01.03.1976

Bayreuth: Die Götter dämmernWinni und der gute Wolf

Fünf Tage lang ließ sich Winifred Wagner, die "Hohe Frau" der NS-Zeit Bayreuths, vom Münchner Dokumentaristen und Filmregisseur ("Karl May") Hans-Jürgen Syberberg interviewen, auch über ihr Verhältnis zu "Wolf" -- Adolf Hitler. Auszüge aus dem Fünf-Stunden-Film: Der Festspielgast:
Er betrachtete die Woche Bayreuth als die einzigen Ferientage, die er überhaupt im Jahr hatte. Er hat also Bayreuth genossen. Er stand kaum je vor elf oder zwölf Uhr auf, da er frühestens um vier Uhr morgens ins Bett ging, und wir haben ihn sozusagen bis früh morgens vier Uhr unterhalten müssen.
Es konnte so heiß sein, wie es wollte, es mußte der Kamin angezündet werden, und er saß daneben und kokelte also für Stunden und Stunden an dem Kamin herum. Das machte ihm einen Mordsspaß ...
Zu seinem Personal gehörte auch eine Diätköchin, denn er war strenger Vegetarier. Das einzige, wozu man ihn noch verleiten konnte, war, Leberknödel zu essen.
Privat in Wahnfried:
Er kam ja nicht nur zu den Festspielen nach Bayreuth, sondern auf den Durchfahrten von Berlin nach München hat er möglichst jede Gelegenheit benutzt, um mit uns Kontakt zu bekommen.
Er kam hierher, eigentlich nur, um die Kinder zu sehen. Er hatte so große Freude an den Kindern. Meistens lagen die schon im Bett, er ging dann hinauf in das Schlafzimmer der Kinder. Sie haben ihn als guten Onkel betrachtet.
Und er hat sich auch wirklich als ein solcher hier bei uns aufgeführt. Er war ganz rührend mit den Kindern, ging auf alles ein, was sie wollten. Er kam her, um Familienleben zu genießen. Er hatte es ja nirgends. Er hatte ja keine Gemütlichkeit, keine Bleibe.
Der Erwecker:
Man muß sich vorstellen, in welch einem fürchterlichen Elend sich im Jahr nach dem Ersten Weltkrieg während der Inflation das ganze Volk befand. Man .hungerte, man fror, man hatte kein Geld, man hatte nichts zu essen.
Es war eine derartige Depression über Deutschland gekommen, dazu dann diese ganz scharf links gerichtete Spartakistengruppe, dann die Räterepublik in München. Das war der reinste Anarchismus.
Da war es doch selbstverständlich, daß die deutsch empfindenden Menschen versuchten, sich zusammenzuschließen und auch irgendwie nach einer Führung verlangten. Und als dann in München dieser damals doch völlig unbekannte Hitler auftrat und seine wirklich flammenden Reden hielt und uns quasi versprach, durch eine neue Volksgemeinschaft den Versuch zu machen, uns zu retten -- da war man in jeder Hinsicht bereit, sich ihm anzuschließen.
Der Reifer:
Für seine Gedanken und Ideen habe ich mich schon begeistert. Man darf auch nicht vergessen, daß innerhalb unserer Familie ein sehr starkes Deutschbewußtsein vorhanden war. Also mein Mann war absolut deutschbewußt, der hat maßlos unter der Niederlage 1918 gelitten und suchte überall Kontakte zu Menschen, die bereit waren, Deutschland wieder aufzubauen. Mich hat bei Hitler sehr begeistert die Idee der Volksgemeinschaft. Diese Idee ist nie so lebendig gewesen wie zu Anfang des Nationalsozialismus. Also diese absolute Gemeinschaft der Arbeiter der Faust und der Arbeiter der Stirn.
Dann fand ich großartig die Idee, die Jugend von der Straße wegzuholen. Die Jugend hatte wieder ein Ziel, hatte Begeisterung, wurde im gesunden Sinne zum Sport angetrieben. Und immerhin ist es doch damals gelungen, der Arbeitslosigkeit Herr zu werden; die Jahre von 1933 bis 1939 waren schließlich doch sehr fruchtbare Jahre für Deutschland. Und das Ausland hat in jeder Weise Hitler und damit auch den Nationalsozialismus anerkannt.
Der gute Freund:
Er war ein guter Freund, den man freudig begrüßte und gern als Gast bei sich hatte. Für uns war er überhaupt nicht der Führer, er war einfach der auf einer Seite fesselnde Mensch. Ich habe nie etwas Abstoßendes von ihm erlebt, das ist ja das Merkwürdige.
Er hatte diesen österreichischen Herzenstakt, diese Wärme. Ich kannte ihn doch von 1923 bis 1945, das sind 22 Jahre; ich habe in diesen Jahren nie eine menschliche Enttäuschung an ihm erlebt. Ich meine, abgesehen natürlich von den Sachen, die draußen vor sich gingen. Aber das berührte mich ja nicht.
Ich werde stets in Dankbarkeit seiner gedenken, weil er mir buchstäblich hier in Bayreuth die Wege bereitet hat und mir geholfen hat in jeder Weise. Und ich meine, dieses nachher so Gegen-ihn-Losgehen und gegen uns: Das halte ich für völlig unberechtigt.
Wenn Hitler heute hier zur Tür reinkäme, ich wäre genauso fröhlich, so glücklich, ihn hier zu haben wie immer.

DER SPIEGEL 10/1976
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