammergau oder (so Karl Marx) als "Narrenfest des Staatsmusikanten Wagner" verhöhnten. Doch die Narren, die da kamen, brachten dem Künstler und seiner Kunst erst den wahren weltlichen Segen. Zu den Generalproben hatte Richard Wagner seinen scheuen königlich-bayerischen Gönner und Geldgeber Ludwig II. empfangen; zur Premiere erschienen, nebst Europas Musiker- und Maler-Elite, Honoratioren und Adel, kamen der Großherzog von Sachsen-Weimar, der Herzog und der Erbprinz von Anhalt, der König von Württemberg; und Kaiser Pedro II. von Brasilien, trug, wie später die Begum, den Glanz ferner Exotik ins fränkische Nest.
Der erlauchteste aller Gäste aber war der Imperator des jungen Deutschen Reichs, derselbe Wilhelm, der als "Kartätschenprinz" einst gegen die Genossen des Dresdner Revolutionärs Wagner zu Felde gezogen war. Nun neigte er sich nieder zum Genie, das ihm inzwischen einen miserablen "Kaisermarsch" komponiert hatte. Er hat nie geglaubt, sagte er bewundernd, "daß Sie es zustande bringen würden".
Das Mirakel war vollbracht. "Es schien sehr wahrhaftig", triumphierte Wagner, "daß so noch nie ein Künstler geehrt worden sei, denn hatte man erlebt, daß ein solcher zu Kaiser und Fürsten berufen war, so konnte Niemand sich erinnern, daß je Kaiser und Fürsten zu ihm gekommen seien.
Und dennoch hatte sich ein jüngerer Wagner einmal seine Festspiele ganz anders vorgestellt. Gewiß, er besaß nun einen eigenen, ganz seinen Werken vorbehaltenen Tempel in "schöner Einöde, fern von dem Qualm und Industrie-Pestgeruche unserer städtischen Civilisation". Aber ein "Athen der Deutschen", ein "Kunst-Washington" oder gar ein Volks-Theater war das nun wirklich nicht.
An eine Aufführung seiner "Nibelungen", hatte er 1851 verkündet, könne er erst nach der nächsten Revolution denken, die der bisherigen Theaterwirtschaft mit ihrer "vom Spekulationsgeiste aufgedrungenen und von der sozialen Langeweile unserer großstädtischen Bevölkerungen mühelos dahingenommenen Unterhaltung" ein Ende bereiten müsse.
Nach jener Revolution wollte er am Rhein ein Theater aufschlagen, zu einem "großen dramatischen Feste" laden und in vier Tagen sein ganzes Werk aufführen. Die Revolution kam nie zustande, aus dem geplanten Volksfest wurde nichts. Statt dessen sollte jetzt das "deutsche National-Unternehmen" Bayreuth Zeugnis dafür ablegen, "daß der nun gefürchtete Deutsche auch in seiner öffentlichen Kunst fernerhin zu achten sei".
Wagner, so schien es, hatte sich gewandelt, verändert mit dem Jahrhundert. Nach Thomas Mann war er "den Weg des deutschen Bürgertums" gegangen: von der Revolution zur Enttäuschung, zu einer resignierten, "machtgeschützten Innerlichkeit".
Tatsächlich aber war er sich treu geblieben wie kein anderer. Denn ob als Sozialist, Königs-Günstling oder reichsdeutscher Patriot -- er blieb, anpassungsfähig und skrupellos wie nur je ein Opportunist, immer und unverändert (so sein amerikanischer Biograph Robert Gutman) "ein charakterloses Ungeheuer"; er blieb jederzeit (so der Komponist Hans Gal) der "Selbstanbeter" mit dem "triebhaften Geltungsbedürfnis", der sich nur einem verpflichtet fühlte: Richard Wagner.
"Ich bin", darauf pochte er, und die kunst- und genietrunkene Epoche hatte auch durchaus Verständnis dafür, "anders organisiert, habe reizbare Nerven, Schönheit, Glanz und Licht muß ich haben! Die Welt ist mir schuldig, was ich brauche!"
Ein Jahrzehnt lang hatte er sich von seinem königlichen "Freund" Ludwig aushalten und verwöhnen lassen. Als die Freundschaft abgekühlt war, sein "geliebtes schönes Wunder", unzufrieden mit dem raffgierigen Genie und seinem Bayreuther Projekt, nur noch unwirsch in die Schatulle griff, baute Wazger auf den Nationalismus, der nach dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg von 1870/7 1 durchs neugegründete Reich wogte.
