01.03.1976

MEDIZINKüche geschlossen

Funf Menschen starben, nachdem 2600 deutsche und finnische Urlauber verseuchte Bordkost genossen hatten. Die Gefährlichkeit des Erregers war unterschätzt worden.
Den fünfjährigen Yaake Ahonen brachten seine Eltern, als das Urlauberflugzeug aus Helsinki auf der Sonneninsel Gran Canaria gelandet war, gleich ins Krankenhaus. Aber die Ärzte konnten den schweren Brechdurchfall und das damit verbundene Ausdörren des Körpers nicht mehr stoppen. Nach zwei Tagen, am vorletzten Sonntag, starb das Kind.
Es war der erste von fünf Todesfällen, verursacht durch verseuchte Bordverpflegung ... Alles in allem", resümierte letzten Freitag Professor Hans-Philipp Pöhn vom West-Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA), seien 500 deutsche Spanienurlauber infiziert worden, "ein Drittel erkrankte nur leicht", 20 lagen am Freitag noch in Krankenhäusern. Auch von den finnischen Fluggästen der Chartergesellschaft Spantax waren viele erkrankt.
Auf elf Flügen war das infektionsträchtige" Bord-Menü verabreicht worden. Die "DC-8" und "Coronado" starteten jeweils in Las Palmas, brachten Heimkehrer zum Beispiel nach Hamburg, Hannover oder Helsinki und luden dort wieder neue Urlauber ein, um sie nach Süden zu fliegen. Zwischen Donnerstag und Sonnabend vorletzter Woche erhielten 2600 Passagiere, davon etwa 1470 Deutsche, den nicht durchweg einwandfreien Imbiß.
Geliefert wurde das Essen für all diese Fluge, auch jeweils für die Rückkehr nach Süden, von der Spantaxeigenen Catering-Küche in Las Palmas. In großen Boxen, mit Trockeneis gekühlt, kamen die in Aluminiumfolie verpackten Fertig-Portionen an Bord.
Beim Fleisch differierte offenbar das Angebot. Einige Heimkehrer berichteten von aufgeschlitzten Würstchen, andere von Schweinebraten. Und "für die Finnen", so Spantax-Sprecherin Olga van Oppens in Madrid, "servieren wir immer Fleischbällchen. die mögen das lieber". Auf allen Tabletts aber gab es Salat mit Ei und Mayonnaise.
"Wir tippen auf den Salat als Infektionsquelle", erklärte denn auch Mediziner Pöhn. "Der hat stundenlang bei Zimmertemperaturen rumgestanden."
Aus seiner Sicht hält der BGA-Statistiker Pöhn Lebensmittelvergiftungen dieses Ausmaßes fast für "ganz normal". Denn allein 1975 sind in der Bundesrepublik 50 Salmonellen-Epidemien mit insgesamt 15 000 Erkrankungen registriert worden. Sprunghaft hat die Zahl der Salmonellen-Infektionen in den letzten Jahren zugenommen, seit 1970 auf das Dreifache.
Die Erreger, benannt nach ihrem Entdecker, dem amerikanischen Bakteriologen Daniel E. Salmon, sind stäbchenförmige Bakterien, die in 1200 Varianten vorkommen und beim Menschen unterschiedliche Krankheiten hervorrufen, vom hochgefährlichen Typhus über Paratyphus bis hin zu weniger schweren Darmentzündungen, die sich nur durch Bauchgrimmen bemerkbar machen.
Zu den eher harmlosen Erregertypen zählt Salmonella typhi-murium, der bei der Spantax-Epidemie als Auslöser identifiziert wurde. Er verursacht drei Viertel aller bei den Gesundheitsämtern gemeldeten Darmentzündungen, und er ist fast allgegenwärtig.
Daß es vermehrt zu Epidemien kommt, liegt vor allem an der zunehmenden Technisierung der Nahrungskette. Schon die in großen Mengen importierten Futtermittel wie etwa Fischmehl sind nicht frei von Salmonellen, aber auch Fertigprodukte wie Trockeneigelb enthalten den Erreger, und kaum eines der in Massen aufgezogenen Hähnchen ist noch frei davon.
Die "Ausweitung der Gemeinschaftsverpflegung in Kantinen und deren Technisierung" nennt BGA-Professor Pöhn als Hauptanlaß zur Sorge. Insbesondere können Keime übertragen werden, wenn servierfertige, portionierte Speisen wie Pudding und Salate mit roher Ware wie etwa Fleisch in derselben Kühltruhe gelagert werden.
Normalerweise wird der menschliche Organismus, wenn er mit der Nahrung, aus dem Leitungswasser oder etwa im Schwimmbad Salmonellen aufnimmt, mit den Erregern fertig. Zur gefahrbringenden Vermehrung der Bakterien aber kommt es vor allem, wenn Speisen nicht ausreichend erhitzt wurden (bei 58 Grad werden Salmonellen abgetötet) oder wenn die Kühlung für längere Zeit ausbleibt.
Erst am Mittwoch letzter Woche empfahl das Bundesgesundheitsamt dem spanischen Gesundheitsministerium, die Salmonellenquelle -- die Catering-Küche der Spantax -- zu schließen; doch das war am Montag schon geschehen.
Die offenbar schleppende Reaktion westdeutscher Gesundheitsbehörden auf den Salmonellenschub war wohl zum Teil darauf zurückzuführen, daß die Erkrankten die Gefahr ihrer Infektion unterschätzt hatten. Der Elmshorner Dieter Lorenz, der am Mittwoch letzter Woche starb, war vier Tage ohne ärztliche Hilfe geblieben.
Aber Verzögerungen gab es auch noch nach der ersten Krankheitsmeldung. Eineinhalb Tage brauchte das Gesundheitsamt des Landkreises Hannover. um die Adressen der Fluggäste heranzuschaffen und alle in Betracht kommenden 36 Gesundheitsämter zu alarmieren.
Insgesamt eher lax gehandhabt wird anscheinend auch die Kontrolle über die Bordverpflegung im internationalen Luftverkehr. So entschloß sich die Lufthansa zur freiwilligen Selbstkontrolle. Sie beauftragte das Hygiene-Institut der Universität Frankfurt, die LH-Bordspeisen regelmäßig und unangemeldet zu untersuchen.
Weitere freiwillige Vorsichtsmaßnahme der meisten Fluggesellschaften: Die Crew erhält eine andere (gesondert hergestellte) Kost als die Passagiere. Nur so wurde womöglich ein schweres Luftunglück verhindert, als im Februar letzten Jahres an Bord eines Jumbo-Jets der Japan Air Lines 142 Passagiere und ein Steward erkrankten; der Schinken im Bordmenü war mit Eitererregern (Staphylokokken) verseucht gewesen.

DER SPIEGEL 10/1976
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