Er besang das siegreiche deutsche Heer. verfaßte eine schändliche Farce auf die hungernden Pariser und belehrte. es sei keineswegs ein Zufall, "wenn der Ring des Nibelungen zusammenfällt mit den deutschen Siegen". "Im übrigen", schrieb er 1872 in einem Brief, "lebe ich jetzt der allerhand schönen Erwartungen auf den deutschen Nationalgeist, auf welchen ich angewiesen bin."
Doch er hoffte vergebens. Die Mächtigen des Reichs waren für das Unternehmen Bayreuth nicht zu begeistern. "Wagner", erinnerte sich Bismarck, "wollte immer der Erste sein -- dazu war ich zu beschäftigt."
Und so üppig die "Wagnerei" unter Deutschlands Patrioten auch gedieh" so viele "Wagner-Vereine" mittlerweile auch das Lob des Meisters sangen -- von den 1000 "Patronatsscheinen" zu 300 Talern das Stück, mit denen seine Anhänger Bayreuth finanzieren sollten, ließ sich nicht viel mehr als die Hälfte an den Mann bringen. Der deutsche Geist zieht ein.
Zu guter Letzt sprang dann doch wieder Ludwig mit Krediten ein, und Wagner dankte seinem "huldreichen König":. "Blicken Sie nur auf alle deutschen Fürsten, so erkennen Sie, daß nur Sie es sind, auf welchen der deutsche Geist noch hoffend blickt."
So zog er denn ein, der deutsche Geist, ins bisher so stille, ehemals markgräfliche Bayreuth mit seinen 14 000 oberfränkischen Seelen, elf Brauereien und 76 Wirtshäusern, in die schöne Einöde auf halber Strecke zwischen Berlin und München und weltenfern von der Wagner zutiefst verhaßten "Hauptstadt der welschen Entartung" Paris. Hojotoho!
Zum erstenmal erschienen, umnebelt von farbigem Qualm aus Dampfmaschinen, in "natürlicher" Bühnenlandschaft zwischen Fels und Baum Wagners Bayreuther Germanen. Auf "Schwimmwagen" festgeschnallt, zappelten sechs Meter über dem Boden die drei Rheintöchter im Spiel mit den imaginären Wellen. Dem von Arnold Böcklin entworfenen Lindwurm Fafner aus Pappmaché fehlte der Hals -- die Londoner Herstellungsfirma hatte ihn irrtümlich nach Beirut geschickt. 25 Bayreuther Turner, gedrillt vom Ballettmeister Fricke, schleppten den beim Klempner Vogel ausgeliehenen Nibelungenhort: Ölkannen, Trichter, Kuchenformen, Eimer, Gießkannen, Kessel. Das müde Roß, das Brünnhilde am Zügel führte, wurde unterm Bühnenboden mit einem Strick festgehalten.
Und was für ein Publikum! Der Premierengast Peter Tschaikowski notierte, daß "während des ganzen Festspiels das Essen der Hauptgesprächsstoff der Leute war. Koteletts, Bratkartoffeln und Omeletts wurden weitaus eifriger diskutiert als Wagners Musik".
Kopfstände auf Kneipenstühlen.
Friedrich Nietzsche. bis dahin der größte aller Wagner-Verehrer, sah sich im Festspielrummel von 1876 umgeben von "Bildungs-Kretins", von Tabak und schalem Bier. Vor wenigen Jahren noch hatte er sich von Bayreuth eine "Vereinigung aller wirklich lebendigen Menschen" erhofft; jetzt floh er vor dieser "kleinen deutschen Erbärmlichkeit" in den Bayerischen Wald. "Zuletzt", schrieb er später in "Ecce Homo". "sollte man, zur Belehrung der Nachwelt, einen echten Bayreuther ausstopfen, besser noch in Spiritus setzen, denn an Spiritus fehlt es."
Auch Wagner, zermürbt und herzkrank nach jahrelangem Auf und Ab um Bayreuth, war von seinem Spektakel zutiefst enttäuscht. Die Spiele, umjubelt zwar und bewundert, hatten ein katastrophales Defizit eingebracht, das Unternehmen stand wieder einmal knapp vor dem Bankrott. Nach der Feier schrieb Cosima in ihr Tagebuch: "Trübsal! Erschütterung! Richard sehr traurig, er sagt, er möchte sterben."
Doch er lebte noch über sechs Jahre. Im Pomp und Gepränge des Hauses Wahnfried begann der große Mummenschanz. Unter der Anleitung der aristokratischen Franz-Liszt-Tochter Cosima schuf sich der Meister, seit je ungeschliffen und derb, dazu jähzornig und hysterisch, seine eigene Apotheose -- nur konnte Cosima es nicht leiden, daß er noch immer ordinäre Witze machte und gelegentlich Kopfstände auf Kneipenstühlen versuchte; sie wünschte ihn "olympischer".
Für phantastische Kostümierungen und Dekors war er schon immer zu haben gewesen. Jetzt ging sein Verlangen nach Seide, Satin und
* Als Lohengrin kostümiert in der Blauen Grotte zu Schloß Linderhof.
gerüschten Roben mit Schleifchen und Blümchen, mit Spitzen und Pelzbesatz ins Maßlose. Gleichzeitig beklagte er sich bei König Ludwig: "Die deutsche décadence ist nicht mehr aufzuhalten."
Er hatte überhaupt viel zu klagen, dieser größte aller europäischen Décadents, der sich für den "deutschen Geist", den "deutschesten Menschen" hielt. Über seinem Haß auf die "jüdische Race", das "verfluchte Judengeschmeiß", das er "für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr" hielt, verlor er nahezu den Verstand.
Ab und an kam, in den letzten Jahren, Schwiegervater Franz Liszt auf eine nächtliche Whist-Partie vorbei, und vom alten Grafen Gobineau, dem Künder der "Ungleichheit der Rassen", ließ er sich für seinen Gefühls-Antisemitismus einen pseudobiologischen Überbau einreden; weil nicht nur vom Juden. sondern auch von Fleischeskost "Verderb des Blutes" drohe, wurde der Freund französischer Küche und Feind guter Tischsitten zum Vegetarier.
Als er starb, 1883 im Palazzo Vendramin zu Venedig, während der Niederschrift des Aufsatzes "Über das Weibliche im Menschen", schien sein größter Gönner nicht sehr traurig. "War mir nicht ganz sympathisch!" rief Bayerns Ludwig 11. seinem Richard nach. Das Sofa, auf dem ihn der Herztod ereilt hatte, nahm Witwe Cosima mit im Sonderzug nach Bayreuth.
Fortan war sie "Wahnfrieds" Fürstin, eine respektheischende und -gebietende Edeldame, mit dem Schliff und Esprit französischer Literatur-Salons. Ihre Rohen, würdig fließende Gewänder, ließ sie in Paris und Wien anfertigen. Sie, die so lang einem Egozentriker diente, machte sich zum Herrschen bereit.
Das Amt der Festspiel-Chefin nahm sie zunächst im Verborgenen wahr: Aus einem Verschlag im Theaterraum bombardierte sie den probierenden Dirigenten mit Zetteln ("Nicht geheimnisvoll genug!" "Verklärter!"). Bald aber trat sie, die als "unmusikalisch" galt, aus dem Versteck hervor und regierte wie der Meister. Dem Erbfeind eine Chance.
Ihr Inszenierungs-Stil, freilich, war weniger bombastisch. Als etwa eine Sängerin, der Order trotzend, weiter emphatisch mit den Armen ruderte, ließ Cosima ihr vor der Premiere ein dickes, hemmendes Gummiband ins Kostüm einnähen.
Mittlerweile hatte sich die Kirche Bayreuth fest etabliert. verkündend das Wort Wagners und feiernd sich selbst, mit Wahnfried-Aposteln, die sich "gläubige und tätige Jünger des Meisters" nannten, "Weihegenossen der Zukunftskultur". "Regeneration" hieß .die Losung, die der Meister ausgegeben hatte, "Erlösung" hin zum "Natürlichen, Rein-Menschlichen .
Im Zentralorgan Wahnfrieds, den "Bayreuther Blättern", machten sich Cosimas Paladine daran, die Botschaft zu popularisieren. Gegen Vivisektion und Fleischeskost wird gewettert, gegen Stierkämpfe und Schutzimpfung, Hahnenkämpfe und "amerikanischen Materialismus
Gesungen wird das Hohelied vom reinen Arier und dem überlegenen Deutschen, angeprangert der semitische, blutzersetzende Erbfeind. Bayreuth beginnt, einen Monopol-Anspruch aufs "wahre Deutsche" zu erheben, indem es Richard einfach zum "Deutschesten" erklärt.
Die Zeit stand günstig für völkisches Getöse. National gesinnte Vereine sprossen allenthalben aus dem Boden des jungen Reiches, im Reichstag brachten es die Antisemiten-Parteien 1893 auf 16 Sitze. Krupp schmiedete des Reiches schimmernde Wehr, und Bayreuth trat dazu den geistigen Blasebalg. Villa Hügel und Grüner Hügel, Schulter an Schulter, und Richard Wagner als Reichs-Schutzpatron.
Das hatte mit seiner Musik schon nichts mehr zu tun, die, in ihrem Raffinement und Kosmopolitismus, den provinziellen Deutschtümlern eigentlich ein Greuel hätte sein müssen.
Freilich, auf seiner Bühne trabten stabreimende Germanen umher; aber daß unter Bärenfellen und Stierhelmen sich zeitgenössische Problemfiguren verbargen, wollten erst spätere Generationen erkennen. In Leipzig, beispielsweise, spielt man den "Ring" jetzt im Kostüm des 19. Jahrhunderts, als Parabel auf die politisch-ökonomischen Zustände der Wagner-Zeit.
Bayreuth, jedoch, setzte voll auf Richard den Deutschen und den Arierkult -- schon aus Konkurrenz-Gründen. Denn Wagner wurde, ohne nationales Tamtam, mittlerweile an jedem besseren subventionierten Hoftheater gespielt. Das Familien-Unternehmen Wahnfried, seit Ludwigs II. Tod ohne Nothelfer, brauchte einen festen Kundenstamm, der, treu gesinnt, mit Spenden und Anleihen das Vabanque-Spiel einer Fest-Saison finanzierte.
Da ließ man auch dem Erbfeind eine Chance. "40 Millionen, das brauche ich, um den Deutschen die Festspiele zu geben", schrieb Frau Cosima 1889 in frankem Zynismus einem Vertrauten: "Vielleicht schenkt sie mir einmal eine gute Seele; ein Jude, der das Unheil seines Stammes sühnen will."
Derlei Interna aus der Chefetage hat der Berliner Musikhistoriker Michael Karbaum, 33, im Auftrag der Thyssen-Stiftung in Bayreuths Archiven erforscht. Die bislang, wegen eines Bayreuther Vetos, ungedruckte Arbeit ("Anmerkungen zur Geschichte der Bayreuther Festspiele") verschafft neue Einblicke in die Firmenstrategie.
Der Grüne Hügel sei der "gegebene Mittelpunkt" für Kunst-Erlebnisse "aus edelster Rassegehurt", wurde den Wagner-Vereinen in den "Bayreuther Blättern" eingeredet. In Wahrheit, so Karbaum, "befestigte Cosima im Schutz der Haus-Ideologie ihre Haus-Macht"; der "Dienst am Werk", das "Hüten des Hortes" galt "nicht zuletzt der Sicherung des eigenen Herdes".
Im Jahr 1906, nach einer Herzattacke, übergab Cosima dem Sohn Siegfried, damals 37, die Firmenleitung, ein millionenschweres Unternehmen mittlerweil. Siegfried, ein epigonaler Dichter-Komponist von einem Dutzend Märchen- und Mythen-Opern, liebte Reisen und das gesellige Berlin und schrieb es jüdischen Einflüssen zu, daß seine Werke nicht reüssierten.
Cosima hatte durchgesetzt, daß er (wie später sein Sohn Wieland unter Hitler) vom Wehrdienst freigestellt wurde; zum Heiraten trieb ihn eine der vier älteren Schwestern an. Im Kriegsjahr 1915, die Festspiele pausierten, stellte ihm Eva, kinderlos verheiratet mit dem Rassen-Ideologen Houston Stewart Chamberlain, dem "Seher des Dritten Reiches" (Hitler), ein Ultimatum: Um "Wahnfrieds Zukunft zu sichern", sei es an der Zeit, "die Maid zu finden, die Dir und unserer Sache Not tut". Schon triumphierten "undeutsche Teufel"; die Erbfolge sei in Gefahr: "Finde also Dein Katerlieschen und bringe junges Leben in unser teures Wahnfried."
Drei Monate nach dem Sendschreiben zieht das Lieschen ein, blond, groß, schön, 18 Jahre alt: Winifred Williams, eine britische Waise, als Adoptivtochter des alten Wagner- und Liszt-Freundes Karl Klindworth in Berlin herangewachsen. Sie heiratet den um 28 Jahre älteren Siegfried" und innerhalb von vier Jahren sind vier Richard-Enkel da: Wieland, Friedelind, Wolfgang, Verena.
Nach dem Kriege ist die Firma Wagner pleite. Die Schutzfrist für Richards Werke (30 Jahre) ist 1913 abgelaufen, der Tantiemenstrom versiegt, das Vermögen wird von der Inflation aufgesaugt. Da heißt es wieder die Richard-Wagner-Vereine mobilisieren.
"Wer Deutschland liebt und für seine Gesundung, seine Zukunft als Kulturvolk etwas tun will, der muß Bayreuth zu Hilfe kommen", so feuerte 1921 eine "Festspiel-Stiftung" zur Zeichnung von "Patronatsscheinen" an. 1924, nach zehnjähriger Pause, gibt es wieder Festspiele, und nach dem "Meistersinger"-Schlußchor erhebt sich das Publikum zum "Deutschlandlied".
Inzwischen aber wächst Bayreuths Retter heran. Schon 1919 wurden Siegfried und Winifred auf Adolf Hitler hingelenkt. Ein Nazi-Treff zu Bayreuth am 30. September 1923, an dem Hitler als Redner auftritt, führt den Wagner-Fan erstmals nach Wahnfried; stumm verharrt er, im Wahnfried-Garten, an des Meisters Grab.
Winifred hatte "sofort einen sehr großen und tiefen Eindruck von dem Mann", das "Auge war vor allen Dingen ungeheuer anziehend, ganz blau, ein großes, ausdrucksvolles Auge" (siehe Kasten Seite 146). Und an Weihnachten, Hitler saß nach dem November-Putsch in der Festung Landsberg ein, schreibt Siegfried an eine Vertraute: "Wir halten treu zu
ihm, wenn wir auch dabei ins Zuchthaus kommen sollten. Meine Frau kämpft wie eine Löwin für Hitler! Großartig!"
Zumindest schickte sie ihm Liebesgaben nach Landsberg, Papier und Schreibzeug vor allem, denn der Gefreite begann zu schriftstellern; das Werk nannte er dann, Wagners Autobiographie "Mein Leben" huldigend, "Mein Kampf". 1926 kehrt er wieder einmal, "liegt es ja doch an der Marschlinie nach Berlin", in Wahnfried ein, Goebbels im Gefolge. Der notiert ins Tagebuch: Winifred "klagt mir ihr Leid: Siegfried ist so schlapp. Pfui!" Sie aber "gefällt mir. Ich möchte sie als Freundin haben".
Gut Freund sind mittlerweile Winifred und Wolf, wie sie Hitler nach seinem NS-Decknamen ruft. Im traulichen Du verheißt er ihr Ende 1927, es werde "die Zeit kommen, in der der Stolz auf Deinen Freund Dank sein soll für vieles, was ich Dir heute gar nicht vergelten kann".
Im Jahr 1930 starb Cosima, 92 Jahre alt, die sich gern mit einem Fläschchen Bundespräsident Scheel. Gattin
Bier zu Bett gelegt hatte; ihr Papagei pflegte das Gluckern nachzumachen. Vier Monate später verschied Siegfried, 61 Jahre alt. Eine zweite Cosima, trat nun Winifred die Herrschaft an. Ihre Devise; "Künstler sind wie Kinder."
Des Freundes Hilfe konnte sie bald brauchen. Die Festspiele 1930 waren wieder nur nach einem massiven Spendenappell zustande gekommen, diesmal, wie Wagner-Forscher Karbaum belegt, mit subtilerer Agitation: Der Aufruf, empfahl intern der Haus-Stratege Wiskott, müßte "nicht auf "Kunst" allein, sondern Ethik, Religion, geistige Bereicherung" abgestellt sein und das "Thema streifen, daß Wagner vor allem Dichter ist. Sonst schließen wir von vornherein die nichtmusikalischen Kreise aus".
Wiskott weiter: "Der Hinweis, daß der Verlust Bayreuths eine nationale Beschämung wäre, darf nicht fehlen." Weil "Zahlungsfähigkeit am allerersten immer noch in der Industrie" angetroffen werde, müsse man sich "auf die Psyche des Geschäftsmannes einrichten". Auch gelte es, "an Frauen der allerersten Kreise heranzukommen".
Ab 1933 konnte Wolf der Winni, wie er die Hohe Frau privat rief, die finanziellen Sorgen abnehmen. Bayreuth stand unter seinem besonderen Schutz und empfing aus der Schatulle des Führers fortlaufend Subventionen. Und wenn der Kartenverkauf schlecht ging, wie 1934, ließ Hitler den Rest vom Reich aufkaufen.
Nun war Bayreuth wahrhaft des Reiches Gral, Reichshoftheater und Parteitag aller Wagnerianer. Hitler, Wagner-Fan und -Leser seit frühester Jugend, Vegetarier durch Wagner, dilettierender Komponist einer nie ausgeführten Oper "Wieland der Schmied", hatte den Meister eingemeindet, dessen Werke "alles in sich schließen, was der Nationalsozialismus erstrebt". Umjubelt zog er regelmäßig ins Festspielhaus ein, und wenn zum Schluß des "Rings" die Götterburg zusammenkrachte. küßte er Frau Winifred artig die Hand.
Auch sittigende Wirkung erhoffte er sich vom Gral, so auf Göring. Er lud den Reichsjägermeister zum "Parsifal": Die Szene, in der Parsifal den Schwan abschießt und erschrocken seinen Bogen zerbricht, sollte den dicken Waidmann wachrütteln. Hitler: "Werden Sie nun jemals wieder ein armes, wehrloses Tier abschießen können?"
Ab Kriegsausbruch gab Bayreuth "Kriegsfestspiele" zum Null-Tarif für verdiente und verstümmelte Deutsche. Hitler kam kurz vor dem 20.-Juli-Attentat zum letztenmal nach Wahnfried. Als er abfuhr, erinnert sich Winifred, sprach er: "Ich höre die Fittiche der Siegesgöttin rauschen."
"Kannst Du mir den Führer malen?"
Statt dessen rollten im Frühjahr 1945 alliierte Panzer ins Frankenland, und die US-Besatzer sorgten am großdeutschen Gral rasch für Highlife. Sie swingten und becherten auf den geweihten Brettern, Neger in Germanen-Fellen aus dem geplünderten Fundus tanzten auf Richards Grab Jitterbug.
Der Anblick dieser Schändung blieb der Sippschaft erspart. Winifred und Wolfgang mit Familie hatten sich ins Fichtelgebirge, die Familien Wieland Wagner und Verena Lafferentz geb. Wagner (Ehemann Bodo Lafferentz hatte sich als Chef-Manager der braunen Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" verdient gemacht) an den Bodensee geflüchtet. Friedelind Wagner, die 1933 ins Ausland gegangen war, versuchte im fernen New York (erfolglos) den Aufbau einer eigenen Opern-Truppe.
Im April 1947 schrieb Wieland an Wolfgang: "Mir persönlich ist völlig gleichgültig, in welches Verhältnis unsere Familie zu dem Haus da oben zu stehen kommt, da ich unsere Familie für diese Aufgabe unfähig halte."
Doch Besatzungsmächte und Neudemokraten kamen mit anderen Plänen -- Einrichtung eines Kinos, eines Welturaufführungstheaters für zeitgenössische Opern, einer Wiedergutmachungsstätte für NS-verfolgte Tonschöpfer, einer Stiftung mit Thomas Mann als Ehrenpräsident -- nicht weiter: Der Grüne Hügel blieb, dank Siegfrieds Testament, Wagnersche Scholle.
Im Sommer 1947 wurde Frau Winifred, die, laut Klageschrift, "in ihrem Fanatismus soweit ging, daß sie das Erbe Richard Wagners den ideologischen Weltanschauungen des Nationalsozialismus zur propagandistischen Auswertung zur Verfügung stellte"
eine die Wahrheit auf den Kopf stellende Behauptung -, zunächst als "Belastete", später nur noch als "Minderbelastete" eingestuft. Daraufhin verpflichtete sie sich "feierlich, mich jedweder Mitwirkung an der Organisation, Verwaltung und Leitung der Bayreuther Bühnenfestspiele zu enthalten Nach dem Rückzug Winifreds preschten die Söhne vor. Wieland, 1917 geboren, der während des Krieges im thüringischen Altenburg den "Ring" inszeniert hatte, übernahm die künstlerische Leitung. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Wolfgang kümmerte sich um Geld und Verwaltung. Gemeinsam stellten sie, bei den ersten Nachkriegs-Festspielen im Sommer 1951. 22 Aufführungen von "Ring", "Parsifal" und "Meistersängern" auf die Bretter. "Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der Festspiele" baten sie per Anschlag, "von Gesprächen und Debatten politischer Art freundlichst Abstand nehmen zu wollen".
Von der Bühne waren die braunen Schwaden verschwunden; doch das Publikum hing treu an Minne und Brünne.
Verkehrsminister Seebohm ließ sich am Bayreuther Bahnhof von sudetendeutschen Flüchtlingskindern Blumen überreichen. Frau Winifred, die ihre Korrespondenz aus dem Fichtelgebirge mit dem Vermerk "Im Exil" verziert hatte, nahm den Beifall der Zuschauer und die Bouquets ihrer Söhne entgegen. Vor Wielands Inszenierungen allerdings entsetzte sie sich: "Und das von einem Wagner-Enkel !"
Jedes Jahr schockte der Tempelschänder die Oldtimer nun heftiger mit flotten Reden und stilisierter Bühne. In den "Meistersingern", dieser "Gauleiter-Oper", führte
er Hans Sachs als lüsternen Witwer vor; dem "Lohengrin", dieser "Aktion Elsa", nahm er die Weihe; Walhall war für ihn "Wall Street". "Entartete Kunst", geiferte das "Monatsblatt der Deutschen Partei"; Alt-Wagnerianer gründeten eine "Vereinigung für die werktreue Wiedergabe der Dramen Richard Wagners".
Und im Hintergrund waltete Winifred. Wieland, so klagte sie, habe "alles runtergemacht". Als Wielands Kinder nach der Besichtigung von KZ-Filmen entsetzt zu ihr kamen, erteilte sie ihnen eine Lektion: "Das ist alles gefälscht, alles entstellt." Bei einem Hauskonzert in Wielands Wohnung, zu dem auch NS-verfolgte Künstler geladen waren, ging sie ihren Sohn an: "Lieber Wieland, ich habe im Krieg doch leider alle meine schönen Hitler-Bilder verloren. Kannst Du mir nicht ein neues Porträt vom Führer malen?"
Auch Wolfgang wurde an die Seite seiner Mutter gedrängt. Als braver Konservativer stand er den symbolschweren Lichtspielen Wielands fremd, den 1957 von Schwester Friedelind eingerichteten "Bayreuther Festspiel-Meisterklassen" feindlich gegenüber. Da sah er nur "neugierige Dilettanten" am Werk; einem soll er, laut Friedelind, gar die Luft aus den Autoreifen gelassen haben.
Als Wolfgang 1960 einen eigenen "Ring" mit schimmerndem Rheingold und viel germanischem Krimskrams präsentierte, platzte Wieland der Kragen: "So etwas darf in Bayreuth einfach nicht passieren." Bei der nächstjährigen Wiederholung des Nibelungen-Dramas fuhren Wieland und Frau Gertrud demonstrativ ins Grüne.
Nach dem Debakel wandte sich sogar der Vorsitzende der Mäzenaten"Gesellschaft der Freunde Bayreuths e.V." an den "lieben Herrn Wieland": Wolfgangs "Ring", so klagten die Kunstliebhaber in einem bislang unbekannten Schreiben, sei· "Bayreuthunwürdig". Man beobachte Wolfgangs Arbeit "in ernster Sorge".
Wieland scheute zwar den öffentlichen Bruch mit seinem Bruder, aber "das einst zauberhafte Verhältnis" (Gertrud Wagner) war dahin: Entweder verkehrten die beiden nur schriftlich miteinander, oder sie schrien sich an. Wolfgangs Frau Ellen verbot ihren Kindern den Umgang mit Wielands Kindern und den Besuch der Aufführungen des bösen Onkels.
Zum Bruderzwist kam Ehekrach. Jahrelang hatte Wieland alle seine Inszenierungen mit seiner Frau Gertrud, einer gelernten Choreographin, einstudiert. "Zwischen uns", so die einstige "Mit-Regisseurin" heute, "funktionierte die Zusammenarbeit tadellos." Doch dann engagierte der besessene Theatermann die Berliner Sopranistin Anja Silja als 20jährige "Holländer"-Senta und erkor sie zu seiner Gefährtin.
Der so lange und so mühsam kaschierte Familienstreit brach offen aus, als Wieland im Oktober 1966 starb. Da fühlte sich die Witwe Gertrud "verpflichtet, das künstlerische Erbe Wielands fortzusetzen", da fühlte sich der Bruder als "alleiniger Verwalter des Erbes". Auch die "Gesellschaft der Freunde Bayreuths", eben noch sauer auf Wolfgang, schwenkte um. "Wir wollen unser Bayreuth", teilten sie Gertrud Wagner mit, "und unser Bayreuth heißt Wolfgang Wagner."
Auf die Tilgung von Wielands Schulden, einer halben Million Mark, so rechnete Wolfgang der mittellosen Witwe vor, könne sie nur hoffen, wenn sie bis 1970 innerhalb und außerhalb Bayreuths keine Wagner-Oper mehr anrühre. Gertrud Wagner: "Eine heimtückische Erpressung." Winifred kündigte Gertrud und ihren vier Kindern das Wohnrecht in Wahnfried. "Wenn der Förster stirbt", entschied die Hohe Frau, "dann hat die Förstersfamilie das Forsthaus zu verlassen." Gertrud Wagner zog sich nach Sylt zurück.
Nun konnte Wolfgang "reinen Tisch" machen. Jeden, "der etwas Gutes über meinen Vater sagte", erinnert sich Wieland-Tochter Nike, "strich er von der Liste". Selbst die Gummibusen aus Wielands Inszenierungen wurden eingemottet. Winifred entzog ihrer Tochter Friedelind, mit der sie sich 1953 demonstrativ ausgesöhnt hatte, das Bänkchen in der Familien-Loge ("Das ist nicht dein Sitz") und den Parkplatz vor dem Haus, Bruder Wolfgang verbot ihr schriftlich das Betreten der Weihestätte.
Ungeniert hielt nun Winifred wieder öffentlich hof. Schon zu Wielands Lebzeiten bat sie liebe Freunde aus großdeutschen Tagen gern zum Kaffeeklatsch und plauderte mit Edda Göring, der Tochter des Reichsmarschalls" mit Frau Ilse Heß und dem ehemaligen britischen Faschistenführer Sir Oswald Mosley auf der Terrasse. "Um diese Mischpoke nicht ewig sehen zu müssen", hatte Wieland quer durch Wahnfrieds Garten eine Mauer gezogen.
Unter Wolfgangs Alleinherrschaft war Winifred nicht mehr zu bremsen. Nun durften Edda Göring, der NS-Filmregisseur Karl Ritter ("...über alles in der Welt") und der damalige Vorsitzende der NPD-Stadtratsfraktion, Ex-Generalmajor Adolf Wolf. aus der Familienloge mit ansehen, wie in Bayreuth wieder Ruhe, Frieden und Langeweile einkehrten.
Bis auf Götz Friedrichs "Tannhäuser" von 1972, in dem der Minnesänger endlich mal nicht" als "Held eines Weihespiels" sondern als Gesellschaftsrevolutionär" (so der empörte CSU-Chef Franz Josef Strauß) präsentiert wurde, verflachten die Festspiele szenisch zum Gesamtkunsthandwerk. Mit Ausnahme des von Carlos Kleiber dirigierten "Tristan" (1974) verrauschten die Wagner-Wogen in musikalischem Mittelmaß.
Bayreuth bot erst wieder Gesprächsstoff, als Frau Winifred letztes Frühjahr bei dem Filmemacher Syberberg ihre braune Beichte ablegte. Als das "perverse Geständnis" (Gertrud Wagner), weltweit registriert, auf die Festspiele zurückzuschlagen drohte, verbot Wolfgang seiner Mutter den Zutritt zum Festspielhaus.
Intern jedoch nahm er sie in Schutz. Winifreds Monolog, so schrieb er seiner Schwägerin Gertrud, drücke nur die "unreflektierte Haltung" einer "seit 1944 nicht mehr im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit" aus.
Daß die Ex-Herrin von Bayreuth überhaupt noch einmal ungeniert das Wort ergriff, führen Insider auf die 1973 gegründete "Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth" zurück: Sie übernimmt den ganzen Wagner-Nachlaß und zahlt dafür 12,4 Millionen Mark in drei Jahresraten an die Großfamilie -- mag Winni reden, was sie will.
Mit der "Stiftung" wird das fast 100 Jahre privatrechtlich betriebene und in privaten Gebäuden veranstaltete Festival endlich von einer staatlich gestützten Institution garantiert, die den Fortgang der Spiele auf ewig sichern soll. Doch was als nationale Rettungsaktion für ein kulturelles Unikum gedacht ist, wird wohl auch das Ende der Wagner-Sippe auf dem Grünen Hügel bedeuten.
Denn wenn der amtierende Festspielleiter Wolfgang Wagner ausscheidet, dürfte -- den Satzungen der Stiftung gemäß -- ein wirklicher Erbfolgekrieg ausbrechen. Grundsätzlich soll ein Mitglied der Wagners Chef der Festspiele bleiben dürfen. Aber auf diesen Sproß muß sich die zerstrittene Familie mehrheitlich einigen -- wie das? Die Firma Wagner könnte verschwinden.
Wielands Sohn, Wolf-Siegfried ("Wummi"), 32, will sich als Regisseur "auf dem Weg durch die Provinz natürlich für Bayreuth profilieren". Cousine Eva Wagner, 30, spielt schon jetzt im väterlichen Betriebsbüro "Mädchen für alles". Ihr Bruder Gottfried, 28, der derzeit seine Dissertation über Kurt Weill schreibt, dient, um Wagner-Regie zu erlernen, dem diesjährigen Inszenator Chéreau als Assistent. Wieland Lafferentz, 26, Dirigier-Student am Salzburger Mozarteum, treibt es in Richards Orchestergraben.
Selbst Friedelind Wagner, 57, die auf ihrem Luxus-Landsitz in England gerade ein Opernstudio aufbaut und in einer "Siegfried-Wagner-Gesellschaft" das epigonale Werk ihres Vaters wiederbeleben will, könnte dann auf Heimatboden zurückkehren wollen.
Bei solchen Reibereien, bei soviel Krach im Clan bliebe dem Stiftungsrat, in dem außer den Wagners der Bund, das Land Bayern, die Stadt Bayreuth, die Bayerische Landesstiftung, die Oberfrankenstiftung, der Bezirk Oberfranken und die Freunde von Bayreuth Sitz und Stimme haben, nichts anderes übrig, als, satzungsgemäß, die Intendanten der wichtigsten deutschsprachigen Musikbühnen um Rat zu bitten -- eine Horror-Vision.
Nach einem Jahrhundert, in dem Bayreuth seine zentrale Rolle als Wagnersche Pflegestätte längst eingebüßt hat, würde die Firma Wagner & Co., uneins, wie sie ist, aus der Geschäftsführung verschwinden. Kein Schade mehr. Künstlerisch betrachtet, waren 100 Jahre Bayreuth satt und genug.

DER SPIEGEL 10/1976
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